landtag-bw.de ↗

Dr. Rainer Balzer

AfD 21.10.2021 Sitzungen 17/16

Sehr geehrter Herr Präsident, sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete! „Familien und Kitas funken SOS“, so das Thema der heutigen Aktuellen Debatte. Doch dieser Schrei nach Hilfe wird angeblich oder tatsächlich seit Jahren nicht gehört oder sogar ignoriert. Gehen wir vielleicht einmal aus dem Klein-Klein des Antrags heraus und betrachten die Grundlagen. Die Diskussion um eine angemessene Bildung und Erziehung von Kindern unter sechs Jahren ist nicht neu. Bereits Comenius, 17. Jahrhundert, und Pestalozzi und Fröbel, 19. Jahrhundert – führende Pädagogen, die Sie kennen sollten –, haben die Bedeutung frühkindlicher Bildung hervorgehoben. Im 20. Jahrhundert hat Maria Montessori – Sie kennen möglicherweise die Waldorfschulen – auf die Bedeutung frühen Lernens und die Stärkung kindlicher Kompetenzen hingewiesen. In der heutigen Debatte fallen uns, fallen mir drei unterschiedliche Argumentationslinien auf, die wichtig sind. Erstens der gesellschaftliche Aspekt, das gesellschaftliche Argument, man habe Bildungspläne für eine tiefgreifend veränderte Welt zu entwickeln, die Ungewissheit, Komplexität, Vielfalt und Multiperspektivität nicht nur akzeptieren, sondern begrüßen. Das findet sich dann in den Leitperspektiven in den Schulen wieder, auch in der Erzieherausbildung und der Lehrerausbildung. (Zuruf von den Grünen) Dabei wird verkannt, dass diese Entwicklungen menschengemacht sind und nicht gegeben sind. Das heißt, das ist alles ideologisch begründet, und damit kann man aus meiner Sicht nicht einverstanden sein. Das lehnen wir ab. Zweitens das nationale Argument. Es wird die Auffassung vertreten, dass bisherige Bildungskonzepte vielfach der Philosophie und den Anforderungen entsprochen hätten, die der Nationalstaat an sie gerichtet hätte – etwa die Betonung der Muttersprache und der Rechtschreibung sowie der ethnischen Identität bei gleichzeitiger angeblicher Vernachlässigung lingualer Diversität, Sprachenkompetenz und interkultureller Kompetenz, was mit Blick auf die politisch-wirtschaftliche Situation in Europa und der Welt – die Sie ja angeblich retten wollen – zu hinterfragen sei. Der dritte wichtige Aspekt ist das kontextuelle Argument. Bisherige Bildungskonzepte erwiesen sich angeblich als wenig sensibel gegenüber Belastungen und Veränderungen kontextueller Art. Sie reflektieren angeblich den kulturellen und ethnischen Hintergrund der Kinder unzureichend, reagieren kaum auf Belastungen wie Armut, soziale Ausgrenzung und Mobilität. Und wo zeigt sich das dann? Ja, eben in der PISA-Studie. Diese Prinzipien sind geeignet, ein hohes Maß an sozialer Ausgrenzung zu begünstigen. – Also wiederum Ideologie statt Naturwissenschaftlichkeit, statt Wissenschaftlichkeit. Dabei gilt grundsätzlich eines: Den Kindern müssen für das Leben in der Gesellschaft Wissen und Kenntnisse vermittelt werden, um ein auch wirtschaftlich erfolgreiches, zufriedenstellendes Leben zu ermöglichen. Das geht in der Diskussion gern unter. (Beifall bei der AfD) (Dr. Rainer Balzer) Mit diesem gewandelten Bildungsverständnis – drei Punkte habe ich aufgeführt – korrespondieren auch veränderte Positionen bezüglich der Werte und Normen, die den jeweiligen, sich andauernd ändernden Bildungsplänen in den letzten 25 Jahren – – Wie viele Reformen haben wir denn gehabt? Waren es sieben oder neun? Herr Kollege Fulst-Blei, Sie sollten es wissen. (Abg. Dorothea Wehinger GRÜNE schüttelt den Kopf.) Hier wäre anzumerken: Die Kitas und Schulen funken tatsächlich SOS, nämlich nach dem Motto: Lassen Sie die Erzieher, lassen Sie die Lehrkräfte endlich einmal ohne politische Beeinflussung ihre Arbeit machen, nämlich Wissen und Können vermitteln. (Beifall bei der AfD) In die frühkindliche Bildung werden große Hoffnungen gesetzt, sie vermöge einen entscheidenden Beitrag zur Startchancengleichheit aller Kinder zu leisten. Das ist ein guter Satz. Doch wie so oft macht die Landesregierung auch in diesem Fall wieder einmal eine Milchmädchenrechnung auf. Denn Förderprogramme haben den überraschenden Effekt, dass sich die sozialen Unterschiede zwischen Kindern aus sozial benachteiligten und aus privilegierten Milieus eben nicht verkleinern, sondern oft eher vergrößern. Dieses Phänomen sollte bekannt sein. Es nennt sich Matthäus-Effekt; Sie können es gern googeln. Das lässt sich empirisch nachweisen: Neue und weitere Erfolge basieren auf früheren Erfolgen. Da gibt es ein schönes Sprichwort: „Der Teufel ...“ usw. Man kann vornehm sagen: Dort, wo schon viel ist, wächst noch viel mehr. So besuchen manche Kinder aus sozial benachteiligten Familien, die von einer frühen Förderung am stärksten profitieren könnten, keine Kita oder Spielgruppen. Oft wohnen sie in geografisch segregierten Gebieten mit vielen anderen sozial Benachteiligten. Ihre Eltern sprechen möglicherweise kein vernünftiges Deutsch, und mit der hiesigen Kultur Unvertraute übernehmen die Betreuung der Kinder. Das Ergebnis sieht man dann auch. Die Erwartungshaltungen in mancher dieser Familien an den Bildungserfolg ihrer Kinder sind zudem häufig zu hoch oder auch viel zu niedrig angesiedelt, oder die Eltern interessieren sich gar nicht dafür, so die Untersuchung – sie ist nicht von mir – der Bildungsforscherin Margrit Stamm. Die Argumentationsfigur der frühkindlichen Bildung als Mittel zur Herstellung von Startchancengleichheit ist mehr als brüchig, sowohl beim Vergleich von Kindern aus sozial benachteiligten und privilegierten Milieus als auch – – Die Diskussion über Individualismus und Kollektivismus hatten wir gestern fast bis zum Erbrechen. Der Drang nach Bildung im heutigen Sinn wird von unserer Gesellschaft gefördert. Dieser Drang, ja Wille zur Bildung ist in Wirklichkeit der Wunsch nach Wissen, nicht nach Umformung durch Erziehung. Ihre Bildungspolitik unterschätzt dieiode – 16. Sitzung – Donnerstag, 21. Oktober 2021 se Inspiration und diesen Ansatz. Die Intention Ihrer Bildungspolitik, die von Ihnen beantragte Aktuelle Debatte zu diesem Thema erinnert mich sehr stark an den „schönen“ Roman – „schön“ in Gänsefüßchen – „Schöne neue Welt“. In der Szene, in der die Nachwuchsführungskräfte – sie heißen in dem Roman NaFüKra; eine schöne Abkürzung – durch den City-Brüter und das Konditionierungscenter geführt werden, erklärt der Direktor, wie Menschen künstlich hergestellt konditioniert werden. – Es lohnt sich, das mal zu lesen. Aus dieser Prägung, dieser Konditionierung ergeben sich die späteren Positionen der Menschen in der Gesellschaft. Weiter – wörtliches Zitat – heißt es: Die Funktion des Menschen wird bereits während des Befruchtungsvorgangs bestimmt. Was für ein Albtraum, meine Damen und Herren. Auch ich funke nun ganz laut SOS und schließe an das an, was ich vorhin schon gesagt habe: Lasst den Kindern, den Familien, den Eltern endlich ihre Freiheit und die Möglichkeiten, die ein Mensch braucht, um sich zu bilden und zu vervollkommnen, und zwar aus eigener Erfahrung, aus eigenem Bemühen. Deswegen wieder der wichtige Satz: Frühkindliche Betreuung nur dann, wenn sie notwendig ist. Über die Ursachen, warum wir die Ganztagsbetreuung brauchen, haben wir an dieser Stelle schon x-mal gesprochen. Ich appelliere an Sie, die Bildung als Geschenk, als Element der Freiheit zu betrachten. Lassen Sie den Eltern, den Kindern die Freiheit, sich frei zu entfalten, und versuchen Sie nicht immer, sie ideologisch zu beeinflussen, damit diese tatsächlich zu mündigen Bürgern werden können. Danke. (Beifall bei der AfD)

Alle Reden von Dr. Rainer Balzer Protokoll ↗