Christiane Staab
Sehr geehrter Herr Präsident, liebe Kolleginnen und Kollegen, vor allem liebe SPD-Fraktion! Ich sage es ganz offen: SOS in einer Krisensituation zu funken – das haben wir in der Coronazeit getan – ist nichts Außergewöhnliches. Diese Situation aber dazu zu benutzen, strukturell zu hinterfragen, ob wir in den Kindertageseinrichtungen in Baden-Württemberg schlecht oder noch schlechter aufgestellt sind als anderswo, finde ich ein Stück weit unredlich. (Abg. Dr. Stefan Fulst-Blei SPD: Das sagt eine Stu- die!) Wir wissen alle, dass im Moment die Kitas in einer Ausnahmesituation sind. Anstatt sich dafür zu bedanken, dass die Kitaleitungen, die Träger, in unterschiedlicher Art und Weise alles dafür getan haben, unterstützt durch uns, indem wir Notverordnungen erlassen haben, (Lachen bei Abgeordneten der AfD) indem wir die Möglichkeit eingeräumt haben, Sondersituationen zu fahren, (Beifall bei der CDU und den Grünen – Abg. Andre- as Schwarz GRÜNE: Sehr richtig! Sehr richtig! – Zu- ruf von der CDU: Sehr gut!) hier den Faden aufzugreifen und zu sagen: „Die sind personell unterbesetzt“, ist unredlich. Natürlich! Natürlich sind sie das. Wenn ich einen Quarantänefall habe, dann ist das eine personelle Unterbesetzung. (Zuruf des Abg. Dr. Stefan Fulst-Blei SPD) Dann ist es unsere Aufgabe, die Träger zu unterstützen. Gibt es Möglichkeiten, wie wir Erleichterungen schaffen können? Können wir den Fachkräftekatalog noch einmal erweitern? Ich sage es ganz offen, ich bin kein allzu großer Freund davon. Der Fachkräftekatalog ist mittlerweile riesengroß und bietet unendlich viele Möglichkeiten, auch Menschen aus anderen Berufsgruppen einzusetzen. Er bietet die Möglichkeit, über Fortbildungen weitere Menschen dafür zu befähigen, in Kindertageseinrichtungen zu arbeiten. Die PiA-Ausbildung: Wenn Sie sagen, Sie hätten das Gefühl, dass die Relation zwischen der Anzahl der Kinder und der – nicht nachlaufenden – Erzieherausstattung nicht stimmt, dann ist das so. Klar! Ein Rechtsanspruch auf einen Kindertagesplatz führt dazu, dass mehr Kinder in die Einrichtungen kommen. Das führt aber nicht automatisch dazu, dass wir gleichzeitig auch mehr Erzieher haben; denn da gibt es keine Korrelation. Wir können hoffen, wir können werben, wir können versuchen, junge Menschen dafür zu begeistern, in den Erzieherberuf einzutreten, aber wir können sie nicht verpflichten. Wir nutzen unsere Möglichkeiten an allen Stellen. (Beifall bei der CDU und Abgeordneten der Grünen) Ich sage Ihnen aber auch: Ich selbst hatte als Bürgermeisterin zehn Jahre lang die Freude, eigene Einrichtungen begleiten iode – 16. Sitzung – Donnerstag, 21. Oktober 2021 zu dürfen. Ich war im engen Austausch mit meinen Einrichtungen; das darf ich Ihnen versichern. Wenn hier zu hören ist, wie belastend die Arbeit im Kindergarten sei, wie anstrengend sie sei, wie wenig Freude sie bereite, dass man dort nur am Anschlag arbeite, dass es eher eine Strafe als eine Bereicherung des Lebens sei, eine Arbeitstätigkeit in einer Kindertageseinrichtung wahrnehmen zu können, dann führt dies sicherlich nicht zur Steigerung der Attraktivität dieses Berufsbilds und auch nicht dazu, dass 17-jährige junge Männer und Frauen sagen: „Ich will Erzieherin oder Erzieher werden.“ (Beifall bei der CDU und Abgeordneten der Grünen – Abg. Dr. Stefan Fulst-Blei SPD: Haben Sie die Stu- die gelesen?) Lieber Herr Dr. Fulst-Blei, ich will Ihnen noch etwas sagen: Ich bin froh, dass wir gerade im Kindertagespflegebereich einen bunten Strauß von Trägern haben und dass nicht – was Sie hier zu suggerieren versuchen – das Land in der Verantwortung steht. Nicht wir sind hier in der Verantwortung, sondern die Träger in ihrer ganzen Vielfalt sind in der Verantwortung und haben die freudige Aufgabe, jeden Tag ihre Einrichtung mit ihrem Profil fortzuführen. Als Sie, die SPD, für den Bereich Schule in der Verantwortung waren, sind Ausbildungsplätze bei den Pädagogischen Hochschulen abgebaut worden, (Zuruf von der CDU: Ach!) da sind Lehrerstellen abgebaut worden. (Zuruf von der CDU: Hört, hört!) Deswegen bin ich froh, dass Sie nicht für die Kindertageseinrichtungen in Baden-Württemberg zuständig sind. (Beifall bei der CDU – Vereinzelt Beifall bei den Grünen – Abg. Thomas Blenke CDU: Bravo! Sehr gut!) Noch eines zu Ihrem Alarmismus und Ihrem Vorhalt „SOS, es tut sich nichts“: Frau Wehinger hat völlig zu Recht ausgeführt, was wir in den letzten Jahren gemacht haben. Wir haben den „Pakt für gute Bildung und Betreuung“ geschlossen. Wir setzen allein 80 Millionen € dafür ein, die Zahl der Ausbildungsplätze auszubauen, die Attraktivität des Berufs zu steigern, die Leitungsfunktion endlich auch in ihrer Aufgabenstellung zu unterstützen, um dieser wertvollen und wichtigen Aufgabenstellung auch gerecht zu werden. Menschen begeistern sich für einen Beruf, wenn sie merken, sie werden in diesem Beruf gefordert, gefördert und unterstützt. Das hängt 1 : 1 davon ab, wie die Leitungen ausgestattet sind, um ihre Teams zu motivieren, ihre Mitarbeiter zu unterstützen. Deswegen ist es so wichtig, dass wir das Geld nach dem „Gute Kita“-Gesetz zu einem erklecklichen Anteil für die Leitungszeit einsetzen (Abg. Andreas Schwarz GRÜNE: Sehr richtig! Ab- solut!) und nicht für die Kostenlosigkeit einer qualitativ hochwertigen Bildungseinrichtung. (Beifall bei der CDU und Abgeordneten der Grünen) (Christiane Staab) Ich bin froh, dass das Wort „Beitragsfreiheit“ – vielleicht ist es mir auch durchgegangen – heute nicht gefallen ist. (Abg. Thomas Poreski GRÜNE: Das hat noch ge- fehlt!) Wenn ich am Schluss ein fantastisches Geschenk habe, wenn alles perfekt ist und ich dann sage: „Jetzt habe ich das Geld übrig und kann es verschenken“, dann mache ich eine rote Schleife darum herum und verschenke es. (Zuruf des Abg. Sascha Binder SPD) Aber diesen Status haben wir doch beileibe noch nicht erreicht. Wir müssen erst mal die Qualität in unseren Einrichtungen weiter sichern, nach vorne treiben, und dazu tun wir etwas. (Abg. Sascha Binder SPD: Das sagen Sie schon seit zwei Jahren, aber die Qualität steigt nicht!) Wir haben mit dem Forum Frühkindliche Bildung eine Einrichtung gegründet, in der es um nichts anderes geht, als interdisziplinär zu schauen: Was brauchen unsere Kindertageseinrichtungen, um qualitätsvoll arbeiten zu können? Was brauchen sie, um eine gute Zukunft für jedes Kind in Baden-Württemberg abbilden zu können? Wir tun etwas. Hier hinzustehen und zu sagen: „Diese Landesregierung tut nichts“, (Abg. Andreas Schwarz GRÜNE: Das stimmt nicht!) das ist – mit Verlaub – gewagt, (Abg. Dr. Stefan Fulst-Blei SPD: Die Bilanz ist ge- wagt!) und es ist auch nicht gut. (Abg. Andreas Schwarz GRÜNE: Es stimmt auch nicht, was die da drüben sagen! – Gegenruf des Abg. Dr. Stefan Fulst-Blei SPD: Herr Schwarz, sagen Sie, die Studien lügen? Ich weiß nicht, in welcher Welt Sie unterwegs sind!) Sie erwecken damit einen falschen Eindruck. Das kann ich nachvollziehen. Wenn man nicht mehr mit eingebunden ist – und im Bereich der Kindertageseinrichtungen sind Sie nicht mit eingebunden –, dann versucht man vielleicht, über solche Hebel Aufmerksamkeit zu erwecken. (Beifall bei der CDU und Abgeordneten der Grünen – Abg. Thomas Blenke CDU: Bravo!) Ich bin mit meiner Fraktion der festen Überzeugung: Die Qualitätssteigerung in den Kindertageseinrichtungen ist auf einem guten, einem hervorragenden Weg. Beim Personalausbau können wir unterstützen. Wir können die Träger auch bei der Personalgewinnung unterstützen. Das tun wir. Wir können versuchen, diesen Beruf nach außen attraktiv zu machen, ihn schönzureden, gut über ihn zu reden, und ihn nicht immer nur schlechtzureden. Das ist unsere Aufgabe: in die Kitas zu gehen – Frau Wehinger hat es gesagt –, uns zu zeigen, uns zu interessieren. Denn natürlich wollen die Leitungen mit uns sprechen und nicht nur mit dem VBE, der eine Umfrage macht. Die Fragen des KVJS de – 16. Sitzung – Donnerstag, 21. Oktober 2021 wären wichtig, die Zahlen des Landesjugendamts wären wichtig. Das ist die Genehmigungsbehörde. Wenn Leitungen Angst haben, dass sie ihren Personalschlüssel nicht mehr einhalten können und dadurch möglicherweise eine Gefährdungssituation eintritt, dann ist es die allererste und zuvörderste Aufgabe der Kitaleitung, die Hand zu heben, zum Träger zu gehen und zu sagen: „Wir haben ein Problem!“ (Abg. Dr. Stefan Fulst-Blei SPD: Den Tipp gebe ich weiter!) Aber man sollte nicht in der Umfrage sagen: „Ich habe das Gefühl, dass ...“ Das ist kein faktenbasiertes Arbeiten. (Lachen des Abg. Dr. Stefan Fulst-Blei SPD) Ich erwarte eigentlich, dass man zum Landesjugendamt geht und sich die Zahlen geben lässt, wie es tatsächlich in den Kitas aussieht. Wenn es dort ein Problem gibt, dann sind wir die Allerersten, die sagen: Wir sind dabei, hier zu mildern und zu lindern. (Beifall bei der CDU und Abgeordneten der Grünen) Insofern danke ich jetzt erst einmal fürs Zuhören. Ich schaue, ob es eine zweite Runde gibt. Vielen Dank. (Anhaltender Beifall bei der CDU – Beifall bei den Grünen – Abg. Dr. Stefan Fulst-Blei SPD: Es fühlen sich viele veräppelt gerade!)
