Jan-Peter Röderer
Vielen Dank. – Frau Präsidentin, liebe Kolleginnen und Kollegen, meine sehr geehrten Damen und Herren! Wie der Titel der Debatte schon sagt, hat der Wald viele und ganz unterschiedliche Funktionen. Der Wald eriode – 9. Sitzung – Mittwoch, 14. Juli 2021 ist hier in Baden-Württemberg der naturnächste große Landschaftsbestandteil mit immerhin rund 38 %. Dabei ist die Naturnähe mal mehr und mal weniger gegeben. Noch immer gibt es große Flächen von Monokulturen aus Fichten und Kiefern und damit auch die daraus resultierenden Probleme. Der Wald hat einige sehr schwierige Jahre hinter sich, und er hat sich noch lange nicht davon erholt. Während viele Menschen leidig auf das Wetter in diesem Frühjahr und Sommer schauen, freut sich der Wald, und das Grundwasser kann endlich wieder auf steigende Pegel hoffen. Die beiden deutlich zu trockenen Jahre 2018 und 2019 haben nicht nur einen Vorgeschmack auf den Klimawandel gegeben, sie haben auch schonungslos die Schwächen unserer Wälder aufgedeckt. Gerade die angesprochenen Monokulturen aus Fichten mit ihrer Borkenkäferanfälligkeit wie auch die endlosen Kieferflächen auf den Sandböden im Tiefland haben, wie zu erwarten, am meisten gelitten. Aber auch Mischwälder inklusive der Laubbäume wurden und sind teilweise stark beschädigt. Insgesamt ist aber festzustellen, dass diese naturnahen Laubmischwälder mit verschiedenen Altersstufen am besten gewappnet waren und die geringsten Schäden aufweisen. Solche Wälder erzeugen ihr eigenes Kleinklima mit teilweise deutlich geringeren Temperaturen an heißen Sommertagen. Nun sind große Flächen von Wäldern so stark beschädigt, dass man sie neu bewalden muss. Natürlich hat das die Diskussion zur Folge, wie man sie bewaldet. Die einen wollen am liebsten mit schwerem Gerät alles leer räumen und dann wie auf einem Maisacker alles neu pflanzen. Am besten sollen dafür noch ortsfremde Gehölze verwendet werden, in der Hoffnung auf guten und schnellen Ertrag. Das wäre dann allerdings das gleiche Denken, der gleiche Fehler wie bei den Fichtenwäldern, bei denen wir heute froh sind, wenn deren Anteil allmählich kleiner wird. Andere hätten am liebsten nur Naturverjüngung durch Sukzession, aber das geht schon allein deshalb nicht, weil in Fichtenwäldern hauptsächlich Fichtensamen zu finden sind. Zunehmend wird außerdem bewusst, dass der Wald ein ganz wichtiges Habitat und Ökosystem ist – und eben nicht nur Holzlieferant. Es findet auch im Wald Artenschwund statt. Das verpflichtet uns, den Wald so um- und wieder aufzubauen, dass er auch weiterhin ein geeigneter Lebensraum für die dort beheimateten Organismen ist. (Beifall bei der SPD sowie der Abg. Manuel Hagel und Andreas Deuschle CDU) Warum sage ich das alles? Daraus wird klar, dass wir behutsam und mit Bedacht den Wald wiederaufbauen müssen, dass wir der Naturverjüngung überall dort den Vorrang lassen, wo es möglich ist, wo also die geeigneten Baumarten auch von allein hochkommen. Wir erleben aber auch einen durch Corona befeuerten Anstieg der Nutzung der Erholungsfunktion des Waldes. Auch hier gilt es, Kompromisse zu schließen und abzuwägen, damit auch weiterhin möglichst viele Nutzergruppen unsere Wälder erleben können, ohne dass dabei Flora und Fauna, aber auch die unterschiedlichen Nutzer erheblich zurückstecken müssen. Zu allem Übel und mitten in diesem Klima- und Umbaustress kommen noch die stark gestiegene Holznachfrage aufgrund (Jan-Peter Röderer) des Baubooms in zahlreichen Ländern – wie auch hier bei uns – und die damit verbundenen globalen Verschiebungen am Markt hinzu. Hier dürfen wir nicht leichtfertig und marktgerecht unsere Wälder übernutzen, bloß weil z. B. die USA gerade weniger Holz aus Kanada erhalten. Auch die Holzbauoffensive hier in Baden-Württemberg mit all ihren ehrenwerten Zielen erfordert ein ganz bewusstes und nachhaltiges Bewirtschaften unserer Wälder, damit deren Naturschutz- und Erholungsfunktion erhalten bleibt. Holz ist eben nicht nur die ökologische Alternative zu einem Wirtschaftsgut wie Stahl oder Zement, sondern die Ernte aus dem verantwortungsvoll genutzten Naturraum Wald. Zur verantwortungsvollen Nutzung gehört auch ein anderes Ziel, das die Bundesregierung schon vor 15 Jahren ausgegeben hat und das leider noch immer von Grün und Schwarz gleichermaßen ignoriert wird. Das Ziel, 5 % des Waldes aus der Nutzung zu nehmen, ihn also als Naturschutzgebiet oder als Bannwald auszuweisen, wird hier im Land einfach nicht umgesetzt, nicht mal in Trippelschritten. Der letzte nennenswerte Schritt in dieser Sache war der Nationalpark unter Grün-Rot. Danach wurde lediglich die Statistik geschönt, indem man die Waldflächen mit Alt- und Totholzkonzept einfach mitgezählt hat. Unsere Natur und unsere Artenvielfalt sind aber auf naturnahe Wälder angewiesen, in denen alte und junge Bäume durcheinander stehen und in denen die Naturprozesse ungestört ablaufen können. Das Altholzkonzept und andere Vorgaben für unsere Wirtschaftswälder und den Staatsforst sind zwar gut und richtig, sie reichen aber als Ersatz dafür nicht aus. Liebe Kolleginnen und Kollegen, Sie sehen, das Naturtalent Wald braucht dringend unsere Hilfe, um auch weiterhin seine Fähigkeiten bestmöglich entfalten zu können. Deshalb sind in dieser Situation auch die kommunalen und privaten Waldbesitzer dringend auf Hilfen angewiesen. Allerdings war die Unterstützung durch das Land, egal, ob mit Zahlungen oder beispielsweise beim Anlegen von Nasslagern, in den letzten zwei Jahren kein Ruhmesblatt. Alles ging viel zu langsam – und als Krönung des Ganzen stritten sich dann noch Verkehrsminister und Agrarminister öffentlich über Holztransporte. Immerhin hat die grün-schwarze Koalition bei der Zahl der jährlichen Ausbildungsstellen auf die Forderungen aus den Reihen der Förster und Kommunen und auch aus den Reihen der SPD-Fraktion reagiert und noch einmal nachgebessert. Wie allerdings jetzt innerhalb dieser Legislaturperiode 1 000 neue Windräder im Staatswald gebaut werden sollen, wo doch dasselbe Personal im Ministerium sitzt und Minister Hauk und das MLR trotz zahlreicher gut geeigneter Standorte den Ausbau der Windkraft im Staatswald in den letzten Jahren rigoros blockiert haben, darauf dürfen wir alle, denke ich, mehr als gespannt sein. (Beifall bei der SPD)
