Hans-Peter Hörner
Herr Präsident, liebe Kolleginnen und Kollegen, meine Damen und Herren! Ich habe hier eine Rede vorliegen, die ich entworfen habe. Ich möchte dieser aber doch etwas voranstellen. Ich stehe das erste Mal hier, und ich vollende in wenigen Wochen mein 70. Lebensjahr. Ich habe über 45 Jahre an Berufsschulen unterrichtet, ging als Oberstudienrat in Pension, habe sechs Kinder, bin Großvater, werde demnächst nochmals Großvater, bin auch bereits – das ist hier wahrscheinlich nicht sehr häufig der Fall – seit einigen Tagen Urgroßvater, worüber ich mich sehr freue. Wenn ich jetzt hier stehe und mir in meinem Alter das Ganze nochmals antue – wofür ich sehr dankbar bin; das ist eine neue Lebenschance, nachdem ich wenige Monate in Pension war –, dann tue ich das als Mensch, der erzogen wurde in einer gewissen christlichen Verantwortung in einem landwirtschaftlichen Elternhaus, als Mensch, der sehr lange gearbeitet hat – wie gesagt, in einer gewerblichen und kaufmännischen Berufsschule – und der auch ehrenamtlich sehr stark tätig war. Deswegen ist dieses Thema für mich sehr gut zugeschnitten, wenn ich jetzt über die Aktivitäten in Vereinen reden soll. Ich bin noch immer Ortsvorsitzender, war lange Zeit Kreisvorsitzender, war lange Zeit sogar im Landesvorstand tätig und habe erfahren dürfen, dass es, egal, in welchem Bereich, eriode – 8. Sitzung – Donnerstag, 1. Juli 2021 immer wieder Menschen gibt, die sich freuen, wenn andere da sind, die helfen können – wo auch immer. Ich war immer sehr dankbar für die Menschen, die an der Basis eines Vereins – egal, welches Vereins; ich war hier in verschiedenen Bereichen tätig – da waren und gearbeitet haben. Und sie haben gern gearbeitet, ob sie jung oder alt waren, vermischt in verschiedenen Generationen von Sieben- oder Achtjährigen oder noch Jüngeren in der Jugendgruppe bis hoch zum 85- oder 90-Jährigen. Ich habe das immer sehr gern getan und tue es noch immer sehr gern. Da stelle ich ganz einfach einmal fest, meine Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen: In Baden-Württemberg sind 5,3 Millionen Menschen über 14 Jahren – das ist fast die Hälfte der Bürger von Baden-Württemberg – ehrenamtlich und bürgerschaftlich tätig. Wir haben es heute schon gesagt. Die Menschen hier sind sehr engagiert, mehr als in jedem anderen Bundesland. Das wiederhole ich hier. Wir können eigentlich stolz darauf sein, dass sich unsere Bürger ehrenamtlich engagieren, dass sie sozial tätig sind und füreinander da sind. (Beifall) Im Jahr 2020 gab es in Baden-Württemberg – ich gehe jetzt auf den Sportbereich ein – über 11 000 Sportvereine, Tendenz leider abnehmend, wie bei vielen anderen Vereinen auch. Die Lage der Sportvereine ist alarmierend. Das ist nicht nur meine eigene Meinung oder die Meinung der AfD-Fraktion. Lesen Sie bitte den Sportentwicklungsbericht. In diesem Sportentwicklungsbericht können Sie nachlesen, dass 52,4 % der Sportvereine in den nächsten zwölf Monaten eine – ich sage es wortwörtlich – „existenzbedrohende Lage“ sehen. Als Hauptgrund nennen diese Vereine nicht die Überalterung, nicht den Rückgang der Bereitschaft, sich ehrenamtlich zu engagieren. Als Hauptgrund nennen sie vielmehr den pandemiebedingten starken Rückgang der Möglichkeiten, Vereinsveranstaltungen durchzuführen, und auch – das kommt noch dazu – den pandemiebedingten Mitgliederrückgang. Auch das ist nicht nur meine Meinung, sondern das ist auch die Meinung des Studienleiters des Sportentwicklungsberichts, Professor Christoph Breuer, den ich zitiere: Je länger Sportvereine ihrem Zweck nicht nachkommen dürfen, desto schwächer wirken sie als stabilisierendes Element der Gesellschaft. Damit treffen die Folgen nicht nur die Vereinsmitglieder, sondern sie treffen uns, die gesamte Gesellschaft. Gerade jetzt – ich sage mit Absicht: jetzt – ist in den Vereinen der organisierte Sport unverzichtbar. Sportvereine arbeiten zusammen, kooperieren mit Kindergärten, Schulen und Jugendämtern. Gerade jetzt hat der Sport einen ganz weit gefassten Bildungsbegriff. Die Vereine garantieren, dass man sich bewegen und Fußball spielen kann oder dass man als Feuerwehrmann, Sänger, Gartenfreund, Wanderer oder Züchter etc. aktiv sein kann. 28 Millionen Menschen sind Mitglieder in deutschen Sportvereinen. Das ist eine große Massenbewegung in Deutschland. Es sind die Sportvereine, die den Jugendlichen den Weg in den Sport ermöglichen. Sie können Wettkämpfe organisieren, Erfolgserlebnisse ermöglichen. Es gibt einen gesunden (Hans-Peter Hörner) Konkurrenzkampf, Selbstvertrauen wird aufgebaut, Herausforderungen wird positiv begegnet. In den Vereinen werden aber auch Werte vermittelt, die in dieser hektischen Welt immer wichtiger werden, wie z. B. Fairness, Respekt, Durchhaltevermögen, Teamgeist; das ist hier erlernbar. Nirgendwo sonst entsteht ein so starkes Wirgefühl – auch nicht an Schulen; das sage ich als Lehrer – wie in diesen Vereinen. (Beifall) Wir wollen Zusammengehörigkeit. Wir wollen zusammen als Vereinsmitglieder – ich nehme an, dass viele von Ihnen auch Vereinsmitglieder sind – auch den gesundheitlichen Aspekt in den Vordergrund stellen. (Beifall) Ich denke hier an eine Studie des Tumor-Instituts in Rom. Dieses hat festgestellt, dass die Menschen zu viel sitzen. Das weiß ich auch von meinen Enkelkindern. Da sind einige Wonneproppen dabei. Die Mami macht dabei vielleicht auch einen Fehler, wenn sie den Kindern die Süßigkeiten direkt an den Platz vor dem Fernseher trägt. Es ist leider so; da redet man als Großvater leider auch vergebens. Wir wissen aber: Dadurch, dass sich die Menschen weniger betätigen, nehmen sie zu. Es gibt hierzu auch eine Untersuchung der TU München. An der Untersuchung haben 1 000 Menschen teilgenommen. 40 % haben mehr als 5,6 kg zugenommen. Sie wissen, dass mit zunehmendem Gewicht über das Normalgewicht nach dem Body-Mass-Index hinaus bis hin zu Adipositas eine Senkung der Antikörpermenge um bis zu 50 % einhergeht. Das muss uns wirklich sehr traurig machen, es muss uns endlich mal aufrütteln. Wir können nicht so weitermachen. Der Lockdown, den Sie hier beschlossen haben, hat von fast vier Millionen Vereinsmitgliedern in Baden-Württemberg sehr viel Geduld gefordert. Dabei hat die Landesregierung aber stets die Hoffnung warmgehalten, dass das alte Vereinsleben wieder zurückkehrt. (Unruhe) Inzwischen wissen wir: Das Coronavirus wird bleiben, es wird mutieren. Ich bin auch Biologe; ich habe lange Biologie unterrichtet. Ich weiß, was ein Retrovirus ist. Wir werden lernen müssen, damit umzugehen, aber wir können nicht die Vereinsmitglieder einsperren und dadurch die Vereine im Prinzip kaputtgehen lassen. (Beifall) In Anbetracht dessen müssen wir an neuen Lösungen arbeiten. Denn Fakt ist: Ihr Lockdown war und ist kein Königsweg, sondern eine Kapitulation vor diesem Virus. (Beifall) Und wenn wir so weitermachen, machen wir unsere Gesellschaft kaputt. Unsere Gesellschaft braucht Vereine; ohne diese Vereine können wir nicht leben. Vielen Dank. (Beifall) periode – 8. Sitzung – Donnerstag, 1. Juli 2021
