landtag-bw.de ↗

Dorothea Wehinger

GRÜNE 21.10.2021 Sitzungen 17/16

Sehr geehrter Herr Präsident, werte Kolleginnen und Kollegen! Als ehemalige Kindergartenleiterin ist mir die frühkindliche Bildung auch weiterhin eine große Herzensangelegenheit. Allerdings bin ich mit den Vorwürfen, die die SPD jetzt an die Landesregierung richtet, gar nicht einverstanden, sondern ich bin verärgert, vor allem über das Wort „endlich“. „Auf den Anfang kommt es an“, das war, ist und wird auch in Zukunft unser grünes Grundprinzip bleiben. Denn wir wissen, was das für die Zukunft eines jeden Kindes bedeutet. Bildung ist das höchste Gut, das wir allen Kindern unabhängig von ih- (Dorothea Wehinger) rer Herkunft, dem sozialen Status ihrer Familie oder ihrer Religion geben. Dafür tun wir viel. (Abg. Dr. Stefan Fulst-Blei SPD: Aha!) Frühe Bildung, die ja bekanntlich nicht erst in der Schule beginnt, fördert die Chancengleichheit. Je früher wir dem Kind Bildung ermöglichen und anbieten, desto besser sind seine Bildungschancen und somit auch die Teilhabe. Tatsache ist aber auch, dass nicht alle Kinder zu Hause bestmögliche Bildung erfahren und dass die Ungleichheit häufig schon dort beginnt. Deshalb unterstützen wir auch die Familien, damit gute Erziehung gelingen kann, aber auch, damit die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ermöglicht wird. (Beifall bei den Grünen und Abgeordneten der CDU) Deshalb investieren wir in die bestmögliche Förderung der jüngsten Kinder durch den beständigen Ausbau von Kitaplätzen und sichern die hohe Qualität mit bestens ausgebildeten pädagogischen Fachkräften. (Abg. Dr. Stefan Fulst-Blei SPD: Das reicht vorn und hinten nicht!) Erlauben Sie mir, sehr geehrter Herr Präsident, ein Zitat von John F. Kennedy: Es gibt nur eines, was auf Dauer teurer ist als Bildung: keine Bildung. (Zuruf von der CDU: Wow!) So muss ich Ihnen, verehrte Kolleginnen und Kollegen von der SPD, doch den Vorwurf machen, dass Sie sehr schlecht über die Arbeit der Landesregierung bezüglich frühkindlicher Bildung und Familienbildung recherchiert haben. (Abg. Sascha Binder SPD: Uns reicht eigentlich das Ergebnis der letzten Monate!) Seit dem 1. August 2013 haben alle Kinder in Baden-Württemberg ab dem vollendeten ersten Lebensjahr einen Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz oder auf einen Platz in der Kindertagespflege. Wir lassen seither auch die Träger und Einrichtungen nicht allein, sondern unterstützen sie mit jährlich hohen Milliardenbeträgen. Immerhin nehmen fast ein Drittel der unter Dreijährigen die Kindertagesbetreuung in Anspruch. Von den Kindern über drei Jahren besuchen 95 % die Kita oder die Kindertagespflege. Auch die Tagespflege unterstützen wir mit ca. 3 Millionen €. (Beifall bei den Grünen und Abgeordneten der CDU) Mit dem „Pakt für gute Bildung und Betreuung“ wollen wir vor allem die Qualität steigern. Denn die Maxime sollte lauten und lautet: Die Besten und das Beste für unser Kleinsten und Jüngsten. Das machen wir mit vielen Programmen wie z. B. – um nur einige zu nennen – Sprachförderangeboten unterschiedlichster Art, dem Programm „Singen – Bewegen – Sprechen“, dem Haus der kleinen Forscher. Neu ist auch das Modellprojekt mit Standorten, die im ganzen Land verteilt sind. Dazu gehören die Kinderbildungszentren, in denen Erzieherinnen, Lehrkräfte, Eltern und Kooperationspartner eng zusammenarbeiten – für eine kontinuierliche Förderung von Anfang an. iode – 16. Sitzung – Donnerstag, 21. Oktober 2021 (Abg. Gabriele Rolland SPD: Ich glaube, Sie haben noch nicht verstanden, worum es geht!) Und dann gibt es das FFB, das Forum Frühkindliche Bildung, das auch die Bildungsarbeit unterstützt. Aber jetzt komme ich zum Thema Fachkräfte. (Zuruf von der AfD: Jetzt endlich!) Auch im Kitabereich bestehen wie in vielen anderen Bereichen eklatante Personalengpässe, wie Sie es auch benannt haben. Aber das schon seit Langem. Da möchte ich auch sagen, lieber Herr Fulst-Blei: Die Fachkräfte fehlen ja überall und nicht nur im Kindergartenbereich. (Abg. Dr. Stefan Fulst-Blei SPD: Warum haben Sie den Ausbau dann gestoppt?) – Den Ausbau – – (Abg. Dr. Stefan Fulst-Blei SPD: Ich habe Ihnen doch gezeigt, wie wir ausgebaut haben, und Sie sind auf fast null gefahren!) – Nur nützt der Ausbau nichts, wenn ich keine Fachkräfte habe. Und das, Herr Fulst-Blei, hat auch damit zu tun – – (Abg. Dr. Stefan Fulst-Blei SPD: Ach Quatsch! Wenn man keine Kapazitäten ausbaut, kann man auch kei- ne Leute einstellen!) Richtig ist, dass die Personalnot durch die Pandemie noch vergrößert wurde, da Fachpersonal gekündigt hat, z. B. wegen Überforderung. Aber – jetzt kommt das Aber; ich war lange genug Kindergartenleiterin und habe bis zum Einzug in den Landtag 2016 Fortbildungen und Coachings gemacht, kenne also viele Einrichtungen –: Schon damals hat sich die Personalnot angekündigt; vielmehr waren wir da schon mittendrin. Der Beruf des Erziehers, der Erzieherin ist für junge Leute nämlich nicht mehr so attraktiv, da die Anforderungen im Berufsalltag sehr hoch sind, beispielsweise durch die hohe Diversität der Gruppen (Zuruf von der AfD: Aha!) und die damit verbundenen zunehmenden Probleme (Abg. Ruben Rupp AfD: Da liegen also die Proble- me!) und Themenstellungen. Aber auch die Erwartungen von Eltern werden immer höher. Hinzu kommt – das ist das Entscheidende – die mäßige Bezahlung; um nur einiges zu nennen. (Abg. Dr. Timm Kern FDP/DVP: Ja, wer regiert denn?) Die Landesregierung sieht – – Ja, was die Bezahlung, das Geld betrifft, ist nicht die Landesregierung schuld, sondern hierfür sind die Träger verantwortlich – nicht die Landesregierung. Das ist ein Unterschied. (Zuruf von der AfD: Die Diversität schafft Proble- me!) (Dorothea Wehinger) Die Landesregierung sieht natürlich das Problem und hat eine lange Liste von Maßnahmen installiert, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Aber die Landesregierung kann – obwohl sie viel kann – nun einmal nicht zaubern, und sie kann neue Fachkräfte auch nicht backen. Das geht nun auch nicht. An erster Stelle zu nennen ist die dreijährige PiA-Ausbildung, die Sie ja auch schon genannt haben und die wirklich ein Erfolgsmodell ist. Das ist die praxisintegrierte Ausbildung, die im Gegensatz zur regulären Erzieherinnenausbildung auch entlohnt wird. Diese kann nun auch in Teilzeit absolviert werden, was das Angebot noch erweitert. Für diese Ausbildung bekommt der Träger pro Monat und Person einen Zuschuss von 100 €. Auch ist die Anzahl der Klassen in Fachschulen erhöht worden, um der Nachfrage gerecht zu werden. Aber auch die reguläre Erzieherinnenausbildung kann nun in Teilzeit absolviert werden. Weiter gibt es wieder die Möglichkeit, an einer Berufsfachschule für Kinderpflege einen Abschluss zu machen und somit Kinderpflegerin zu werden. Das ist für Personen gedacht, die keine mittlere Reife haben. Mit diesem Abschluss können dann auch diese Menschen eine reguläre Erzieherinnenausbildung beginnen. Des Weiteren nenne ich – Sie haben es auch schon gesagt – die Kindheitspädagogik als Studienfach. Das ist wichtig und gut; allerdings sind die Aufstiegsmöglichkeiten dort begrenzt. Aber die Nachfrage für diesen Studiengang ist sehr groß. Neu ist auch, dass den Absolventinnen und Absolventen der klassischen Erzieherinnen- und Erzieherausbildung von Herbst 2021 an – also jetzt – und auch im kommenden Jahr eine Ausbildungsgratifikation von 2 000 € angeboten wird, wenn diese Erzieherinnen und Erzieher eine unbefristete Stelle in einer Kita annehmen. Bereits seit 2013 besteht die Möglichkeit für Kitas, nicht pädagogische Fachkräfte einzustellen. Damit können multiprofessionelle Teams eingerichtet werden; so könnten beispielsweise ein Schreiner oder eine Schneiderin in ein Kitateam hinzukommen, um mit den Kindern kreativ zu arbeiten. Zu denken ist aber auch an Fachkräfte für Verwaltung oder für hauswirtschaftliche Tätigkeiten; auch diese könnten das Team der Erzieherinnen und Erzieher entlasten. (Beifall bei den Grünen und der Abg. Christiane Staab CDU) Ein wichtiges Qualitätsmerkmal ist für uns aber die Unterstützung der Kitaleitung. Ich selbst war lange genug Leitung einer Kita, um zu wissen, wie wichtig die ausreichende Leitungszeit ist. Schließlich umfasst die Arbeit neben der Pädagogik auch die Führung eines Mitarbeiterstabs, die Organisations- und Konzeptionsentwicklung, Zusammenarbeit mit den Eltern sowie mit unterschiedlichsten Organisationen wie Jugendamt, Sozialamt, Gesundheitsamt; daneben steht die intensive Arbeit mit den Grundschulen – um nur einige Tätigkeitsfelder zu nennen. Deshalb investieren wir den überwiegenden Teil der Bundesmittel aus dem „Gute Kita“-Gesetz in die Leitungsfreistellung. Alle Kitas erhalten, unabhängig von ihrer Größe und von der Zahl der Gruppen, einen Grundsockel von sechs Stunden pro Woche. Bei größeren Kitas werden pro Gruppe zwei Stunden mehr pro Woche finanziert. de – 16. Sitzung – Donnerstag, 21. Oktober 2021 (Beifall bei den Grünen – Vereinzelt Beifall bei der CDU) Für die Kindergartenteams selbst wäre nach meiner Erfahrung eine regelmäßige Unterstützung durch Supervision oder Coaching ein wichtiges Instrument. Des Weiteren wäre es wichtig, dass die Teams mehr Fortbildung bekommen, am besten in Form von Inhouse-Seminaren, um die Professionalität und die Zufriedenheit aller Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu erhöhen bzw. um die Entwicklungen auf den neuesten Stand zu bringen. Hervorheben möchte ich als Beispiel das wichtige Thema Inklusion, um der inklusiven Arbeit in den Kitas auch gerecht werden zu können. Einen ganz wichtigen Punkt sehe ich in der verbindlichen Umsetzung des Orientierungsplans. (Beifall eines Abgeordneten der Grünen) Dieser wurde evaluiert, und am 30. September wurden die Ergebnisse der Fachöffentlichkeit vorgestellt. (Vereinzelt Beifall bei den Grünen) Mit der Zielsetzung des Orientierungsplans wären die Anforderungen an alle Kitas dieselben, und somit könnte die Qualität in allen Einrichtungen auf das gleiche Niveau angehoben werden. Vor allem gilt das auch für Kitas, die keine Fachberatung haben, z. B. Kitas auf dem Land, kommunale Einrichtungen, die oft allein vor sich hin arbeiten müssen. Erfolgsmodelle sind auch die Kinder- und Familienzentren, KiFaZ, deren Weiterentwicklung auch in Zukunft gefördert wird. Dort erfahren Eltern niederschwellige Hilfsangebote und bekommen bei Bedarf erzieherische Unterstützung und Raumangebote für Elterntreffs. Das wird nicht von einer Erzieherin geleitet, sondern von einer Zusatzkraft, und entlastet somit auch die Gruppenerzieherinnen. Die Aufgaben und Anforderungen für Kitas sind sehr groß. Unser gemeinsames Ziel ist es aber, die Kitas zu Orten der Bildung, Erziehung und Betreuung auf höchstem Niveau zu gestalten und dieses noch weiter anzuheben. Aber dazu brauchen wir vor allem das Personal, und dabei sind wir alle gefordert. Auch wir Politikerinnen und Politiker stehen in der Verantwortung, der frühkindlichen Bildung in unserer Gesellschaft einen höheren Stellenwert zu geben, indem wir alle, die wir hier sind, ... (Glocke des Präsidenten)

Alle Reden von Dorothea Wehinger Protokoll ↗