Petra Olschowski
Nein. (Zuruf des Abg. Udo Stein AfD) Wichtig sind in diesen Prozessen, die wir angehen, auch im Zusammenhang mit der Aufarbeitung des Kolonialismus, drei Stichworte. Das eine ist, Transparenz herzustellen, insbesondere und gerade auch für die Herkunftsgesellschaften, damit sie gleichberechtigt in den Prozess der Erarbeitung von Provenienz eingebunden werden können. Das Zweite ist die Erforschung der Provenienz als unverzichtbare Grundvoraussetzung auch für Restitution, aber nicht nur für Restitution. Und drittens ist eine systematische Arbeit an den Objekten notwendig. Sie alle haben es gesagt: Das Linden-Museum unter der Leitung von Frau Professorin Inés de Castro leistet hier Hervorragendes. Ihm kommt eine national beachtete Vorreiterfunktion zu. Ich möchte an dieser Stelle auch sagen, dass wir, das Land, alle Prozesse, die das Linden-Museum in diesem Zusammenhang vorangebracht hat – insbesondere im Bereich Digitalisierung, aber auch die personelle Stärkung –, ohne Unterstützung der Stadt allein getragen haben, lieber Herr Brauer. Auch dies sei an dieser Stelle gesagt. Wenn das Bild entstehen sollte, die Stadt sei Vorreiter, kann ich das absolut nicht bestätigen. (Beifall der Abg. Nese Erikli GRÜNE) Ein wichtiges Thema war und ist die Namibia-Initiative. Sie wissen, dass wir unseren Auftrag in einer weltweiten Kulturpolitik auch so verstehen, dass Restitutionen keine Einbahnstraßen sind, sondern dass wir das, wie im Fall der Witbooi-Bibel, zum Anlass nehmen, kooperativ zu arbeiten. Deswegen kann ich Ihnen sagen und versichern, dass es keinen Streit ausgelöst hat, dass wir Bibel und Peitsche zurückgegeben haben, sondern dass wir in guten, kooperativen Kontakten sind. (Abg. Udo Stein AfD: Die Bibel ist nicht mehr öf- fentlich zugänglich und liegt in Windhoek im Tresor! – Zuruf der Abg. Carola Wolle AfD) – Das ist die Entscheidung derer, denen diese Bibel gehört. (Beifall bei den Grünen und Abgeordneten der SPD – Vereinzelt Beifall bei der CDU) Sie war übrigens auch hier nicht öffentlich zugänglich. Würden Sie das Linden-Museum ab und zu besuchen und von innen kennen, dann wüssten Sie, dass die Bibel auch bei uns nicht ausgestellt gewesen ist, sondern im Depot lag. (Beifall bei den Grünen und Abgeordneten der SPD – Vereinzelt Beifall bei der CDU – Abg. Daniel An- dreas Lede Abal GRÜNE: Das wollen wir dem Linden-Museum lieber ersparen! – Zuruf des Abg. Udo Stein AfD) Ich komme zum nächsten Thema, das angesprochen worden ist: das Beispiel Benin-Bronzen. Sie haben es gesagt: Aktuell (Staatssekretärin Petra Olschowski) gibt es eine Debatte um die Rückgabe der Benin-Bronzen. Sie wissen, dass es sich um Objekte aus Elfenbeinholz, teilweise auch aus Bronze – nicht alle sind aus Bronze – handelt, die 1897 im Rahmen einer militärischen Strafaktion von britischen Kolonialtruppen aus dem ehemaligen Königspalast geraubt wurden und anschließend auf dem Kunstmarkt verkauft worden sind. Das Linden-Museum hat etwa 70 Objekte. Auch hier gibt es ein abgestimmtes Vorgehen zwischen den Ländern und der Bundesrepublik. Erst gestern fand in Berlin ein Treffen mit Herrn Professor Abba Tijani, dem Generaldirektor der National Commission for Museums and Monuments in Nigeria, statt. Dabei ging es um die Ausgestaltung der Übergabeverträge zwischen den Museen und ihren Trägern – das sind wir – und der nigerianischen Seite. Das Grundprinzip wird sein, dass das Eigentum an Nigeria übertragen werden soll. Rückführungen sollen schon in diesem Jahr stattfinden. Gleichzeitig soll ein Teil der Objekte als Dauerleihgabe in unseren Museen verbleiben. Auch das vielleicht zum aktuellen Stand, lieber Herr Brauer. Ich mache jetzt einen Sprung und will einfach noch mal sagen: Das Linden-Museum ist natürlich nicht nur wichtig im Zusammenhang mit der Aufarbeitung des Kolonialismus, sondern gerade auch für junge Besucherinnen und Besucher bei der Vermittlung ganz vieler Fragen verschiedener Kulturen. Deswegen abschließend zum Gebäude des Linden-Museums. Es ist vollkommen einstimmig, wir alle sind uns einig, dass das Haus aufgrund seines Zustands und des Platzbedarfs eine andere räumliche Situation braucht. Für uns im Land hat dieses Thema absolute Priorität. Deswegen haben wir die Reise gemacht, und deswegen haben wir im Verwaltungsrat auch geklärt, dass wir dieses Vorhaben voranbringen wollen. (Zuruf des Abg. Udo Stein AfD) Wir haben die Stadt Stuttgart, die zuständig ist, die Grundstücksfrage zu klären, gebeten, diese Frage schnell und vorrangig zu klären. Dabei ist für uns und für das Museum wichtig, dass es kein Bereich außerhalb des Stadtzentrums ist, sondern ein Bereich in der Nähe des Stadtzentrums, im Stadtzentrum. Möglicherweise kann das neue Suttgart-21-Gelände hier infrage kommen. Unser Ziel ist es, dass die Bewertung möglicher Varianten und des weiteren Vorgehens bis zum Jahresende erfolgt. Sie haben es schon gesagt: Wir brauchen dann einen etwaigen Planungshorizont von zehn Jahren. Nicht zuletzt aber ist Voraussetzung für eine Realisierung eine Aufnahme in die Haushaltspläne von Stadt und Land. Liebe Kolleginnen und Kollegen, im Kern der Museumspraxis sind zunehmend dialogische Formate unter Partizipation von Vertreterinnen und Vertretern aus den Herkunftsgesellschaften und der diversen Stadtgesellschaft verankert. Sie bilden wesentliche Säulen einer globalen Kulturpolitik. Dafür braucht es die richtigen neuen Räume als Zeichen unserer freien und offenen Diskurs- und Begegnungskultur. Ich sage Ihnen zu, dass wir uns in der Landesregierung mit der Stadt so schnell wie irgend möglich für eine positive Zukunftsentwicklung der Gebäudesituation des Linden-Museums einsetzen. Ganz herzlichen Dank. (Beifall bei den Grünen, der CDU und der SPD) eriode – 34. Sitzung – Mittwoch, 6. April 2022
