Reinhold Pix
Sehr geehrter Herr Präsident, meine Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen! Neben der Klimakrise erleben wir seit Längerem eine weitere große, globale Krise, die im allgemeinen Bewusstsein leider oftmals etwas untergeht: das rasante Artensterben, bedingt durch menschliches Handeln. Auf diesem Planeten verlieren wir täglich bis zu 150 Tier- und Pflanzenarten für immer. Dieses Artensterben findet nicht nur in fernen Ländern, in Regenwäldern statt; vielmehr steht auch vor unserer eigenen Haustür in Baden-Württemberg eine populäre Art kurz vor dem Aussterben: das Auerhuhn. Denn um den großen Schwarzwälder Waldvogel steht es schlecht, sehr schlecht. Im vergangenen Jahr wurden während der Auerhuhnbalz im Frühjahr im gesamten Schwarzwald nur 114 Hähne gezählt. Zählt man die gleiche Zahl weiblicher Tiere dazu, kommt man auf insgesamt 228 Auerhühner. Die Mindestzahl für eine langfristig überlebensfähige Population von 500 Tieren im Schwarzwald ist bereits seit einigen Jahren deutlich unterschritten. Mit großer Sorge erwarte ich daher auch die Monitoring-Ergebnisse der diesjährigen Auerhuhnbalz, die gerade noch im Gange ist. Es ist wohl zu erwarten, dass es im Jahr 2022 nicht besser, sondern eher dramatischer zu werden scheint. Man kann auch einfach sagen: Die Aussterbeuhr zeigt eins vor zwölf und nicht mehr nur fünf vor zwölf. Wenn wir nicht sofort das Ruder herumreißen, verlieren wir nicht nur eine faszinierende Vogelart, sondern der Schwarzwald seinen Charaktervogel. Das wäre eine Katastrophe für den Artenschutz. Deshalb müssen wir die Trendwende noch in dieser Legislatur schaffen. Entsprechende Maßnahmen sind ohne jedes weitere Zögern anzugehen. Um zu verstehen, warum jetzt mehrere Maßnahmen angegangen werden müssen, sollte man jedoch erst einmal begreifen, wieso es so dramatisch um das Auerhuhn steht. Hier spielen viele Faktoren eine Rolle. Eines direkt vorweg: Die Windkraftanlagen im Schwarzwald sind nicht für den Rückgang der Auerhuhnpopulation verantwortlich. (Beifall bei Abgeordneten der Grünen – Vereinzelt Beifall bei der CDU – Abg. Udo Stein AfD: Welche Beweise haben Sie da?) Es gibt auch kaum eine Art in Baden-Württemberg, die so genau erforscht wird, wie es beim Auerhuhn der Fall ist. Daher können wir auch auf der Basis wissenschaftlicher Grundlagen sagen, dass Auerhühner Windenergieanlagen, wie im Übrigen auch andere Infrastrukturprojekte, meiden. Das Auerhuhn ist nun mal eindeutig ein Kulturflüchter, eine Art, die Lärm, Unnatürliches und die Nähe des Menschen meidet. (Abg. Udo Stein AfD: Was ist Windkraft?) Aus diesem Grund gilt in Baden-Württemberg nach wie vor: Die Auerhuhnlebensräume sind und bleiben Tabuzonen für Windkraftanlagen. Auerhuhn und Windkraftanlagen dürfen sich nicht ins Gehege kommen – und das geht. (Reinhold Pix) Da wir genau wissen, wo die Auerhuhnlebensräume und die Verbindungskorridore zwischen den einzelnen Populationen im Schwarzwald liegen, können wir aber auch sagen, wo die Errichtung von Windkraftanlagen möglich ist, ohne dabei das Auerhuhn zu beeinflussen. Im Schwarzwald heißt es deshalb nicht Auerhuhn oder Windkraft, sondern Auerhuhn u n d Windkraft – beides ist möglich. (Beifall bei Abgeordneten der Grünen – Vereinzelt Beifall bei der CDU) Deshalb werde ich es nicht akzeptieren, wenn man versucht, das eine gegen das andere auszuspielen. Das ist billige Instrumentalisierung. (Zuruf) Die wahren Ursachen des Rückgangs der Auerhuhnpopulation sind ganz andere. Allen voran ist der Verlust geeigneten Lebensraums als Ursache zu nennen. Auerhühner bevorzugen aufgelichtete Nadelholz- sowie Bergwälder mit reicher Krautschicht, vorwiegend Heidelbeere, also keine dunklen Fichtenhecken, sondern Wälder, in denen ausreichend Sonne auf den Boden kommt. Doch genau diesen Lebensraum findet man im Schwarzwald leider immer seltener. Aus unterschiedlichen Gründen werden die Wälder immer jünger, dichter, dunkler und die Heidelbeere inzwischen immer höher, als es dem Auerhuhn und vor allem dessen Küken recht ist. Deshalb müssen wir Menschen in dieser Situation aktiv mit Maßnahmen zur Lebensraumverbesserung eingreifen. Es klingt zwar vielleicht paradox, aber im Idealfall sollte in Auerhuhnwäldern intensiv Holz geerntet werden. Die Nutzung des Holzes wäre dann sogar im doppelten Sinn ökologisch: Einerseits bindet es CO , und andererseits wird durch dessen Nutzung die biologische Vielfalt erhöht, indem der Wald für das Auerhuhn und andere seltene Arten aufgelichtet wird. Das Nützen und Schützen, Ökonomie und Ökologie können beim Auerhuhn auch Hand in Hand gehen. Das Überleben des Auerhuhns steht und fällt mit dem geeigneten Lebensraum. Finden die Tiere keinen geeigneten Lebensraum vor, dann kommen andere Faktoren, wie der Druck durch Fressfeinde oder die menschliche Störung durch Freizeitnutzungen, deutlich stärker zum Tragen und bringen das Fass vollends zum Überlaufen. Wir müssen uns im Klaren sein: In stabilen Auerhuhnpopulationen ist der Beutegreifereinfluss gering. Ist der Bestand der Fressfeinde jedoch hoch, dann kann die Prädation zum Zünglein an der Waage werden. Da wir im Schwarzwald genau diese Situation vorfinden, ist es unumgänglich, dass nun bei uns eine strikte Bejagung der Fressfeinde des Auerhuhns stattfinden muss. Das heißt im Klartext auch, dass unsere Jägerschaft im Auerhuhngebiet, allen voran die jagende Forstpartie, statt Rehwild auch vermehrt wieder Füchse schießen muss. Mindestens ebenso bedeutend ist neben dem Faktor der Prädation die Auswirkung menschlicher Freizeitaktivitäten in den Auerhuhnlebensräumen. Nicht erst seit der Coronapandemie werden die Hochlagen des Schwarzwalds von Freizeitsuchenden buchstäblich überrannt. Problematisch sind hierbei vor allem diejenigen, die – egal, ob bewusst oder unbewusst – abseits der Wege in den Wohnzimmern der Wildtiere unterwegs sind; denn jede Form der Störung bedeutet Stress für die Tieeriode – 37. Sitzung – Mittwoch, 11. Mai 2022 re. Insbesondere in der sensiblen Winterzeit kann jede Störung den sofortigen Stresstod für das Auerhuhn bedeuten. Eine Lösung dieses Problems stellen Wildruhegebiete dar, die wir verstärkt ausweisen müssen. Darauf haben wir uns auch im Koalitionsvertrag mit der CDU geeinigt. Wir werden das auch tun, vor allem in den Auerhuhngebieten des Schwarzwalds. In diesen Gebieten muss sich der Mensch zurücknehmen und dem Ruhebedürfnis der Wildtiere Raum geben. Davon profitiert dann nicht nur das Auerhuhn, sondern profitieren auch viele andere störungsempfindliche Wildtierarten. Hier kommt insbesondere auch dem Nationalpark eine Schlüsselrolle zu. Denn dort gibt es noch wichtige Auerhuhnlebensräume. Es freut mich daher, dass man dort aktiv vorangehen und im Rahmen eines Notfallplans Auerhuhn weitreichende Maßnahmen für den Schutz der Tiere unternehmen wird. (Beifall bei Abgeordneten der Grünen und der CDU) Meine sehr geehrten Damen und Herren, für einige mag nach der Aufzählung der einzelnen, doch sehr vielseitigen Probleme das Schicksal des Auerhuhns schon besiegelt sein, nach dem Motto: „Das Auerhuhn stirbt wegen des Klimawandels ja ohnehin. Wir sollten unsere Nutzungen – sei es Forstwirtschaft, Windenergie oder Freizeit – nicht durch diesen Vogel einschränken lassen.“ Aber ich sehe das völlig anders. Die Situation ist extrem komplex und schwierig, aber nicht aussichtslos. Wir dürfen dieses Symbol der Vereinbarkeit von Schützen und Nützen nicht verlieren. Gerade deshalb appelliere ich an alle Beteiligten, die mit dem Auerhuhn zu tun haben – an Försterinnen, Förster, private und kommunale Waldbesitzende, an ForstBW, an die Jägerinnen und Jäger, den Naturschutz und auch den Tourismus –: Rettet das Auerhuhn! (Beifall bei den Grünen und Abgeordneten der CDU) Es wurde schon sehr viel für das Auerhuhn getan. Dafür bin ich Ihnen allen auch sehr dankbar. Doch es sind noch viel mehr und großflächigere Kraftanstrengungen nötig. Und dazu bedarf es dringend der entsprechenden Haushaltsmittel. Wir haben es in der Hand. Wir wissen dank umfangreicher Forschung, Erfahrung und Monitoring, was zu tun ist. Noch können wir unser Schwarzwälder Wappentier retten. Wenn es ausstirbt, haben wir es nicht geschafft. Es wäre ausreichend, das vorhandene Wissen zu nutzen und umzusetzen. Mit dem Maßnahmenplan Auerhuhn, der als Teil des Aktionsplans nun vom Ministerium – sehr geehrter Herr Minister – ausgearbeitet wurde, haben wir ein Instrument an der Hand, mit dem wir die Trendwende noch in dieser Legislaturperiode schaffen können. Dafür sollte man nun aber keine Zeit mehr verschwenden. Der Maßnahmenplan muss so schnell wie möglich umgesetzt werden, besser heute als morgen in die konkrete Umsetzung in der Fläche gehen. (Beifall bei Abgeordneten der Grünen und der CDU) Zum Glück wurde hierfür als Impulsgeber und wichtiger Koordinator der Maßnahmenumsetzung vor zwei Jahren der Verein „Auerhuhn im Schwarzwald“ gegründet. Wir alle können diesem Verein beitreten, ihn unterstützen, eine Allianz für das Miteinander von Mensch und Natur bilden. Nur wenn wir alle, von den Entscheidungsträgern in der Politik über die Förs- (Reinhold Pix) terin, den Waldbesitzer, die Jägerin, den Bürgermeister bis hin zu den Waldbesuchenden, unsere jeweilige Verantwortung übernehmen, können wir diesen Charaktervogel des Schwarzwalds noch vor dem Schicksal des Aussterbens bewahren. Wenn wir es beim Auerhuhn nicht schaffen, unseren Umgang mit der Natur in eine andere Richtung zu lenken, dann, meine Damen und Herren, ist das ein Armutszeugnis unserer Kultur und unserer Gesellschaft. Vielen Dank. (Beifall bei den Grünen und Abgeordneten der CDU)
