Martina Häusler
Sehr geehrte Frau Präsidentin, liebe Kolleginnen und Kollegen! Die berufliche Bildung ist das Rückgrat der Wirtschaft Baden-Württembergs. Das duale Ausbildungssystem ist bis heute ein entscheidendes Kernstück. (Beifall bei den Grünen und Abgeordneten der CDU) Dieses Kernstück gilt es – mit Blick auf die Entwicklung der letzten Jahre und die aktuellen Zahlen von unbesetzten Ausbildungsstellen – gleichwertig neben die akademische Bildung zu stellen; denn es hat sich etwas in der Wahrnehmung der Bedeutung und in der Wertschätzung von handwerklichen Berufen verschoben. Dem werden wir entgegensteuern. (Beifall bei Abgeordneten der Grünen und der CDU – Abg. Joachim Steyer AfD: Da bin ich mal ge- spannt!) Zusammen mit den Unternehmen in unserem Land und den relevanten Verbänden, allen voran den Handwerkskammern, zeigen wir die Vielfalt, die Chancen, die Karriere- und Entwicklungsmöglichkeiten im Handwerk auf. (Unruhe) Wir denken dabei nicht nur an die jungen Menschen – und ihre Eltern – beim Übergang von der Schule in den Beruf. Mit dem langjährigen, erfolgreichen Netzwerk für Teilzeitausbildung denken wir auch an alleinerziehende Frauen und Mütter. (Beifall bei den Grünen und Abgeordneten der CDU) Wir denken an geflüchtete Menschen, die in unserem Land Asyl suchen und ihren Lebensunterhalt und den ihrer Familien aus eigenen Kräften bestreiten wollen. Wir denken an die Zuwanderinnen und Zuwanderer aus der Europäischen Union und aus Drittstaaten. Wir denken u. a. mit der Maßnahme „AV Dual“ auch an Menschen mit Lernschwierigkeiten und Handicaps. Für uns in Baden-Württemberg sind hoch qualifizierte Fachkräfte existenziell. Wir brauchen beides: dual gut ausgebildete Fachkräfte und Menschen, die studieren wollen und können. (Beifall bei den Grünen und Abgeordneten der CDU sowie des Abg. Gernot Gruber SPD) Für die meisten unserer Kernbranchen wie die Automobilindustrie oder den Maschinenbau sowie – ganz aktuell und dringend – für die Energiewende und den Klimaschutz gilt nach wie vor: Allein auf eine Akademisierung der Bildung zu setzen wäre grundfalsch. Wer das duale System stärken will, darf die berufliche Bildung nicht als Gegensatz zum Abitur und zur akademischen Bildung verstehen, sondern muss beides zusammenbringen. Das tun wir. (Beifall bei Abgeordneten der Grünen und der CDU) Liebe Kolleginnen und Kollegen, an dieser Stelle ein paar Worte zu mir und meinem beruflichen Werdegang: Bevor ich (Martina Häusler) im letzten Jahr direkt in den Landtag gewählt wurde, war ich über 30 Jahre lang in den Bereichen Arbeit, Jugend und Langzeitarbeitslosigkeit, (Abg. Dr. Uwe Hellstern AfD: Auf dem Bau!) Bildung, gesellschaftliche Verantwortung im Mittelstand und Integration tätig. Begonnen habe ich diese Tätigkeit im Jahr 1984, als sowohl die Zahl der Arbeitslosen generell als auch die Zahl der jugendlichen Arbeitslosen auf einem Höchststand waren. Die Relation von Angebot und Nachfrage auf dem Ausbildungsstellenmarkt betrug eine Bewerberin, ein Bewerber auf 0,95 Ausbildungsstellen. Für Unternehmen bedeutete das, dass sie aus einem vollen Pool von Ausbildungsbewerberinnen und Ausbildungsbewerbern wählen konnten. Schon bei der Frage nach einem Ausbildungsplatz für Mädchen – z. B. als Schreinerin – wurde mit dem Hinweis auf die hohen Kosten für den zusätzlichen Einbau einer Frauentoilette abgewinkt. Seitdem hat sich vieles getan und verändert. Heute liegt die Relation bundesweit bei einer Bewerberin, einem Bewerber auf 1,67 Ausbildungsstellen. Die Gründe für den Rückgang sind vielfältig. Alle relevanten Akteure wie Schulen und auch schon Kitas, Unternehmen und Verbände, außerschulische Bildungs- und Beschäftigungsträger, Arbeitsagenturen und Jobcenter sind jetzt gefragt. Gemeinsam mit diesen werden wir dieser Entwicklung Konkretes entgegensetzen. Denn wir wollen immer auch das Wie aus der Praxis erfahren und dann in unsere politischen Weichenstellungen und Entscheidungen im konstruktiven Dialog einfließen lassen. Wir alle haben das gleiche Ziel: die Zukunftssicherung unseres Landes. (Beifall bei den Grünen – Vereinzelt Beifall bei der CDU) Baden-Württemberg soll und kann die innovativste Region Europas bleiben. Wir ermöglichen dadurch langfristige berufliche Perspektiven für alle – je nach Talenten und individuellen Möglichkeiten. Aus diesem Grund haben wir im letzten Monat auch zu einem Fachgespräch zum Fachkräftemangel im Bausektor eingeladen. Referent an diesem Nachmittag war auch der Geschäftsführer der Technischen Akademie für berufliche Bildung Schwäbisch Gmünd und der eule. Die eule gmünder wissenswerkstatt entstand im Jahr 2014 als europäisches Leuchtturmprojekt mit Fördermitteln der EU und des Landes Baden-Württemberg. Kinder und Jugendliche für Technik zu gewinnen war die Gründungsidee. Seit der Eröffnung wachsen die finanzielle Unterstützung und die inhaltliche Zusammenarbeit mit Unternehmen stetig an. Doch dieses Fachgespräch hat auch gezeigt, dass mehr gesellschaftliche und politische Anerkennung nötig ist und dass die Potenziale der Frauen, der Migrantinnen und Migranten sowie der Menschen mit Handicap noch nicht genügend erkannt und aktiviert werden. Berufliche Bildung und Weiterbildung werden künftig aufgrund des notwendigen Strukturwandels noch wichtiger werden. Wir sind uns mit unserem Koalitionspartner einig, dass wir die Gleichwertigkeit von allgemeiner und beruflicher Bildung betonen und handwerklichen und sozialen Berufen die gesellschaftliche und politische Anerkennung zukommen lassen, die sie verdienen. iode – 38. Sitzung – Donnerstag, 12. Mai 2022 (Beifall bei den Grünen und Abgeordneten der CDU – Vereinzelt Beifall bei der SPD) Diese Bedeutung wird auch in unserem Haushalt 2022 und in unseren Haushaltsplanungen für die nächsten Jahre deutlich. Wir setzen das Projekt „Dialog und Perspektive Handwerk 2025“ fort. Wir wollen die Meisterinnen- und Meistergründungsprämie, mit der wir in kluge Köpfe und Unternehmerinnen und Unternehmer für morgen investieren, verstetigen. Die duale Ausbildung wird attraktiver und mit Blick auf die Digitalisierung für die Zukunft fit gemacht. Wir wollen das Netzwerk Teilzeitausbildung weiter stärken, den Modellversuch „AV Dual“ flächendeckend ausrollen. Die Lernfabriken 4.0 wollen wir flächendeckend ausbauen und in die Modernisierung und Ausstattung von überbetrieblichen Bildungsstätten investieren. Das Fach „Wirtschaft, Berufs- und Studienorientierung“ haben wir bereits eingeführt, und zwar an allen allgemeinbildenden Schulen. Die Best-Practice-Beispiele zur Berufsorientierung wollen wir ausbauen und übertragbarer machen. Neben der AzubiCard Baden-Württemberg, die zum Ausbildungsbeginn 2021 eingeführt wurde, kommt zum März 2023 das 365-€-Ticket auch für Auszubildende. (Beifall bei den Grünen und Abgeordneten der CDU) Meine Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen, die duale Ausbildung ist ein Motor der Wirtschaft in unserem Land und die tragende Säule der Energiewende; denn ohne Fachkräfte werden wir diese kaum stemmen können. Die duale Ausbildung ist ein beruflicher Erfolgsweg, da sie zahlreiche Möglichkeiten und Perspektiven eröffnet. Wir müssen diese Chancen, die Karriere- und Entwicklungsmöglichkeiten aufzeigen und deren Wert in der Gesellschaft erhöhen. Lassen Sie uns diese große Aufgabe gemeinsam angehen. Vielen Dank dafür schon jetzt – auch für Ihre Aufmerksamkeit. (Beifall bei den Grünen und Abgeordneten der CDU)
