Dr. Claudia Schilling
Frau Präsidentin, sehr geehrte Damen und Herren! Zunächst eines vorweg: Junge Menschen in akuten Notlagen haben in Bremen jederzeit die Möglichkeit, sich an das Jugendamt zu wenden, und das ist mir wichtig. Kein minderjähriger Mensch sollte in unserer Stadt obdachlos werden. Der Kinder- und Jugendnotdienst stellt sicher, dass Minderjährige rund um die Uhr um Inobhutnahme bitten können, und wichtig ist hierbei: Das Jugendamt ist verpflichtet, sogenannte Selbstmelder:innen unter 18 Jahren in Obhut zu nehmen. Doch nicht nur das Jugendamt trägt Verantwortung, alle, die mit jungen Menschen arbeiten, sind Teil des Kinderschutzes: Jugendsozialarbeit, offene Kinder- und Jugendarbeit, Schulen und weitere Akteure – sie alle gehören zum Hilfesystem. Bei Anzeichen von Kindeswohlgefährdung – insbesondere bei drohender Obdachlosigkeit oder versteckter Obdachlosigkeit, wie beispielsweise dem hier schon vielfach angesprochenen Sofahopping – müssen diese Stellen das Jugendamt einbeziehen. Diese gemeinsame Verantwortung ist unter anderem im Gesetz zur Kooperation und Information im Kinderschutz sowie in den Bremer Qualitätsstandards zur Zusammenarbeit im Kinderschutz klar beschrieben. Wir wissen aber auch, dass es Jugendliche gibt, die das Vertrauen in das etablierte Jugendhilfesystem verloren haben. Viele von ihnen sind durch Armut, Drogenkonsum, Schulabstinenz oder andere Problemlagen stark belastet. Sie sind meistens zwischen 14 und 18 Jahren alt, haben keinen festen Lebensmittelpunkt und sind oft in der Straßenszene sozialisiert. Auch Careleaverinnen benötigen nach dem Ende der Jugendhilfe verlässliche Unterstützung und Informationen, damit sie in Krisensituationen nicht in die Obdachlosigkeit rutschen. Seit 2021 gibt es in Bremen eine Informationsbroschüre für Fachkräfte, die wir momentan aktualisieren, um sicherzustellen, dass diese Zielgruppe auf ihrem Weg in die Eigenständigkeit noch besser begleitet wird. Um die Übergänge und Versorgung junger Menschen, die von Obdachlosigkeit bedroht werden können, zu verbessern, findet bereits ein regelmäßiger Austausch zwischen den zuständigen Referaten des Amtes für Soziale Dienste und der Senatorin für Arbeit, Soziales, Jugend und Integration statt. Auch die Senatorin für Gesundheit, Frauen und Verbraucherschutz sowie das Jobcenter Bremen befassen sich mit dieser Thematik, und wir wollen diese Zusammenarbeit weiter ausbauen. Der Verein zur Förderung akzeptierender Jugendarbeit e. V., hier besser bekannt als VAJA e. V., beschreibt, dass Streetwork insbesondere junge Menschen erreicht, die von regulären Jugendhilfeangeboten nicht mehr erreicht werden. Der aufsuchende, freiwillige, beziehungsorientierte Ansatz ermöglicht einen schnellen Vertrauensaufbau und die Vermittlung in weiterführende Hilfen. Besonders im Bahnhofsumfeld sind Minderjährige und junge Volljährige stark gefährdet. Aufsuchende Arbeit ist hier zentral, um Risiken frühzeitig zu erkennen und Übergänge in Schutz- und Hilfesysteme zu eröffnen. Eine auch in anderen Kommunen umgesetzte Lösungsoption für diese Zielgruppe sind die hier auch schon mehrfach geforderten niedrigschwelligen Übernachtungsstellen. Bremen hat verschiedene Konzepte für Notübernachtungsstellen aus anderen Großstädten geprüft. Die Erfahrungen dort, aber auch die hiesige Praxis zeigen: Niedrigschwellige Übernachtungsangebote sind insbesondere für schwer erreichbare Jugendliche und junge Volljährige sinnvoll. Wir werden nun prüfen, ob und wie ein solches Angebot in Bremen umgesetzt werden kann, die enge Zusammenarbeit mit Streetwork und weiteren niedrigschwelligen Angeboten ist dabei unverzichtbar. Für junge Volljährige ab 18 bis unter 27 Jahren, die Leistungen der Jugendhilfe in Anspruch nehmen möchten, stellt Bremen sicher, dass sie Zugänge in die Hilfen zur Erziehung erhalten können. Dies erfolgt nach einem transparenten Verfahren, das die Verselbstständigung der jungen Menschen in den Mittelpunkt stellt. Um junge Menschen zu informieren, wird ein Flyer entwickelt, der auf die Beratungs- und Anlaufstellen hinweist, ein QR-Code soll zu einer Webseite mit weiterführenden Informationen führen. In Bremen stehen den jungen Menschen bereits vielfältige niedrigschwellige Angebote zur Verfügung. Das Amt für Soziale Dienste bietet im Rahmen der Fachberatung Jugendhilfe in der Jugendberufsagentur eine umfassende Beratung an. Das ESF-PlusProgramm „JUGEND STÄRKEN: Brücken in die Eigenständigkeit“ unterstützt bis 2028 niedrigschwellige Beratung. (Glocke) Ein letzter Punkt: Für junge Menschen in Ausbildung mit einer Biografie in stationären Hilfen wurde gerade eine sozialpädagogische Wohnform nach § 13 Absatz 3 SGB VIII als Pilotprojekt in Bremen umgesetzt. Sie sehen also, wir haben bereits einige niedrigschwellige Angebote, aber wir wollen dranbleiben, wir wollen für die jungen Menschen in Bremen da sein. – Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit! (Beifall SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, Die Linke)
