Stefanie Seemann
Herr Präsident, liebe Kolleginnen und Kollegen! Stellen Sie sich vor, Sie kommen hier in diesen Saal und müssen feststellen, dass nur für die Hälfte von uns Stühle aufgestellt sind. Dann erklärt Ihnen jemand: „Regen Sie sich nicht auf, wir haben Sie ja nicht vergessen; wir haben nur keinen Platz für Sie vorbereitet, weil wir den Saal schon immer so hergerichtet haben. Das zu ändern würde nur unnötige Unruhe in unsere Abläufe bringen. Und wenn Sie ein bisschen Eigeninitiative zeigen, finden Sie sicherlich auch noch irgendwo ein Plätzchen.“ (Beifall bei den Grünen und Abgeordneten der SPD – Abg. Dr. Bernd Grimmer AfD: Geht es noch einfäl- tiger?) Gleichstellung bedeutet nicht, an alle zu denken und trotzdem nur wenigen einen Platz anzubieten. Gleichstellung bedeutet, gemeinsam Stühle zu rücken, so lange, bis alle einen Platz am Tisch haben und auf Augenhöhe mitdiskutieren können. (Beifall bei den Grünen – Zuruf des Abg. Miguel Klauß AfD) Ja, das gilt auch für unsere Sprache. Dem Antrag der AfD, über den wir heute sprechen, liegt eine altbekannte Ansicht zugrunde: Das generische Maskulinum, also die alleinige Verwendung männlicher Bezeichnungen, genüge, weil alle Geschlechter damit gemeint seien. Nur gibt es da ein Problem: Das stimmt einfach nicht. Wissenschaftliche Studien haben längst gezeigt: Wo ausschließlich Männer genannt werden, wird auch ausschließlich an Männer gedacht. Als eine Form der geschlechtergerechten Sprache eignet sich das generische Maskulinum daher nicht, ganz abgesehen davon, dass es Stereotypen verfestigt, die wir in unserer Gesellschaft ja eigentlich überwinden wollen. Es gibt zahlreiche Experimente, die der Frage nachgehen, was Kinder mit verschiedenen Berufsbezeichnungen verbinden. Wenn Kinder von „den Polizisten“ hören, denken sie – Sie ahnen es sicher schon – vor allem an Männer. Genauso ergeht es ihnen, wenn sie von „den Lehrern“ oder „den Politikern“ hören.
