Dr. Andre Baumann
Sehr geehrter Herr Präsident, meine Damen und Herren! Die Regierung hat im grünschwarzen Koalitionsvertrag vereinbart, mit der Region einen Prozess zur Entwicklung eines Biosphärengebiets Allgäu-Oberschwaben zu initiieren. Auf das Wörtchen „initiieren“ – Herr Hailfinger, Sie haben es dargelegt – kommt es an. Wir wollen die Erfolgsgeschichte der Biosphärengebiete in Baden-Württemberg um ein weiteres, ein drittes Kapitel fortschreiben. Deswegen haben wir diese Initiierung durchgeführt. (Beifall bei Abgeordneten der Grünen – Vereinzelt Beifall bei der CDU) – Danke schön. – Damit uns das gelingt, wird der gleiche Entwicklungsprozess gewählt wie bei den ersten beiden Biosphärengebieten: ein Bottom-up-Ansatz, ein regionaler Ansatz und ein Freiwilligkeitsansatz. Das ist kein Schutzgebiet von oben, sondern eines, das wächst. Das braucht dann eben auch seine Zeit. Das ist auch manchmal mühevoll. Wir wollen es unterstützen, aber es ist wichtig, dass auch von unten starke Wurzeln anwachsen, weil später dann auch starke Wurzeln das Schutzgebiet tragen. riode – 28. Sitzung – Donnerstag, 3. Februar 2022 So lief es im Biosphärengebiet Schwäbische Alb – das hat Kollege Hailfinger sehr schön dargestellt –, so lief es im Südschwarzwald, und so läuft der Prozess dann auch in Allgäu-Oberschwaben. Da wurde eine Initiierung gestartet. Frau Ministerin Walker war vor Ort und hat die Schritte dargestellt, auch die Erfolge aus den anderen Biosphärengebieten und die Angebote des Landes Baden-Württemberg. Heute Abend findet eine Veranstaltung auf Einladung des Landrats Sievers im Landkreis Ravensburg statt. Es werden heute Abend auch andere Informationsveranstaltungen stattfinden. Jetzt werden regionale Veranstaltungen durchgeführt. Die Menschen und die Region machen sich auf den Weg – hoffentlich in Richtung Biosphärengebiet. Ich bin sehr dankbar, dass die ersten Rückmeldungen von vielen Kommunen in der Region Allgäu-Oberschwaben grundsätzlich positiv waren, dass wir auch positive Rückmeldungen von Bewirtschafterinnen und Bewirtschaftern sowie von Landnutzern bekommen haben. Aber es gab natürlich auch kritische Rückmeldungen. Ich erinnere an die Anfangszeit des heutigen Biosphärengebiets Schwäbische Alb. Da gab es eine Krisensituation auf der mittleren Schwäbischen Alb. Die Bundeswehr zog ab. Der Truppenübungsplatz Münsinger Hardt wurde frei, und die Kaufkraft der Soldatinnen und Soldaten sowie der zivilen Bereiche nahm ab. Die Region – mein Großvater kommt von der Alb; er kommt aus Römerstein – (Zuruf des Abg. Dr. Markus Rösler GRÜNE) war durchaus in einer Krise. Deswegen war man dankbar, dass man mit einem Biosphärengebiet – damals noch „Reservat“ genannt; man wollte aber nicht in einem Reservat wohnen – eine neue Chance bekam. Viele Gemeinden haben mitgemacht. Es haben aber nicht alle mitgemacht. Deswegen sieht man auch da den Freiwilligkeitsansatz. Wenn man sich die Kulisse des Biosphärengebiets Schwäbische Alb anschaut, dann sieht man, dass sie nicht so kreisrund und so aufgegliedert ist wie in der Plakette, im Logo von EU-ROPARC, sondern es ist manchmal ausgefranster. Es fehlt manchmal die eine oder andere Gemeinde, die man eigentlich drin haben wollte, die aber nicht reingekommen ist. Den Freiwilligkeitsansatz sieht man also auch an dieser ausgefransten Schutzgebietskulisse. Heute sieht das ganz anders aus. Heute wollen – das wurde schon dargestellt – viele Gemeinden mit in die Kulisse des Biosphärengebiets Schwäbische Alb hineinkommen. 40 Gemeinden wollen hineinkommen. Sie wollten schon vor ein paar Jahren hinein. Wir haben einen geordneten Prozess aufgesetzt, sodass dann nach zehn Jahren eine Evaluierung des Biosphärengebiets, ein geordneter Prozess durchgeführt wird: Welche Gemeinden kommen hinein, welche vielleicht nicht? Denn – das wurde schon dargestellt – es gibt eine maximale Größe für ein Biosphärengebiet nach den Kriterien des MAB-Nationalkomitees. Gleiches – Frau Rolland, Sie haben eben die Gemeinde Feldberg angesprochen – gilt auch im Biosphärengebiet Schwarzwald. Dort gab es auch diesen regionalen Prozess. Ich sage es (Staatssekretär Dr. Andre Baumann) hier ganz ehrlich: Ich hätte mir natürlich schon gewünscht, dass die Gemeinde Feldberg hineinkommt. (Abg. Gabriele Rolland SPD: Das war damals nicht möglich!) – Das war damals nicht möglich. Aber auch hier sieht man: Es ist ein Freiwilligkeitsprinzip. Wir mussten das akzeptieren. Es gab einen Gemeinderatsbeschluss, und nach einer erfolgreichen Evaluierung der UNESCO-Anerkennung kann man einen ähnlichen Prozess starten, um das Biosphärengebiet Schwarzwald möglicherweise zu erweitern, auf der Basis von objektiven Kriterien in einem geordneten Prozess. Ob dann die Gemeinde Feldberg hineinkommt, das wird man dann sehen. Das kann man jetzt noch nicht entscheiden. Aber ich persönlich muss sagen: Ich würde mich freuen, wenn die Gemeinde Feldberg mit dem höchsten Berg des Schwarzwalds und diesen wunderbaren Natur- und Kulturlandschaften hineinkäme. (Beifall bei den Grünen sowie Abgeordneten der SPD und der FDP/DVP) Es wurde die Frage gestellt: Wie sieht es denn mit den beiden Stellen aus, die eingerichtet werden sollen? Die stehen im Haushalt 2022 zur Verfügung. Die Stellen werden in der Region für die Region ausgebracht, um diesen regionalen Prozess zu starten. Ich kann Ihnen jetzt nicht genau sagen, wie weit der Besetzungsprozess für diese Stellen erfolgt ist, aber sie sollen so schnell wie möglich den regionalen Prozess voranbringen – mit der Region für die Region. Dann werden viele, viele Veranstaltungen durchgeführt werden, wie es damals auf der Alb war, wie es im Schwarzwald war. So wird es in der Region Allgäu-Oberschwaben auch sein. Und das ist gut so. Ich danke schon jetzt all denjenigen, die sich aktiv in den Verbänden, in der Verwaltung einbringen. Ich danke auch all denjenigen, die dann auch Patin oder Pate in den beiden existierenden Biosphärengebieten stehen. Da weiß man, dass dann Bauernverbände von der Alb – ich will nicht sagen: Entwicklungshilfe – Beratung geben, wie sich ein Biosphärengebiet anfühlt. Das wird nicht aufoktroyiert. Landwirte werden davon profitieren. Ich bin auch sehr dankbar, dass sich dann auch die Touristikerinnen und Touristiker austauschen, damit man von anderen Biosphärengebieten Erfahrungen sammeln kann, vielleicht lernen kann, Fehler, die man anfangs gemacht hatte, in einem neuen Biosphärengebiet zu vermeiden. Darüber hinaus danke ich all denjenigen, die sich aktiv in diesen manchmal mühevollen Prozess hineinbegeben, und ich gehe einmal davon aus – ich hoffe es –, dass am Ende nach diesem langen Prozess ein Biosphärengebiet in der Region Allgäu-Oberschwaben entsteht. Jetzt möchte ich noch kurz darauf zu sprechen kommen, warum wir Biosphärengebiete einrichten. Es wurde dargestellt, dass die UNESCO das Programm „Man and the Biosphere“ hier vor vielen Jahren entwickelt hat, um Regionen repräsentativ auszuwählen, in denen die Welt von morgen und übermorgen schon einmal ausprobiert wird, Zukunftslandschaften, in denen eine nachhaltige Entwicklung mit allen drei Säuode – 28. Sitzung – Donnerstag, 3. Februar 2022 len der Nachhaltigkeit – Ökologie, aber auch Ökonomie und soziale Belange – gleichberechtigt stattfindet. Die Fokussierung und Konzentrierung auf Naturschutz wird diesem ursprünglichen Gedanken nicht gerecht. Deswegen ist es wichtig, dass in allen Biosphärengebieten alle drei Säulen der Nachhaltigkeit gleichermaßen bedient werden. Aber natürlich umfassen die Biosphärengebiete Kulturlandschaften von großer Bedeutung, auch wichtige Naturlandschaften. Hier geht es dann eben mit den Bewirtschafterinnen und Bewirtschaftern, den Landwirtinnen und Landwirten und den Eigentümern darum, Wege zu finden, wie das auch gehen kann. Biosphärengebiete bieten die Möglichkeit, Fördermittel zu generieren. Sie bekommen auch hohe Fördermittel – ich werde darauf noch eingehen – und erhöhen die Attraktivität der Wohnorte für Fachkräfte, stärken die Identität – Sie haben es dargestellt als Älbler – und kommen der Region zugute. Welche ökonomisch erfolgreichen Auswirkungen die Biosphärengebiete haben, wird seit vielen Jahren von Professor Job von der Uni Würzburg untersucht. Wir haben in Deutschland 18 Biosphärengebiete. Diese generieren rund 220 Millionen € allein durch den Tourismus. In dem Biosphärengebiet Schwäbische Alb läuft das auch sehr erfolgreich. 15 % der Besucherinnen und Besucher kommen wegen des Biosphärengebiets, sind sogenannte Biosphärentouristen, und die lassen ein bisschen mehr Geld da als der normale Tourist auf der Alb. Das ist auch gut so, weil dann die Wertschöpfung oben auf der Alb bleibt. Seit der Gründung des Biosphärengebiets sind das rund 16 Millionen € zusätzlich durch die sogenannten Biosphärentouristinnen und -touristen. Das entspricht rechnerisch rund 530 Vollzeitäquivalenten. Es ist also ein Erfolgsmodell des Naturschutzes und einer nachhaltigen Entwicklung. Jetzt machen wir uns auf den Weg zu einem neuen Biosphärengebiet in der Region Allgäu-Oberschwaben. Der Prozess ist gestartet. Da haben wir auch einmalige Kultur- und Naturlandschaften. Sie haben es schon dargestellt. Es sind die Moorlandschaften mit dem Pfrunger-Burgweiler Ried, mit dem Wurzacher Ried, mit dem Federsee, dem größten Moor Baden-Württembergs. Jetzt ist die Frage: Wie sieht die Kulisse aus? Das wird dann eben gemeinsam in einem iterativen Prozess entwickelt. Ich bin sehr dankbar, dass die Region sich auf den Weg macht und dass wir ebendiese Moorlandschaften mit den Landwirtinnen und Landwirten sowie den Eigentümerinnen und Eigentümern so entwickeln, dass Klimaschutz und Naturschutz auch gefördert werden können, und zwar in einem kooperativen Ansatz. Es ist das Ziel, dass wir die wunderbaren Flusslandschaften wie z. B. die Argen mit den Menschen und eben auch dort entwickeln – das sind beispielsweise die Adelegger und Ausläufer der Alpen –, fördern und voranbringen. Ich möchte zum Schluss kommen. Ich freue mich, dass der Prozess gestartet wurde. Wir unterstützen ihn seitens des Landes nach Kräften, aber es darf nicht der Eindruck entstehen, dass wir das zu sehr puschen würden und die Region sozusagen überrollt würde. Deswegen wird das dann eben in einem iterativen Prozess gemeinsam gestaltet. (Staatssekretär Dr. Andre Baumann) Ich hoffe, dass wir am Ende erfolgreich sind und ein möglichst gutes Gebiet Allgäu-Oberschwaben entwickeln. Ich danke Ihnen für die Unterstützung des Biosphärengebiets Allgäu-Oberschwaben. Vielen Dank für die Aufmerksamkeit. (Beifall bei den Grünen, der CDU und der SPD so- wie Abgeordneten der FDP/DVP)
