Jutta Niemann
Sehr geehrte Frau Präsiden tin, liebe Kolleginnen und Kollegen! (Zurufe: Mikro!) eriode – 27. Sitzung – Mittwoch, 2. Februar 2022 tokoll vom 2. Februar 2022 10:04 Uhr Auch wenn Wasserstoff das Element mit der geringsten Atom masse ist, so ist es in der politischen Diskussion doch ein Schwergewicht. Es wird sehr viel über die zukünftige Was serstoffwelt diskutiert, über die möglichen Einsatzbereiche, denkbare Bedarfe und andere Zukunftsszenarien. Wie genau diese Zukunft aber im Detail aussehen wird, ist noch nicht klar. Daher ist es umso wichtiger, sich mit einem gut geeich ten Kompass auf den Weg in diese Zukunftswelt zu machen und vorbereitet zu sein. (Beifall bei den Grünen und der CDU) Auch wenn wir die zukünftige konkrete Ausgestaltung der Wasserstoffwelt noch nicht kennen, wissen wir genau, wel ches Ziel wir damit verfolgen. Wir verfolgen das Ziel einer klimaneutralen Wirtschaft, einer klimaneutralen Gesellschaft, die unsere Lebensgrundlage, die unsere Arbeitsplätze und auch unseren Wohlstand sichern. (Beifall bei den Grünen sowie Abgeordneten der CDU und der FDP/DVP) Genau dafür ist der Ausbau einer Wasserstoffwirtschaft made in Baden-Württemberg eine große Chance. Mit ihr bringen wir die Energiewende voran, wir schaffen neue Arbeitsplätze und nutzen die Stärken der baden-württembergischen Unter nehmen. Denn die Stärke der vielen mittelständischen Unter nehmen im Land liegt eben in der Innovationskraft, im Tüft lergeist. So schaffen wir es dann, die Zukunftstechnologien hier vor Ort zu entwickeln. Um unseren Kompass auf diesem Weg zu eichen, sollten wir uns auch beim Thema Wasserstoff klar an den wissenschaft lichen Erkenntnissen orientieren. Die Wissenschaft ist sich ei nig: Wir werden in Zukunft viel grünen Wasserstoff brauchen – z. B. in der Grundstoffchemie, in der Produktion und Verar beitung von Papier, Glas oder Zement, auch im Schwerlast verkehr, im Schiffsverkehr oder für die Versorgungssicherheit mit Strom und Fernwärme. Wasserstoff wird in Zukunft wich tig sein. Es stellt sich aber die Frage, wie viel Wasserstoff wir brau chen. Hier gehen die Szenarien auseinander. Eine Studie der Plattform Erneuerbare Energien BW geht von ungefähr 47 TWh Wasserstoff jährlich bis 2045 aus. Zum Vergleich: Im Moment liegt der Stromverbrauch in Baden-Württemberg bei ungefähr 70 TWh. Dieser Strom würde auch für die Produktion von Wasserstoff benötigt. Daran sieht man schon einmal die Di mension, um die es hier geht. Deshalb die nächste Frage: Wo kommt der ganze klimafreundliche Wasserstoff her? Denn nur (Jutta Niemann) Wasserstoff, der aus zusätzlichen erneuerbaren Energien stammt, ist ein wirklicher Beitrag zum Klimaschutz. (Beifall bei den Grünen und Abgeordneten der CDU) Das heißt, einem Schritt in die zukünftige Wasserstoffwelt muss ein sehr großer Schritt beim Ausbau von Wind- und So larenergie vorangehen. Nur so kommen wir dem Ziel der Kli maneutralität wirklich näher. Es zeigt auch, dass grüner Wasserstoff ein sehr kostbares Gut sein wird. Er muss deshalb insbesondere in den nächsten Jah ren dort eingesetzt werden, wo es keine effizienteren Lösun gen, z. B. eine Elektrifizierung, gibt. Insgesamt sind das also eigentlich ziemlich ernüchternde Fak ten, und trotzdem ist das Thema Wasserstoff extrem populär, und das auch zu Recht. Denn Wasserstoff hat großes Potenzi al für den Klimaschutz und auch für unsere Wirtschaft. (Beifall bei den Grünen und Abgeordneten der CDU) Unser Ziel als Grüne ist es, Baden-Württemberg zu einem be deutenden Entwicklungs- und Produktionsstandort für die Wasserstofftechnologien zu machen. Baden-Württemberg ist dafür bestens aufgestellt. Wir haben eine Vielzahl exzellenter Hochschulen, Universitäten und Forschungseinrichtungen. Wir haben viele innovative Unternehmen entlang der nötigen Wertschöpfungskette. Ausgehend von dieser guten Ausgangsposition wollen wir die Forschung und den Markthochlauf der Wasserstofftechnolo gien vorantreiben und so gerade auch den Branchen Mobili tät und Maschinenbau Zukunftsperspektiven bieten. Studien beziffern das Umsatzpotenzial für Baden-Württemberg im Be reich Wasserstofftechnologien auf etwa 8,6 Milliarden €. Au ßerdem schafft dieser Bereich über 16 500 Arbeitsplätze, und durch den Spillover-Effekt in andere Branchen können es auch noch mehr sein. Ganz entscheidend auf dem Weg zur zukünftigen Wasserstoff welt ist neben unserem wissenschaftlich geeichten Kompass die Wasserstoff-Roadmap Baden-Württemberg. Diese hat die Landesregierung im Jahr 2020 verabschiedet, und sie ist un ser Fahrplan für den Hochlauf der nachhaltigen Technologi en. Unsere Wirtschaft steckt mitten im Transformationsprozess, und die Roadmap zeigt, wie wir Wirtschaft und Klimaschutz eng miteinander verbinden können. Sie adressiert die notwen digen Maßnahmen in den jeweiligen Sektoren, damit das Land den Aufbau der Wasserstoffwirtschaft auch gezielt unterstüt zen kann. In den vergangenen Jahren hat Baden-Württemberg für die Forschung, Entwicklung und Markteinführung mehr als 100 Millionen € Fördermittel in die Wasserstoff- und Brennstoff zellentechnologie investiert. So wurden die Einrichtung der Plattform H2BW und auch das Zukunftsprogramm Wasser stoff finanziert. Wir setzen diesen Pfad auch konsequent fort. Mit weiteren 30 Millionen € werden wir die Förderprogram me zu einzelnen Schwerpunkten der Wasserstoff-Roadmap auflegen, und dabei sollen insbesondere kleine und mittlere Unternehmen Investitionsförderungen erhalten. iode – 27. Sitzung – Mittwoch, 2. Februar 2022 Zusätzlich wird es mindestens eine weitere Modellregion ge ben. Die EFRE-Ausschreibungen zur „Modellregion Grüner Wasserstoff“ haben das große Potenzial und Engagement der Regionen in diesem Bereich aufgezeigt. In diesen Regionen testen wir den gesamten Aufbau der Wasserstoffwirtschaft so wohl im städtischen als auch im ländlichen Bereich. Wir neh men die ganze Wertschöpfungskette in den Blick, angefangen beim Elektrolyseur bis hin zur Anwendung in der Industrie. (Beifall bei den Grünen und Abgeordneten der CDU) Auch bei den IPCEI-Wasserstoffprojekten mit einem Förder volumen von insgesamt 8 Milliarden € in Deutschland ist Ba den-Württemberg mit sieben Projekten ganz vorn mit dabei. Beispielsweise plant die Robert Bosch GmbH den Aufbau ei ner Großserienfertigung stationärer Brennstoffzellensysteme. Zusätzlich zu unseren Aktivitäten in Baden-Württemberg brau chen wir aber auch gute Rahmenbedingungen sowohl auf der EU-Ebene als auch beim Bund. Die Energiewende ist ein ge meinschaftliches Projekt. Sehr wichtig für die klimaneutrale Wasserstoffwirtschaft ist die Zertifizierung von grünem Was serstoff. Denn wo „klimaneutral“ draufsteht, muss auch „kli maneutral“ drin sein. Daher unterstützen wir, dass die Ent wicklung eines EU-weiten Systems zum Herkunftsnachweis von grünem Wasserstoff vorangetrieben wird. Auch global wird ein solches System etabliert werden müssen, damit der Markt transparent wird. (Beifall bei den Grünen und Abgeordneten der CDU) Auch die nötige Transportinfrastruktur muss schnell geschaf fen werden, damit die Industrie in unserem Land verlässlich mit grünem Wasserstoff versorgt wird. Wir setzen uns deshalb dafür ein, dass der Aufbau der Infrastruktur für den Transport von Wasserstoff beschleunigt wird und Baden-Württemberg schnellstmöglich an das Backbonenetz angeschlossen wird. Dafür ist eine integrierte Netzplanung, also eine gemeinsame Planung von Strom-, Erdgas-, Wasserstoff- und Wärmenet zen, notwendig. Mit der Wasserstoff-Roadmap, unseren Spitzenforschern und Spitzenforscherinnen, unseren Hightechunternehmen, unse ren mittelständischen Unternehmen sind wir auf einem guten Weg in die grüne Wasserstoffwelt – für den Klimaschutz und für unsere Wirtschaft, also Win-win für „THE LÄND“. Danke schön. (Beifall bei den Grünen und Abgeordneten der CDU)
