Petra Olschowski
Wir können es hiermit beenden, und ich möchte auf alle weiteren Ausführungen, die eriode – 34. Sitzung – Mittwoch, 6. April 2022 Sie gemacht haben und die wirklich derart, so will ich mal sagen, nicht angemessen sind, nicht weiter eingehen. (Abg. Martin Rivoir SPD: Abgründe!) Meine Damen und Herren, die Regierungserklärung und die Reaktionen darauf heute Morgen haben natürlich einen Rahmen gesetzt, der komplex ist für eine Debatte wie die, die wir jetzt hier führen, insbesondere wenn wir nicht nur über ein Gebäude, sondern über die Frage globaler Kulturpolitik sprechen. Es ist auch hier jetzt schon über Völkerverständigung und anderes gesprochen worden. Ich sage Ihnen ehrlich, dass mich seit Beginn dieses Krieges durchaus auch die Frage beschäftigt, ob unsere intensiven und zahlreichen Kontakte und Kooperationen, auch in den Bereichen Wissenschaft, Forschung und Kunst, mit Russland denn so gar keine positiven Auswirkungen auf das Miteinander gehabt haben sollten. Die Frage ist, ob die Vorstellung, dass Kunst und Kultur etwas zum Verständnis der Menschen, ihrer Lebensumstände, (Abg. Emil Sänze AfD: Das hat mit Kunst nichts zu tun, das ist Soziologie!) ihrer Haltungen, ihrer Unterschiedlichkeit, auch über Grenzen hinweg beitragen können, möglicherweise zu idealistisch gewesen ist. Wenn man sich aber das Gesamtfeld anschaut, muss man auch sagen: Ein schlechtes Beispiel kann nicht für die Weltgemeinschaft als Ganze stehen; für viele Jahrzehnte hatten wir Frieden. Und doch zeigt das Agieren Russlands – wie auch mancher Personen hier im Landtag –, dass dieses Verständnis von Kultur, das unsere Arbeit prägt, keine Selbstverständlichkeit ist. Das bedeutet auch: Unsere Verantwortung als demokratische Gesellschaft und als politisch Handelnde reicht weiter, als jetzt Hilfe zu leisten – was absolut notwendig ist und wofür ich dankbar bin –: Wir müssen in Reaktion auf gewaltsame Konflikte, auf Manipulationen und autoritäre Machtstrukturen mit Bildung, Aufklärung und Transparenz antworten, uns weiterhin europa- und weltweit vernetzen (Zuruf von der AfD: Kommen Sie zum Thema!) und im intensiven gesellschafts- und kulturpolitischen Kontakt in der Weltgemeinschaft bleiben. (Beifall bei den Grünen – Zuruf von der AfD: The- ma, bitte!) Denn die Bedeutung freier, öffentlicher Diskursräume und deren Stärkung ist für unsere Demokratie noch wichtiger geworden. Museen sind in ihrem heutigen Verständnis wichtiger Teil dieser freien, öffentlichen Diskurskultur. Sie präsentieren nicht mehr nur Sammlungsgut – auch dies war übrigens über Jahrhunderte hinweg häufig eine Demonstration von Machtwillen und Unterdrückung –, sie sind heute Orte, an denen Strukturen hinterfragt werden, historische Prozesse für die Gegenwart erfahrbar gemacht werden und unterschiedliche Blickwinkel aufeinandertreffen und ausgetauscht werden. Seit einigen Jahren befinden sich insbesondere die ethnologischen Museen in einer Umbruchphase. Auslöser dafür ist vor allem der deutlich kritischere Umgang mit der in vielen Tei- (Staatssekretärin Petra Olschowski) len kolonialen Herkunft der Sammlungen und der Haltung, mit der diese Museen eingerichtet und gebaut worden sind. Viele Museen – wir haben es gehört – haben zuletzt durch Neubauten, Umbauten und Neukonzeptionen die Chance genutzt, ihre Sammlung und ihren Auftrag neu zu bewerten und stärker als bisher ein Ort des Dialogs von Menschen aus verschiedenen Kulturen zu werden. Es geht dabei auch darum, den eurozentrischen Blick hinter sich zu lassen und Multiperspektivität als Methode zu etablieren. Dabei ist die Zusammenarbeit mit Herkunftsgesellschaften und ihrem Wissen, ihrem Blick von zentraler Bedeutung. Lieber Herr Brauer, das ist, glaube ich, auch ein Unterschied zu früheren Zeiten: Es geht eben nicht darum, dass wir und unsere Kuratoren allein diese Sammlungen aufarbeiten, sondern dass diese das im Kontakt mit den Herkunftsgesellschaften tun. Ich glaube nicht, dass es überhaupt Objektivität geben kann, und wir können Objektivität auch nicht herstellen. Aber die Museen und auch das Linden-Museum – ich komme nachher noch dazu – sind nach meinem Eindruck auf einem guten Weg, genau diese Fragen und die dahinter stehende Selbstkritik in Zusammenarbeit, in Kooperation zu beantworten. In den Debatten um die Grundlagen für unseren gesellschaftlichen Zusammenhalt haben die Museen der Weltkultur, wie diese sich jetzt oftmals nennen, durch eine in die Gesellschaft hineinwirkende postkoloniale, antirassistische Haltung europaweit eine zentrale gesellschaftspolitische Bedeutung erlangt. Die Frage, die sich heute stellt, ob der Neubau des Linden-Museums eine Chance für eine neue Rolle Baden-Württembergs in einer globalen Kulturpolitik darstellt, ist also relevant und aktuell – und sie ist klar mit einem Ja zu beantworten. Auch aus diesem Grund haben wir dieses Thema im Koalitionsvertrag so festgeschrieben. Es ist viel zum Linden-Museum gesagt worden, auch, dass Stadt und Land das Museum gemeinsam tragen und dass es für die weitere Entwicklung beider Partner bedarf. Es sind einige Themen angesprochen worden, die auch jetzt schon für die Neupositionierung der Kulturpolitik des Landes und auch für die Ausrichtung des Linden-Museums wichtig sind, und zwar als Voraussetzung für das, was wir als eine globale Kulturpolitik bezeichnen. Sie wissen, dass die Erforschung unseres kolonialen Erbes und der verantwortungsvolle Umgang damit auch mir persönlich ein zentrales Anliegen ist. Aus unmittelbarer Erfahrung mit den Prozessen, die wir bereits in Gang gesetzt haben, kann ich Ihnen sagen, dass gerade dieser Umgang von den Menschen in den ehemals kolonialisierten Ländern aufmerksam verfolgt wird und zum Maßstab der Glaubwürdigkeit unserer Bemühungen für gegenseitigen Austausch gemacht wird. Sie wissen, auch im Linden-Museum gibt es zahlreiche Objekte aus kolonialen Zusammenhängen, aber natürlich nicht nur. Auch das muss an dieser Stelle gesagt werden. Es kann also überhaupt nicht darum gehen, dass wir, wenn wir jetzt einige oder auch mehrere, vielleicht auch viele Objekte zurückgeben, bei dem hohen Bestand, den das Museum hat – Sie haben es vorhin gehört: 160 000 Objekte –, keine Objekte mehr hätten. periode – 34. Sitzung – Mittwoch, 6. April 2022 (Glocke des Präsidenten)
