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Stefanie Seemann

GRÜNE 10.03.2022 Sitzungen 17/32

Frau Präsidentin, liebe Kolleginnen und Kollegen! 111 Jahre Weltfrauentag, das ist definitiv ein Grund zum Feiern. Die Hauptforderung aus dem Jahr 1911 war das Frauenwahlrecht, das zum Glück für uns in Deutschland selbstverständlich ist. Aber so groß dieser Schritt auch gewesen sein mag: Wir sind längst noch nicht da, wohin die Frauenbewegung schon damals wollte. Parität in den Parlamenten, gleicher Lohn für gleiche Arbeit, das Recht auf Schwangerschaftsabbruch oder der Kampf gegen Gewalt (Stefanie Seemann) an Frauen – wollten, ja sollten wir nicht eigentlich im Jahr 2022 schon weiter sein? Die Gleichstellung der Geschlechter ist bis heute nicht erreicht – weder in Baden-Württemberg noch in Deutschland oder weltweit. (Beifall bei den Grünen und der SPD sowie Abgeord- neten der CDU) Bereits Artikel 3 des Grundgesetzes sichert uns genau diese Gleichberechtigung der Geschlechter aber zu, und Frauenrechte sind Menschenrechte. Frauen haben ein Recht auf gleichwertige Teilhabe, auf ein Leben in Würde und Selbstbestimmung. Spätestens seit sich Deutschland klar zu den 17 Zielen der Agenda 2030 bekannt hat, ist es wirklich höchste Zeit, bestehende Nachteile für Frauen endlich abzubauen. Denn auch unter den UN-Nachhaltigkeitszielen finden wir mit Ziel 5 die Gleichstellung der Geschlechter, und als Querschnittsthema findet sich die Gleichstellung sogar in elf weiteren Zielen. Schauen wir uns beispielsweise die Forderung nach gleicher Bezahlung für Männer und Frauen an. Sie ist unter Ziel 8 – Menschenwürdige Arbeit und Wirtschaftswachstum – der Agenda verankert. Die Realität sieht jedoch anders aus. Erst am Montag, dem 7. März, fanden zahlreiche Aktionen zum Gender-Pay-Gap statt; denn Frauen in Deutschland verdienen noch immer 18 % weniger als ihre männlichen Kollegen. (Abg. Anton Baron AfD: Das ist nicht bereinigt!) Hochgerechnet auf das Jahr arbeitet eine Frau also bis zum 7. März umsonst, während ihre männlichen Kollegen seit dem 1. Januar für ihre Arbeit bezahlt werden. (Abg. Anton Baron AfD: Schwachsinn!) Der etwas weniger bekannte Gender-Care-Gap oder der im Dritten Gleichstellungsbericht der Bundesregierung vorgestellte neue Indikator „Gender-Care-Share“ beschreibt den unterschiedlichen Zeitaufwand, den Frauen und Männer für unbezahlte Sorgearbeit aufbringen. Wir alle wissen: Den Großteil dieser für die Gesellschaft immens wichtigen Arbeit – Hausarbeit, Kinderbetreuung, Pflege – übernehmen in Deutschland nach wie vor Frauen; das gilt auch für Paarbeziehungen ohne Kinder. Ganz konkret in Zahlen ausgedrückt: Frauen investieren 52,4 % mehr Zeit in unbezahlte Sorgearbeit als Männer. Diese Zeit fehlt ihnen an anderer Stelle, beispielsweise im Job. Das wirkt sich nicht nur bezüglich der finanziellen Unabhängigkeit der Frauen aus, sondern auch ganz direkt auf ihre Altersvorsorge. Zudem zeigt der Gender-Care-Share, dass mit Homeoffice zwar von Männern und Frauen insgesamt mehr Sorgearbeit geleistet wird; bei Frauen ist es aber fast dreimal so viel. (Zuruf des Abg. Ruben Rupp AfD) Das heißt, auch wenn beide Geschlechter mehr anpacken, führt das Homeoffice unter dem Strich nicht zu einer ausgeglicheneren Verteilung der Sorgearbeit; vielmehr klafft die Schere nur noch weiter auseinander. iode – 32. Sitzung – Donnerstag, 10. März 2022 Schon in den 1990er-Jahren gab es die Forderung nach einer gleichwertigen Aufteilung der Care-Arbeit zwischen Männern und Frauen. Sie ist bis heute nicht erfüllt. Auch wenn dies nicht für jeden Einzelnen hier im Saal gelten mag: Liebe Männer, ran an die Putzlappen! Es wird Zeit. (Heiterkeit und Beifall bei den Grünen und der SPD sowie Abgeordneten der CDU und der FDP/DVP) Wir wissen auch, dass sich in der Coronapandemie aufgrund der Schul- und Kitaschließungen die Situation nochmals verschärft hat. Wo nötig, haben Frauen ihre Arbeitszeit reduziert oder die Arbeit sogar ganz aufgegeben. Diese Kraftanstrengung mündet jetzt bei vielen Frauen in eine tiefe Erschöpfung, und an vielen Stellen ist eine Retraditionalisierung sichtbar. Das müssen wir wieder umkehren. (Beifall bei den Grünen sowie Abgeordneten der CDU und der SPD – Vereinzelt Beifall bei der FDP/ DVP) Dabei hat Sorgearbeit einen zentralen Stellenwert für unsere Gesellschaft. Wir alle sind zu irgendeinem Zeitpunkt unseres Lebens von ihr abhängig. Doch unser Wirtschaftssystem basiert darauf, dass ausgerechnet diese Arbeit nicht ausreichend wertgeschätzt und honoriert wird. (Zuruf von der AfD: So ein Quatsch!) Umso dringender brauchen wir eine ernsthafte politische Debatte dazu, wie wir etwas ändern können. (Beifall bei den Grünen und Abgeordneten der CDU) Wir Grünen fordern seit Langem: Wer Sorgearbeit leistet, verdient die Anerkennung und Unterstützung der Gesellschaft. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie durch bedarfsgerechte Kinderbetreuungsmodelle und flexible Arbeitszeitmodelle muss überall selbstverständlich werden, und wer Sorgearbeit zum Beruf macht, sollte dafür auch die Wertschätzung erhalten, die dieser enorme Beitrag zum Gemeinwohl verdient. (Beifall bei den Grünen und der CDU sowie des Abg. Andreas Stoch SPD – Zurufe von der AfD – Unruhe) Chancengleichheit für Mädchen und junge Frauen muss auch sogenannte Männerberufe einbeziehen. (Zurufe von der AfD – Unruhe bei der AfD) Mädchen und Frauen müssen wissen, wie die heutige Berufswelt aussieht und welche Chancen sie ihnen bietet – insbesondere mit dem Blick auf MINT-Fachbereiche. (Anhaltende Unruhe bei der AfD)

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