Dr. Patrick Rapp
Sehr geehrte Frau Präsidentin, sehr geehrte Damen und Herren! Zwei Gedanken vielleicht vorweg: Zum einen tut es gut, zu hören, dass mit Blick auf die duale Ausbildung an vielen Stellen hier im Haus grundsätzliche Einigkeit herrscht. Zum Zweiten tut es gut, dass die Union, wie auch beim vorigen Tagesordnungspunkt die Kollegen von der grünen Fraktion, Debatten angemeldet hat, die sich um politische Gestaltung und um Inhalte kümmern. Insofern darf ich an dieser Stelle schon mal herzlich danken. (Beifall bei Abgeordneten der Grünen und der CDU) Meine Damen und Herren, das duale Ausbildungssystem, insbesondere natürlich die betriebliche Ausbildung, ist ein Erfolgsmodell – das haben hier bereits mehrere Redner gesagt, Thomas Dörflinger –, um das uns andere Länder beneiden. (Abg. Anton Baron AfD: Selbstbeweihräucherung!) Es steht sinnbildlich für gut ausgebildete Fachkräfte made in Germany. Es ist daher gut, das Thema heute politisch aufzugreifen und, so hoffe ich, am Ende dieser heutigen Debatte auch neu zu bewerten. Kollege Scheerer, auch wenn Sie jetzt mit vielen Gedanken mit Blick auf Schule und Differenzierung sicherlich nicht unrecht haben, so war es doch eine Debatte, die für den Bereich der dualen Ausbildung und nicht als Schuldebatte angemeldet wurde. (Zuruf von der FDP/DVP) Meine Damen und Herren, neben den aktuellen Herausforderungen durch die Pandemie und deren Auswirkungen, durch den russischen Angriffskrieg und dessen Folgen sowie durch die herrschende Inflation, die wir momentan sehen, stellt der Fach- und Arbeitskräftemangel das derzeit größte Problem für die Betriebe im Handwerk, im verarbeitenden sowie im Dienstleistungsgewerbe, aber auch in der Industrie dar. Bei der Gesamtbetrachtung der Situation, aber auch bei der Lösungssuche nimmt dabei die betriebliche Ausbildung eine grundlegende Rolle ein. Denn unser Ausbildungssystem orientiert sich am Bedarf der Betriebe, der Wirtschaft, und sie bringt Theorie und Praxis auf eine ideale, auf eine erfahrbare Weise zusammen. Von Anfang an – ich glaube, das brauchen wir auch nicht zu betonen – werden Auszubildende in die Abläufe in den Betrieben eingebunden. Sie sammeln von Beginn an die praktischen Erfahrungen, kombiniert mit Fachwissen. Sie haben dadurch natürlich auch die besten Übernahme- und die besten Zukunftschancen. Wer jetzt eine Ausbildung macht – auch das wurde hier schon in mehreren Beiträgen herausgearbeitet –, wird nach einem erfolgreichen Abschluss die gefragte Fachkraft von morgen sein. Gleichzeitig bildet die berufliche Ausbildung ein gutes, ein solides Fundament für eine berufliche Karriere. (Beifall bei der CDU und Abgeordneten der Grünen) iode – 38. Sitzung – Donnerstag, 12. Mai 2022 Sie eröffnet einem auch, auch wenn dies nicht immer im Vordergrund steht, die besten Chancen zur Weiterentwicklung – sei es in Richtung Führungsposition oder eben auch in Richtung Selbstständigkeit. Meine Damen und Herren, die Chancen auf einen Ausbildungsplatz sind derzeit mehr als gut. Das Angebot der gemeldeten Ausbildungsstellen für das im Herbst beginnende Ausbildungsjahr ist Stand April im Vergleich zum Vorjahr um 10 % gestiegen. Wir haben aktuell einen Stand von rund 69 000 gemeldeten Ausbildungsplätzen; dem stehen 41 000 Bewerberinnen und Bewerber gegenüber – eigentlich eine optimale Grundvoraussetzung. Aber auch wenn die Zahl der gemeldeten Plätze damit wieder das Vor-Corona-Niveau erreicht hat, zeichnet sich ein anhaltender Rückgang der Zahl der Bewerberinnen und Bewerber ab. Die Unternehmen im Land, insbesondere die kleinen und mittleren Betriebe im Handwerk – Kollege Dörflinger hat das thematisiert –, im Dienstleistungsbereich und im Mittelstand, suchen weiterhin händeringend Fachkräftenachwuchs. Deshalb muss es uns gelingen, die Attraktivität der Ausbildungsberufe sichtbarer zu machen, um mehr Jugendliche für eine Ausbildung zu begeistern – im Handwerk, in der Gastronomie und in vielen anderen Branchen. Denn klar ist: Die Azubis von heute sind die Fachkräfte von morgen. (Beifall bei der CDU und Abgeordneten der Grünen) Liebe Kolleginnen und Kollegen, wir alle wollen Baden-Württemberg zu einem Vorreiter bei den Themen Umweltschutz und Klimaschutz machen. Denn wir nehmen die Erwartungen der Gesellschaft, insbesondere der jungen Generation, sehr ernst. Aus diesem Grund wurden auch sehr ambitionierte politische Ziele formuliert. Aber die Formulierung von Zielen ist das eine, die Umsetzung ist das andere. Genau hier gilt es, genau hinzuschauen, wer denn eigentlich umsetzen kann. Die Handwerksbetriebe in unserem Land sind bereits heute die treibende Kraft bei der fachkundigen Umsetzung dieser Klimaschutzziele, dieser Klimaschutzprojekte. Nehmen Sie z. B. die Installation von Solaranlagen, Fotovoltaikanlagen oder auch die energetische Sanierung. Meine Damen und Herren, das Handwerk ist auch zunehmend digital geworden. An vielen Stellen heißt es immer wieder: „Die sind so veraltet.“ Pfeifendeckel! Denken Sie daran, in wie vielen Betrieben und in wie vielen Ausbildungsberufen heutzutage das Angebot mit Blick auf die Digitalisierung dem ebenbürtig ist, was in der Industrie angeboten wird. Denken Sie an Themen wie „Smart Home“, „Digitale Bauplanungen“ oder die E-Mobilität insgesamt – das alles sind feste Komponenten in den Ausbildungen. (Abg. Joachim Steyer AfD: Das ist das Problem!) Wer also als junger Mensch ganz konkret etwas für die Energiewende, für einen nachhaltigen Ressourceneinsatz und gegen die Erderwärmung unternehmen möchte, ist mit einer Ausbildung im Handwerk mit Sicherheit nicht an der falschen Stelle und hat eine glänzende Karriere vor sich. (Beifall bei der CDU und Abgeordneten der Grünen sowie der Abg. Gabriele Rolland SPD) (Staatssekretär Dr. Patrick Rapp) Die Handwerksbetriebe im Land tragen hierbei eine große Last. Jeder vierte Auszubildende in Baden-Württemberg wird durch Handwerksbetriebe ausgebildet. Mit der Aufstiegsfortbildung zum Meister oder zum Techniker ist der Karriereweg in Führungspositionen – wie vorhin schon gesagt; auch mit Blick auf die Selbstständigkeit – eigentlich schon in der Grund-DNA des Handwerks, aber auch des Mittelstands verankert. (Beifall bei Abgeordneten der CDU – Vereinzelt Bei- fall bei den Grünen) Es wurde eben auch viel über die Fragen geredet: Wie bekommen wir die Informationen denn an die jungen Menschen heran? Wie können wir die Vorteile einer beruflichen Ausbildung, den Weg einer guten beruflichen Ausbildung auch rüberbringen? Wie können wir die berufliche Orientierung unterstützen? Es wurde so getan, als stünden wir da ganz am Anfang. Das stimmt natürlich nicht. Die Coronapandemie – das wurde auch von der Kollegin Häusler thematisiert – hat natürlich auch Spuren hinterlassen. Es war nicht mehr möglich, in die Schule zu gehen, es war für die Ausbildungsbotschafter nicht mehr möglich, auf Augenhöhe mit den Schülerinnen und Schülern über ihre Wahl eines Ausbildungsberufs oder -betriebs zu reden, es war aber auch nicht mehr möglich, Praktika in den Betrieben zu absolvieren – aus Infektionsschutzgründen, aus Sicherheitsgründen für die Betriebe selbst. Zwei Drittel der Lehrkräfte haben im vergangenen Schuljahr berichtet, dass sie dies nicht gut finden, bzw. sie haben sich auch beklagt, dass über die Hälfte der üblichen Maßnahmen in den Abschlussklassen eben nicht durchgeführt werden konnten. Das war aber eine Situation, die wir jetzt hoffentlich hinter uns haben, eine Situation, in der den Jugendlichen insbesondere auch das praktische Erfahren mit Blick auf Ausbildungsplätze, auf Ausbildungsberufe gefehlt hat. Deswegen ist es wichtig, genau jetzt intensiv mit den Partnern des Ausbildungsbündnisses daran zu arbeiten, dass diese Kontakte wieder intensiviert werden, dass wir die Stellen, an denen das Land auch gemeinsam mit den Kammern und den IHKs unterwegs ist, wieder viel stärker in den Mittelpunkt stellen. (Beifall bei der CDU – Vereinzelt Beifall bei den Grünen) Doch eines ist auch klar: Das allein genügt nicht. Es wurde hier auch schon mehrfach angesprochen: Es gibt ein Imageproblem. Obwohl eine Ausbildung heutzutage modern und attraktiv, die berufliche Karriere lukrativ und chancenreich ist, wird der beruflichen Ausbildung nicht die Wertschätzung entgegengebracht, die sie verdient. Daher gilt für uns alle, sollte für uns alle gelten: Wir sollten aufhören, an bestimmten Stellen immer Fragezeichen zu setzen oder die Ausbildung schlechtzureden. Vielmehr müssen wir nach Wegen suchen, die Potenziale, die Zukunftschancen einer betrieblichen Ausbildung noch stärker herauszustellen und in der öffentlichen Wahrnehmung zu verankern. Wir müssen die Jugendlichen und die Familien mitnehmen, müssen sichtbar machen, dass man nicht nur dann beruflich eriode – 38. Sitzung – Donnerstag, 12. Mai 2022 erfolgreich sein kann oder per se erfolgreich ist, wenn man die akademische Ausbildungsvariante anstrebt, sondern dass eine betriebliche Ausbildung genau dasselbe Potenzial bietet. Um es konkret zu sagen: Wir sollten uns überlegen, ob es der richtige Weg ist, bei jeder Fragestellung rund um die Fachkräftesituation oder Fachkräftesicherung zunächst einmal reflexartig nach Akademisierung zu rufen. In bestimmten Bereichen – das wissen Sie auch – sind die Entwicklungs- und die Verdienstmöglichkeiten in einem Ausbildungsberuf heutzutage sogar deutlich besser als bei manchen Studiengängen. Das Sprichwort – das wurde vorhin auch schon genannt – „Handwerk hat goldenen Boden“ kommt nicht von ungefähr. Das zeigen die Entwicklungen in sehr vielen Berufsbildern, in sehr vielen Bereichen, zuletzt jetzt auch ganz stark in der Baubranche. (Beifall bei der CDU und Abgeordneten der Grünen) Deswegen führen wir schon seit einigen Jahren die Ausbildungsimagekampagne „Gut ausgebildet“ durch, die in den Pandemiejahren verstärkt auf die neuen Medien ausgerichtet war, um die Jugendlichen auch auf anderen Kanälen erreichen zu können. Wir haben Azubi-Influencer, die auf unterschiedlichen Ebenen und auf Augenhöhe ebenso wie die Ausbildungsbotschafter Gleichaltrigen über ihre Ausbildung berichten, teilweise sogar tageweise über das berichten, was sie am Ausbildungstag tun und erleben, die – ja – doch mit einem gewissen Brennen für ihre Berufe unterwegs sind und dafür Werbung machen. Aktuell sind es ungefähr 4 000 Ausbildungsbotschafter, die jetzt wieder unterwegs sind, die authentisch für die betriebliche Ausbildung werben. (Beifall bei der CDU und Abgeordneten der Grünen) Aber wir wollen es nicht dabei belassen, uns nur auf die Schülerinnen und Schüler zu fokussieren. Wir wollen auch diejenigen, die maßgeblich mit beeinflussen, wohin der Weg eines jungen Menschen geht, mit in diese Kampagne einbauen bzw. haben sie mit eingebaut: die Eltern. Sie sind wichtige Ratgeber. Deswegen gibt es auch eine parallel laufende Kampagne „Ja zur Ausbildung“, die sich speziell an die Eltern richtet, um hier einmal die Zusammenhänge darzustellen, Einblicke zu gewähren, die vielleicht zur Entscheidung für die eine oder andere Ausbildung beitragen werden. Die Kampagne informiert insbesondere auch über die Gleichwertigkeit – auch dies wurde hier schon dargestellt – von beruflicher und akademischer Bildung und zeigt Beispiele für „Karriere mit Lehre“. Wir freuen uns auch, dass seit diesem Jahr das Handwerk als weiterer Partner an dieser Kampagne teilnimmt und sie unterstützt. Mit Blick auf die Zukunft sehe ich die Ausbildungschancen positiv, die Karrierechancen der Jugendlichen in unserem Land optimistisch. Eine Berufsausbildung bietet weiterhin eine lukrative Zukunft für die jungen Menschen. Dann noch eine Information an die Jugendlichen: Die Betriebe suchen euch. Nutzt die Chancen, startet mit einer Ausbildung ins Berufsleben. Und für uns alle hier im Haus muss gelten: Unterstützen wir Initiativen, unterstützen wir die Stärkung der beruflichen Orientierung! (Beifall bei der CDU und Abgeordneten der Grünen) (Staatssekretär Dr. Patrick Rapp) Lassen wir der Ausbildung damit gemeinsam die Wertschätzung und Anerkennung zukommen, die ihr zustehen. Herr Kollege Fulst-Blei, mit Blick auf Ihre Forderung, in den Gymnasien mehr Berufsorientierung zu machen oder gar eine entsprechende Infowoche durchzuführen: Ich habe soeben mit unserer Kultusministerin gesprochen. Zum einen: Die Berufsorientierung in den Gymnasien existiert bereits. Zum anderen: Wir wollen für den Herbst entsprechende Schwerpunkte setzen, um die Berufsorientierung nochmals sichtbarer zu machen. (Beifall bei Abgeordneten der Grünen und der CDU – Zuruf: Bravo!) – Die Kultusministerin nickt. Habe ich das richtig verstanden? – Vielen Dank. Jetzt will ich mit einem Zitat schließen, das Wilhelm Busch zugeschrieben wird: Also lautet ein Beschluss: dass der Mensch was lernen muss. Das gilt für uns; es gilt für unsere Gesellschaft in vielerlei Hinsicht. Es gilt natürlich für die Ausbildungen, es gilt aber auch hier im Hohen Haus, vielleicht manchmal auch im Umgang miteinander. Es gilt für unsere Gesellschaft insgesamt mit Blick auf die Bewertung der dualen Ausbildung. Was ich persönlich erfahren und auch in vielen Gesprächen mitbekommen habe: Wenn man Spaß an einer Tätigkeit hat, ist es am Ende unerheblich, in welchem Ausbildungsgang man die Qualifikation erworben hat. Man macht es gut; der Erfolg stellt sich ein. Das geht vor allem auch sehr gut mit einer dualen Ausbildung. Vielen Dank. (Beifall bei den Grünen und der CDU)
