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Stephen Brauer

FDP 06.04.2022 Sitzungen 17/34

Sehr geehrter Herr Präsident, liebe Kolleginnen und Kollegen! Vom Krieg in der Ukraine zum Linden-Museum – wat mutt, dat mutt. Die Situation im Linden-Museum, das aus dem im Jahr 1884 gegründeten Handelsgeographischen Museum hervorgegangen ist, ist nicht gut; das haben wir jetzt bereits mehrfach gehört. Das im Jahr 1911 eröffnete Haus ist eines der bedeutendsten Völkerkundemuseen Europas. Mit 160 000 Objekten aus Amerika, Afrika, Asien, dem islamischen Orient und der Südsee ist es auch eines der größten. Bereits im Jahr 2018 hat die FDP-Gemeinderatsfraktion die Mängel und Probleme des Bestandsgebäudes erfasst: fehlende Barrierefreiheit, fehlende Parkmöglichkeiten, mangelhafter Brandschutz, extremer Platzmangel in der Exposition und in den Magazinen. Die Landesregierung hat in ihrer Antwort auf eine Anfrage des Kollegen Rivoir den aktuellen Zustand sowohl quantitativ als auch qualitativ als unbefriedigend bezeichnet. Das Museum selbst hat einen zusätzlichen Raumbedarf von rund 6 000 m2 postuliert. Leider ist es fast unmöglich, den geschilderten Problemlagen am derzeitigen Standort adäquat zu begegnen. Ein Umzug in ein anderes Gebäude – wahrscheinlich einen Neubau – scheint unausweichlich. Allein die Vorgaben des Denkmalschutzes sprechen gegen eine moderne und zukunftsfähige Sanierung. Die Situation selbst ist schon unbefriedigend genug. Berücksichtigt man allerdings museumspädagogische Aspekte sowie eine eventuelle Neuausrichtung hinsichtlich der Aufarbeitung des kolonialen Erbes oder auch nur ganz profane Dinge wie die Verbesserung des Raumklimas, kommt man um einen Neubau wohl nicht herum. Auf die Frage des Standorts will ich hier nicht weiter eingehen. Dass ein Neubau auf dem Gelände von Stuttgart 21 wünschenswert wäre, ein kulturelles Highlight darstellen würde und als Haus der Kulturen die Wurzeln der vielen verschiedenen Ethnien, die in Stuttgart zusammenleben, zeigen könnte, hat Ministerpräsident Kretschmann bereits vor sechs Jahren dargelegt. Seit dem betreffenden Interview im Jahr 2016 herrscht allerdings bedrückender Stillstand bei diesem Thema. Die Diskussion wird also, wie zuletzt bei der Staatsoper, auf kommunaler Ebene geführt, und das Land hält sich erst mal bedeckt. Allerdings wird es sich bei der Frage der Finanzierung nicht zurückhalten können; denn die 50:50-Regelung besteht und wird umso mehr ins Bewusstsein gerückt, je näher der Tag X kommt. Dabei kommt es natürlich entscheidend auf die Gesamtkosten an, die im Jahr 2013 von der damaligen Kulturbürgermeisterin Dr. Susanne Eisenmann auf 400 Millionen € taxiert wurden – wohlgemerkt: für Linden-Museum und Staatsoper sowie ein paar kleinere Projekte zusammen. Schön wär’s, können wir heute sagen. (Stephen Brauer) Eines ist klar: Wenn man nicht die eingepreiste Baukostensteigerung von 3,5 % bei der Staatsoper, sondern die derzeitigen tatsächlichen Preissteigerungen im Bausektor, nämlich 7 % und mehr, unterstellt, kann man auch beim Linden-Museum eine ganz üble Überraschung erleben. Aber so weit sind wir ja noch lange nicht. Wenn es ganz, ganz schnell geht, dürfte 2028 die Planung fertig sein und im Jahr 2032 das neue Linden-Museum fertiggestellt werden, vorausgesetzt, dass Land und Stadt zusammen mit dem Linden-Museum noch in diesem Jahr eine wirtschaftlich darstellbare Lösung vorlegen und das Projekt in ihre Haushaltspläne aufnehmen. Nach dem Zuwarten in der Vergangenheit ist das für mich schlicht unvorstellbar. Ich habe es bereits angesprochen: Es gilt neben dem Platzproblem und den gesetzlichen Vorgaben etwa zu Barrierefreiheit oder Brandschutz sowie einer Verbesserung des Raumklimas noch die Frage der inhaltlichen und auch der pädagogischen Gesamtkonzeption zu berücksichtigen. Da ist zum einen der Umgang mit dem kolonialen Erbe. Denn nicht erst seit der Restitution von Bibel und Peitsche aus dem Hause Witbooi an Namibia wissen wir, welche Stolpersteine auf dem internationalen Parkett liegen. In Namibia verursachte die Rückgabe neuen Streit zwischen der Regierung und den Stammesgesellschaften und auch in der Familie Witbooi selbst. (Zuruf des Abg. Udo Stein AfD) Der Titel der von der SPD beantragten Aktuellen Debatte enthält zu Recht auch den Verweis auf die Rolle Baden-Württembergs in einer globalen Kulturpolitik. Gerade beim Linden-Museum stellt sich die Frage nach dem Umgang mit kolonialem Erbe bzw. mit den geraubten Objekten. Es soll jetzt nicht der Eindruck entstehen, dass wir von der FDP/DVP die Platzprobleme im Linden-Museum durch die Restitution lösen wollen. (Heiterkeit des Abg. Martin Rivoir SPD) Aber diese offenen Fragen müssen geklärt werden, bevor man sich an einen Neubau macht. Auch hier wäre mehr Tempo angezeigt. (Beifall bei der FDP/DVP) Erst im Juli letzten Jahres hat das Land einen Grundsatzbeschluss zur Rückgabe von Benin-Bronzen aus Nigeria gefasst. Das ist keine leichte Aufgabe für das Linden-Museum, das über 78 solcher Objekte, davon 64 Bronzen, verfügt. Die Museumsleitung soll den Spagat schaffen zwischen der Aufgabe, Raubkunst aus einem Unrechtskontext zurückzugeben, und dem Hinwirken darauf, diese Kulturgüter dem hiesigen Publikum in Ausstellungen zugänglich zu machen. Zwar erarbeitet das Auswärtige Amt derzeit den Entwurf für eine politische Rahmenerklärung mit Nigeria über die Eigentumsübertragungen und Rückgaben sowie eventuelle Leihgaben für die Ausstellungen hier vor Ort. Letztendlich soll es aber dem Linden-Museum selbst obliegen, seine Sammlung zukunftsfest und rechtssicher auszugestalten. Hilfe vom hiesigen Verfassungsgerichtshof bei der Klärung der Rechtsfragen kann man nicht erwarten. Dieser hat sich bereits bei Bibel und Peitsche aus dem Hause Witbooi für nicht zuständig erklärt. periode – 34. Sitzung – Mittwoch, 6. April 2022 Die Klärung unseres Umgangs mit dem kolonialen Erbe hat direkte Auswirkungen auf die Zukunft unserer Museen, insbesondere des Stuttgarter Linden-Museums. Bei Sanierung, Umbau, Erweiterung und Neubau muss dieses Erbe stets mitgedacht werden. Damit endet der lange Aufgabenkanon des Linden-Museums noch immer nicht. Die ethnologischen Museen stehen weltweit im Fokus, was die Auseinandersetzung mit dem Kolonialismus und seine Folgen für die Gegenwart betrifft. Dabei geht es nicht nur um die Frage der Restitution. Es geht dabei auch um die Frage, ob Kulturgeschichten anderer Ethnien überhaupt von Museen dargestellt werden können, die in der Kolonialzeit entstanden sind. Das Handelsgeographische Museum wurde als Vorläufer des Linden-Museums 1884 gegründet, zu einer Zeit also, in der die Inseln Makada und Mioko gerade als Bestandteile des Schutzgebiets Deutsch-Neuguinea unter Reichsschutz gestellt wurden; die Kolonialisierung nahm bei uns gerade Fahrt auf. Spinnt man diesen Gedanken weiter, so gelangt man zu dem Punkt, an dem man sich die Frage stellt, ob die Nachfahren der Kolonialherren die Kulturgeschichte der unterworfenen und ausgebeuteten Kolonien überhaupt objektiv darstellen können. Diese Frage greift die Direktorin des Linden-Museums, Inés de Castro, auf und verspricht einen selbstreflexiven und kritischen Umwandlungsprozess hin zu einem verantwortungsvollen Umgang mit den Sammlungen. Das ist natürlich lobenswert und zeugt vom Problembewusstsein der Direktorin. Denkt man diesen Ansatz aber weiter, kommt man zu der Frage, ob Selbstreflexion überhaupt möglich ist und ob nicht alle Bestrebungen, Objektivität beim Thema Kulturgeschichte zu schaffen, von Anfang an ins Leere laufen. Dass diese Diskussionen kommen werden, kann ich Ihnen an einem anderen Beispiel verdeutlichen. Der Vorwurf der kulturellen Aneignung führte dazu, dass die Künstlerin Ronja Maltzahn bei einem Konzert, das von Fridays for Future organisiert wurde, ausgeladen wurde. (Abg. Daniel Andreas Lede Abal GRÜNE: Was hat das jetzt mit Restitutionsansprüchen zu tun?) Die weiße Künstlerin trägt Dreadlocks und eigne sich dadurch die Identität schwarzer Menschen an, die durch Kolonialismus ausgebeutet wurden, so die Veranstalter. Folgt man diesen – meiner Meinung nach völlig kruden – Gedankengängen, ist eine objektive Auseinandersetzung mit dem kolonialen Erbe in deutschen Museen, von Deutschen gemacht, von vornherein gänzlich ausgeschlossen. Denken Sie einmal darüber nach, wie Sie dazu stehen, liebe Kolleginnen und Kollegen. Auch die Landesregierung muss ihre Haltung hierzu erklären, sonst ergibt eine Neukonzeption oder gar ein Neubau überhaupt keinen Sinn. Die folgenden Fragen müssen aus unserer Sicht geklärt werden – wir kommen zu einer anderen Reihenfolge als der Kollege von der CDU –: Erstens: Ist Objektivität bei Völkerkundemuseen überhaupt herstellbar? Wir glauben, tendenziell schon. Zweitens: Wie gehen wir mit einem kolonialen Erbe um? (Stephen Brauer) Drittens: Was braucht ein modernes, barrierefreies, klimafreundliches und zukunftsfestes Museum? Und: Wo soll es dann stehen? Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. (Beifall bei der FDP/DVP)

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