Hans-Peter Hörner
Sehr geehrter Herr Präsident, liebe Kolleginnen und Kollegen! Selbst auf die Gefahr hin, dass ich mit meiner eigentlichen Rede nicht durchkomme: Lassen Sie mich vorher ein paar Worte sagen. Ich möchte eigentlich Ihnen allen etwas raten. Sie alle sitzen im Landtag. Eigentlich könnten Sie einmal in eine Schule gehen. Aber bitte gehen Sie nicht in eine sogenannte „höhere Lehranstalt“; Sie wissen, was ich meine. Gehen Sie einmal an eine Berufsschule. (Zuruf von den Grünen: Waren wir schon!) Gehen Sie an eine gewerbliche Berufsschule. Unterrichten Sie dort einige Stunden Gemeinschaftskunde. (Abg. Dr. Stefan Fulst-Blei SPD: Da komme ich her!) – Das ist eine Bitte an alle von Ihnen; ich weiß, dass unter Ihnen einige Kollegen sind. – Unterrichten Sie z. B., wie gesagt, an einer gewerblichen Berufsschule. Das ist nicht negativ gemeint. Ich bewundere die Schüler, die das gemacht haben, die Berufe z. B. im Bauhandwerk ergreifen oder Metzger werden. Machen Sie mit denen eine Woche vertretungsweise Unterricht. Kommen Sie dafür bitte nicht, wie es einmal ein Abgee – 19. Sitzung – Donnerstag, 11. November 2021 ordneter gemacht hat – – Meine Redezeit läuft. Aber ich erzähle es trotzdem. Ich habe als Lehrer erlebt, dass wir einen Abgeordneten eingeladen haben: „Kommen Sie doch und unterrichten Sie an unserer Berufsschule.“ Dann kam dieser Abgeordnete in einem großen Mercedes vorgefahren, mit Chauffeur in einem schwarzen Anzug und mit Bodyguard. (Zurufe, u. a. Abg. Thomas Poreski GRÜNE: Wer war das? – Unruhe – Glocke des Präsidenten) – Er ist inzwischen nicht mehr im Landtag. – Er hat Gemeinschaftskunde unterrichten sollen. Was hat er gemacht? (Abg. Thomas Poreski GRÜNE: Zur Sache, Kollege! Das ist Unsinn!) Er ging hinein und hat mit den jungen Leuten geredet. Er kam nachher in der Konferenz zu uns und sagte: „Was wollen Sie denn eigentlich? Ich bin mit diesen jungen Leuten bestens ausgekommen. Vielleicht sollten Sie einmal Ihre pädagogischen Grundsätze überdenken.“ Das ist ja sehr schön. Aber, meine Damen und Herren, das ist kein Weg. Wir sind für die Jugendlichen da. Mir blieb es als Vater und Großvater – und hoffentlich bald als Urgroßvater – nicht erspart, meine Kinder privat unterrichten zu müssen. Unser Bildungssystem ist längst privatisiert. Eltern, die heutzutage ihre Kinder fördern wollen, müssen ihren Kindern in verschiedenster Art und Weise helfen, sei es durch Nachhilfeunterricht, sei es durch Unterricht von Verwandten und Bekannten. Sogar mein Vater hat das als Urgroßvater gemacht. Dieses Bildungssystem versagt in jeder Art und Weise. (Beifall bei Abgeordneten der AfD) Es ist traurig, was hier, mit diesem Haushalt, den wir haben, mit diesen vielen Milliarden Euro, die jedes Jahr ausgegeben werden – auf Landesebene, auf Kreisebene, auf kommunaler Ebene –, erreicht wird. Es ist eine Schande. Es tut mir leid, das sagen zu müssen als jemand, der 42 Jahre als Lehrer gewirkt hat. (Beifall bei Abgeordneten der AfD) Lassen Sie mich aber jetzt zu meiner eigentlichen Rede kommen. (Abg. Andreas Deuschle CDU: Es hat Sie keiner ge- zwungen!) – Ich wollte das einfach einmal loswerden. Manchmal muss man hier vielleicht auch gefühlsmäßig etwas beitragen. Wenn ich den Titel der Aktuellen Debatte sehe, dann möchte ich dem etwas hinzufügen. Es sollte nicht heißen: „Auf Schwarz folgt Grün – das Bildungschaos bleibt“. Eigentlich müsste es heißen: „Erst Rot, dann Schwarz, dann Grün – das Bildungschaos bleibt“. (Beifall bei Abgeordneten der AfD) Oder noch besser: „Die Verstärkung der Bildungskatastrophe durch völlig verfehlte Ideologie“. (Beifall bei Abgeordneten der AfD) (Hans-Peter Hörner) Ich möchte hier jetzt nicht auf die Coronapolitik eingehen, wie das meine Vorredner getan haben. Ich möchte mich hier dazu nicht weiter äußern. (Beifall des Abg. Bernd Mettenleiter GRÜNE) Ich möchte mich auch nicht von den grundsätzlichen Problemen der Bildung ablenken lassen. Ich möchte aber auf einige Punkte hinweisen. Ich fange mit der Digitalisierung an. Hier gibt es sogenannte selbst ernannte demokratische Parteien, die fordern, die Digitalisierung voranzubringen. Die tollsten Versprechen und Ansagen werden gemacht. Wenn wir betrachten, was hier in Baden-Württemberg in der Zeit des Digitalisierungsbooms, den es weltweit seit mindestens 20 Jahren gibt, passiert ist und vor allem, wer an der Regierung war, stellen wir fest: Das waren alle vier selbst ernannten demokratischen Parteien, die hier am lautesten nach Digitalisierung gerufen haben und die jetzt die Fehlentwicklungen anderen zuweisen wollen. Das, meine Damen und Herren, kann einfach nicht sein. Machen wir weiter im beruflichen Bereich mit Ihrem Wahn nach Gleichheit und nach Ergebnisgleichheit. Hier senken Sie stets und stetig die Leistungsanforderungen, was dazu führt, dass das Abitur eben keine Erreichung der Hochschulreife mehr ist. Diese Hochschulreife führt nicht mehr dazu, dass man in den MINT-Fächern qualifiziert studieren kann. Die vielen Extravorbereitungskurse in Fächern wie Mathematik an den Universitäten, die es braucht, um überhaupt ein Studium möglich zu machen, machen das mehr als deutlich. Aber zum Studium für ideologisches Gendergeschwätz reicht es natürlich, was letztendlich zu einer völligen Fehlallokation der Studenten mit der jeweiligen Fachrichtung führt. (Beifall bei der AfD) Quotenregelungen und unsinnige Gleichstellerei erledigen den Rest. Dazu kommen für mich und auch für meine Fraktion die absurden Vorstellungen der Grünen und sonstiger linker Kollektivisten, die eine Abiturquote von 70 % pro Jahrgang anstreben. (Zuruf von der AfD: Wahnsinn!) Setzte man früher die Abiturfähigkeit bei einem IQ von höher als 110 Punkten an, was etwa 30 % der Bevölkerung entsprach, entsprechen 70 % einem IQ ab 90, also weit unter dem Durchschnitt und an der Grenze zur Lernbehinderung. (Abg. Anton Baron AfD: So ist es!) Ich kann es nicht verstehen. Vielleicht versteht man es aber als Mensch mit einem solchen IQ. (Lachen bei der AfD – Abg. Dr. Stefan Fulst-Blei SPD: Was erzählen Sie da gerade? Muss ich das in- tellektuell verstehen? – Abg. Hans-Ulrich Sckerl GRÜ-NE: Das war diskriminierend!) Genauso Ihre Vorstellungen zur Inklusion: Die Inklusion führt eben nicht oder nur marginal zu einer Leistungssteigerung der Inkludierten, sondern sie führt zum Ausbremsen der Leistungsfähigeren. Das gleiche Problem besteht bei der sogenannten Integration. Ihr völlig verfehlter Altruismus, alle Menschen dieser Welt ode – 19. Sitzung – Donnerstag, 11. November 2021 retten zu wollen, führt zu katastrophalen Zuständen, vor allem in den unteren Schulklassen. (Zuruf von der AfD: Richtig! – Abg. Dr. Stefan Fulst- Blei SPD: Bin ich froh, dass ich auf diesen Blödsinn hin nicht mehr reden muss!) In nicht wenigen Grundschulklassen sind Nichtmuttersprachler inzwischen weit in der Überzahl. Wer in diesem Klassenbabel einen sinnvollen Unterricht stattfinden lassen will, der soll mir einmal erklären, wie das gehen soll – (Beifall bei der AfD) ganz abgesehen von vollkommen anders geprägten bzw. sozialisierten Kindern, (Abg. Dr. Stefan Fulst-Blei SPD: Unglaublich!) welche die Arbeit von weiblichen Lehrkräften ablehnen. Ich sage das aus eigener Erfahrung. Ich habe weinende Lehrerinnen erlebt, die nicht in so einer Klassengemeinschaft arbeiten können. Das führt in manchen Parteispitzen natürlich auch dazu, dass die eigenen Kinder nicht mehr in normalen Schulen, in öffentlichen Schulen unterrichtet werden, sondern auf Privatschulen oder gleich auf ausländische Eliteinternate geschickt werden. Wein und Wasser lassen grüßen. (Abg. Dr. Stefan Fulst-Blei SPD: Das sind Fake News!) Manche Menschen sind eben doch gleicher. Ebenso wie sich die Professoren an den Hochschulen zu den Fähigkeiten ihrer Erstsemester äußern, beschweren sich auch die Ausbildungsbetriebe über die Ergebnisse, die ihre Lehrlinge selbst bei herausragendem Notendurchschnitt mitbringen. Ich kenne viele Ausbilder, und ich weiß über deren Klagen zu berichten. Ich tue es nicht, die Zeit lässt es nicht zu. Die Aussagekraft eines Zeugnisses, meine Damen und Herren, hat heute schon bei der Sichtung von Bewerbungen und erst recht bei Vorstellungsgesprächen reichlich abgenommen. (Zuruf von der AfD) Den Mangel an Fachkräften, die gerade in handwerklichen, kaufmännischen und auch in sozialen Bereichen in den Betrieben parallel zur Wirtschaftsleistung ausgebildet werden, verantworten damit Sie – Sie, die Sie sich in Regierungsverantwortung befinden bzw. befanden. Damit entziehen Sie vor allem dem Mittelstand, der im Wesentlichen unseren gesellschaftlichen Wohlstand sichert, die Daseinsgrundlage. Grundwissen wie Prozentrechnen, Dreisatz, Rechtschreibung, Kommasetzung, freies Lesen – ich möchte auf die PISA-Studie verweisen – werden nicht mehr sicher vermittelt. (Abg. Anton Baron AfD: Ja!) Abstraktionsfähigkeit, problemlösendes Denken, welche diese Arten des Grundwissens voraussetzen, verkümmern, weil Stuhlkreisbildung, Indoktrination und das Nachbeten von einseitigen Informationen, z. B. auch zum Klimawandel, Vorrang haben. Ich könnte Ihnen Arbeitsblätter, die meine Enkelkinder bekommen haben, vorlegen. So viel kann ich nicht essen – Entschuldigung, Herr Präsident –, wie ich – – Ich spreche es nicht aus. (Unruhe) (Hans-Peter Hörner) Die Erhaltung des dreigliedrigen Schulsystems, das eine Aufwertung der Haupt- und Werkrealschule enthalten muss, ist für mich dabei eine wesentliche Notwendigkeit. Die Durchlässigkeit des Systems – das wurde heute schon vom Kollegen Kern angesprochen – muss dabei selbstverständlich erhalten bleiben. Das ist eine Errungenschaft, auf die man stolz sein kann. Die Opferung dieser Schulstruktur zugunsten einer Gemeinschaftsschule führt keinesfalls zu Verbesserungen, sondern dazu, dass die Kinder und Jugendlichen eben nicht an einem pädagogischen Ort ausgebildet werden, der ihren Begabungen entspricht. Ich darf hier Artikel 11 Absatz 1 unserer Landesverfassung zitieren: Jeder junge Mensch hat ohne Rücksicht auf Herkunft oder wirtschaftliche Lage das Recht auf eine – und jetzt kommt’s – seiner Begabung entsprechende Erziehung und Ausbildung. Seiner Begabung entsprechend! (Beifall bei der AfD – Abg. Bernd Gögel AfD: Das ist der Punkt!) Ich möchte noch eines ergänzen: einen Gruß an meine Kollegen im Dienst. Was in manchen Reden nicht enthalten war, war der sogenannte Stundenpool, Frau Ministerin. Vielleicht sollten Sie darüber einmal nachdenken. Ich hatte die Ehre, in den letzten vier Jahren meiner Dienstzeit die Stundenzahl reduzieren zu können, weil ich einen Stundenpool von wöchentlich 25 Stunden aufgebaut hatte. Respekt vor dem, was die Kollegen im aktiven Dienst leisten! Das möchte ich noch mal, obwohl ich es schon getan habe, äußern: Fantastisch, was hier geleistet wird! (Beifall bei der AfD) Denken Sie bitte auch an Ihre Fürsorgepflicht. Was Sie hier mit Kollegen, die im aktiven Dienst arbeiten, machen, ist im Rahmen der Fürsorgepflicht nicht vertretbar. Denken Sie an die Frühpensionierungen. Denken Sie daran, wie viele Kollegen eigentlich in Rehamaßnahmen an psychosozialen Fachkliniken müssen. Das kann es wohl nicht sein. Dann stehen wir hier, müssen Geld einsparen und haben kein Geld für Lehrer, haben kein Geld für die Zukunft unserer Kinder – und ich hoffe, dass Sie alle Kinder haben. Denn wenn wir keine Kinder mehr haben, wenn wir keine Bildungsreserve, keine Leute mehr haben, keine jungen Menschen, die bereit sind, für unsere Arbeit, für das, was wir getan haben – auch die älteren Menschen –, einzustehen, dann ist unser Land verloren, egal, wie Sie es sonst im Klimabereich geschützt haben. Vielen Dank. (Beifall bei der AfD)
