Dr. Albrecht Schütte
Sehr geehrte Frau Präsidentin, liebe Kolleginnen und Kollegen! Manche denken bei künstlicher Intelligenz an Szenen aus Science-Fiction-Filmen, in denen Maschinen versuchen, die Herrschaft über die Menschheit zu übernehmen. Dass es je so weit kommt, ist unwahrscheinlich oder steht zumindest sehr weit weg in den Sternen. (Dr. Albrecht Schütte) Weniger spektakulär, aber doch faszinierend sind die Dinge, die heute bereits mit künstlicher Intelligenz gemacht oder für die nächsten Jahre geplant werden. Da gibt es die Betrugserkennung bei Versicherern, weil einfach gewisse statistische Merkmale auftreten, wenn jemand eine falsche Meldung schickt. Da gibt es die fertig komponierte 10. Sinfonie von Beethoven, und da gibt es künstliche Intelligenz, die besser als jeder Mensch Computertomografie lesen und Krebsarten erkennen kann, bevor das selbst der beste Arzt kann. (Zuruf der Abg. Petra Krebs GRÜNE) Dabei ist künstliche Intelligenz nicht eindeutig definiert. Allein in Wikipedia finden Sie vier Definitionen. Manche lernt einfach vom Menschen, das heißt, man sagt ihr, was sie tun muss. Für alle anderen ist es aber notwendig, dass riesige Datenmengen analysiert werden und die künstliche Intelligenz im Grunde aus jedem neuen Datensatz lernt. Sie macht eine Vorhersage und stellt nachher fest, ob sie richtig oder falsch war, und dann wird mathematisch über Korrelationsanalysen festgestellt, was tatsächlich mit wem zusammenhängt. Ich möchte versuchen, das kurz zu beschreiben. Wir denken als Menschen sehr kausal: Herzinfarkt kommt dadurch, dass in den Herzarterien irgendwo eine Verstopfung ist. Die künstliche Intelligenz misst den Fettgehalt um Blutgefäße und stellt daraus einen statistischen Zusammenhang fest. Sie merkt einfach nur: Wenn der Fettgehalt gewisse Konstellationen hat, wird die Person relativ bald einen Herzinfarkt bekommen. Mit genau diesen Dingen können wir aufgrund von künstlicher Intelligenz das Gesundheitssystem natürlich ganz weit nach vorn bringen, weil die Leute schon im Krankenhaus sein können, bevor etwas passiert. Damit eröffnet die künstliche Intelligenz riesige Chancen für die Art, wie wir leben, für die Medizin, für autonomes Fahren und natürlich auch für die Wirtschaft. Wenn wir uns die Hotspots weltweit anschauen, dann sehen wir: Da sind Kalifornien, amerikanische Spitzenuniversitäten und China ganz weit vorn. Natürlich nutzt China künstliche Intelligenz anders und tut Dinge, die wir nicht tun würden. Daraus kann die Konsequenz aber nur sein, dass wir unsere Anstrengungen verdoppeln, weil wir ethisch vertretbar so gut werden müssen, wie die Chinesen es werden, ohne sich um Ethik zu kümmern. (Beifall bei der CDU – Vereinzelt Beifall bei den Grünen) Es war daher absolut richtig, dass Sie, Herr Ministerpräsident Kretschmann, mit der damals neuen grün-schwarzen Landesregierung im Jahr 2016 entschieden haben, an der Stelle, an der KI in Baden-Württemberg schon sehr stark ist, einen Innovationscampus einzurichten – frei nach dem Motto „Hightech meets Hölderlin“. An einer der ältesten Universitäten des Landes in einer der ältesten Städte Baden-Württembergs findet die modernste Forschung statt. So arbeiten heute die Universitäten Stuttgart und Tübingen, das Max-Planck-Institut für Intelligente Systeme, die Fraunhofer-Gesellschaft sowie Firmen wie BMW, Daimler, Porsche, Robert Bosch, ZF oder Amazon zusammen. An dieser Stelle möchte ich all denjenigen herzlich danken, die zum Gelingen in den letzten fünf Jahren beigetragen haiode – 25. Sitzung – Mittwoch, 22. Dezember 2021 ben. Das sind die Forscherinnen und Forscher, das sind aber auch diejenigen, die in den Unternehmen die Entscheidung durchgesetzt haben, Stiftungsprofessuren zu finanzieren – das Unternehmen hatte unmittelbar nichts davon –, und das sind natürlich diejenigen, die bei den Haushaltsberatungen die Mittel zur Verfügung gestellt haben. In den letzten Jahren gab es bereits 180 Millionen € Landesmittel, übrigens ganz wesentlich aus den Digitalisierungsrücklagen, die manche in diesem Haus immer kritisiert haben, weil man nicht genau weiß, was damit passiert. Es war absolut richtig, die Digitalisierungsoffensive mit dem Digitalisierungsminister zu starten, Mittel bereitzustellen und sie an ganz vielen Punkten für Schwerpunkte zu verwenden. Wenn wir uns die Forschungsprojekte anschauen, dann stellen wir fest, dass die sehr spannend sind. Ich möchte einmal zwei Beispiele anführen. Sie können das Lernen oder Spielen eines Musikinstruments anschauen. Das macht natürlich ein Musiklehrer. Mithilfe der künstlichen Intelligenz sehen Sie, wie jemand steht, wie jemand die Finger bewegt, welche Haltung er hat und was das nachher für das Spielen bedeutet. Somit wird plötzlich der Musikunterricht viel besser. Zweites Beispiel: Wir alle kennen die Starkregenereignisse der letzten Wochen und Monate. Wirklich vorhersagen kann man die nicht. Mein Feuerwehrkommandant sagt: Es gibt häufig die Warnstufe Violett wie im Ahrtal, bevor es da losgegangen ist. Aber mit künstlicher Intelligenz können wir plötzlich Daten aufspüren, die wir gar nicht sehen. Dann wird diese Vorhersage so viel besser. Das wird in Tübingen gemacht. Damit sehen wir, welchen Nutzen wir alle von dem haben, was dort entsteht. Die Kollegin hat es schon gesagt: Es ist ein einmaliges Ökosystem mit Forschungsabteilungen, Co-Working-Spaces entstanden. Vor allem ist die Verbindung von klugen Köpfen so gut geworden, dass andere kluge Köpfe dorthin kommen. Es ist wie im Silicon Valley. Das Silicon Valley ist sicherlich nett. Aber warum gehen Leute dorthin, die irgendwie Digitalisierung machen? Weil alle anderen Leute, die Digitalisierung machen, dort schon sind. Und so ist es jetzt im Cyber Valley auch. Dorthin kommen die Leute, die künstliche Intelligenz machen, weil dort schon die Leute sind, die künstliche Intelligenz machen. Diese Erfolge werden fortgesetzt. Bosch investiert 35 Millionen €, legt noch mal 70 Millionen € obendrauf. Die Hector Stiftung – der wir an dieser Stelle ganz herzlich danken, insbesondere natürlich dem Stifter, Herrn Hector – stellt nach Medienberichten, die man auf Webseiten findet, 100 Millionen € für den Aufbau eines European Lab for Learning & Intelligent Systems zur Verfügung. Genau das kann der nächste Schritt sein, damit wir dann auch Weltspitze werden. Es ist für die CDU-Fraktion selbstredend – ich denke, für alle anderen auch –, dass wir den finanziellen Anteil des Landes, den wir für so etwas brauchen, auch zur Verfügung stellen und dass wir eine solche Gelegenheit für unser Land sicherlich nicht verschenken. (Beifall bei Abgeordneten der CDU) Mit diesem Ansatz zeigt sich, wie Zukunft gemacht wird. Wie es die Kollegin schon gesagt hat, werden wir weitere Zukunftscampusse einrichten. Wir werden sowohl für KI wie für (Dr. Albrecht Schütte) die anderen Zukunftscampusse aus den bisherigen Erfahrungen lernen. Es gibt einige Schwächen. Wir sind im internationalen Vergleich beim Bauen ein wenig langsam. Ich möchte nicht, dass Berufungsverhandlungen scheitern, weil wir fünf Jahre brauchen, um ein paar Räume zu bauen. Da müssen wir besser werden, und da müssen wir uns überlegen, wie wir, das Land, entweder Flächen vorhalten, auf denen man sehr schnell etwas tun kann, oder wie wir die Prozesse verkürzen. Dazu kommen aber natürlich die Stärken, die man gesehen hat: die Zusammenarbeit von Industrie und Forschung. In der Region Rhein-Neckar gibt es inzwischen schon die Alliance, die eine Trägerstruktur für diese Zusammenarbeit bringt. Und man sieht dabei etwas ganz Entscheidendes für die politische Diskussion. Häufig hört man ja: „Was Ihr da in Tübingen macht, ...“, „Was Ihr da in der Region Rhein-Neckar macht, ...“, „Warum Mobilität nur in Karlsruhe und Stuttgart?“ Am Ende profitiert das ganze Land davon. Man sieht es am Innovationscampus „Künstliche Intelligenz“ in Heilbronn sowie den weiteren Innovationscampussen, die entstehen. Das heißt, es strahlt aus, was wir an einer Stelle tun, und nachher hat das ganze Land etwas davon. (Beifall bei Abgeordneten der CDU – Vereinzelt Bei- fall bei den Grünen) Der zentrale Schluss, den wir aber ziehen müssen, ist: Wir müssen Mut haben, Schwerpunkte in Haushaltsverhandlungen zu setzen. Wir müssen Mut haben, Schwerpunkte bei Themen zu setzen. Wir können nicht aus irgendwelchen Überbleibseln vielleicht noch mal 10 Millionen € für ein wichtiges Forschungsprojekt zur Verfügung stellen, sondern wir müssen von Anfang an sagen: „Das ist die Zukunft, und dafür stellen wir ausreichend, verlässlich Mittel zur Verfügung.“ Denn genau das sieht man in Tübingen. Es waren 180 Millionen €, es kommt noch viel Geld dazu. Hätten wir die Mittel nicht in der Digitalisierungsrücklage gehabt, dann hätten wir das nicht so finanzieren können. Gerade am Beispiel Tübingen zeigt sich, wie wir Zukunft gestalten können, wie wir auf Augenhöhe mit anderen in der Welt kommen und unser Wertesystem erst dann überhaupt eine Rolle spielt. Der Ethikrat ist sehr, sehr wichtig. Er wird aber nur entscheidend, wenn wir überhaupt die modernsten Experimente machen und der Ethikrat darüber befindet und wenn sie nicht irgendwo anders gemacht werden. Deshalb wollen wir, die CDU-Fraktion, die Tradition, wie sie seit Lothar Späth – länger kann ich nicht denken; älter bin ich nicht – in Baden-Württemberg gilt, fortsetzen: Wir freuen uns, dass wir diese Geschichte, dass Innovation unser Land voranbringt, fortsetzen, damit wir zum einen Wohlstand haben und zum anderen bei wichtigen ethischen Entwicklungen weltweit mitreden. (Beifall bei Abgeordneten der CDU und des Abg. Mi- chael Joukov-Schwelling GRÜNE) Diese Geschichte setzen wir seit 2016 entsprechend fort. Wir freuen uns, dass die Tradition bleibt. Wir haben keine Angst vor der Zukunft, sondern, wie es Abraham Lincoln sagt: „Wir wollen die Zukunft vorhersagen, indem wir sie gestalten.“ de – 25. Sitzung – Mittwoch, 22. Dezember 2021 Vielen Dank an alle, die mitmachen. (Beifall bei der CDU und Abgeordneten der Grünen)
