Selin Arpaz
Sehr geehrte Frau Präsidentin, sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! Es wird Sie wahrscheinlich nicht wundern, aber Frau Görgü-Philipp hat schon vieles von dem erwähnt, was jetzt auch in meiner Rede kommen wird. Die Zahl der jungen Menschen, die in Deutschland von Wohnungs- oder Obdachlosigkeit betroffen ist, steigt seit Jahren dramatisch an. Aktuelle Studien sprechen von rund 44 000 jungen Menschen unter 27 Jahren, die ohne festen Wohnsitz leben. Den größten Teil von ihnen machen junge Volljährige aus, doch etwa 2 000 von ihnen sind minderjährig. Es sind meistens entkoppelte junge Menschen, die aus allen Gesellschaftsschichten stammen. Übliche Auslöser für ihre Situation sind schwere familiäre Zerwürfnisse, Missachtung, Misshandlung oder Missbrauch, aber im Einzelfall auch gescheiterte Jugendhilfemaßnahmen. Zahlreiche obdachlose junge Menschen stammen aus sehr problembelasteten Elternhäusern, die bereits Kontakt zum Jugendamt hatten, materielle Not spielt dabei häufig nur eine zweitrangige Rolle. Doch wie sieht eigentlich die Situation hier in Bremen aus? Die Beantwortung einer Anfrage in der Fragestunde aus dem letzten Jahr weist auf ein großes Dunkelfeld hin und wie schwierig es ist, konkrete Zahlen in diesem Bereich zu erfassen. Doch woran liegt das eigentlich genau? In vielen Fällen, nicht nur in Bremen, sondern bundesweit, steht man, was die Gruppe an Menschen angeht, vor der großen Herausforderung, dass ihre tatsächliche Lebenslage oftmals verschleiert bleibt, denn diese Gruppe junger Menschen lebt häufig in sogenannter verdeckter Obdachlosigkeit. Sie kommen bei Bekannten unter, ziehen von Sofa zu Sofa. Die sogenannten Sofahopper bilden die größte Gruppe innerhalb der circa 44 000 Menschen deutschlandweit. Was muss jetzt also für diese Gruppe an jungen Menschen hier in Bremen getan werden? Aus unserer Sicht sind es folgende Dinge: Erstens, wir brauchen eine bessere Datenlage und müssen unser Jugendhilfesystem noch besser vernetzen und verzahnen und auf die Lebensumstände jener ausrichten, die in Bedrohungslagen geraten sind oder es noch können. Es wäre falsch, zu behaupten, dass es da nicht schon viele Träger gebe, die in diesem Bereich aktiv sind, doch wir müssen schauen, wie wir bestehende Angebote noch besser auf die Bedürfnisse dieser jungen Menschen ausrichten können, Lehrstellen identifizieren und Akteure der Jugendhilfe bei ihrer Arbeit besser unterstützen, insbesondere beim Schritt in die Selbstständigkeit von jungen Menschen. Da gibt es meiner Meinung nach noch großes Potenzial, was Angebote angeht. Zweitens, wir müssen auch darauf achten, dass die jungen Menschen, die bereits in Maßnahmen sind oder es waren, nach dem Erreichen der Volljährigkeit nicht direkt aus dem System fliegen, sondern gemäß SGB VIII die weitere Unterstützung bekommen, die sie benötigen. Gerade die 18- bis 21-Jährigen bilden den größten Teil der wohnungs- und obdachlosen jungen Menschen, und hier müssen wir ganz besonders hinschauen. Drittens, last, but not least, meiner Meinung nach eine der wichtigsten Maßnahmen in diesem Antrag: Wir brauchen dringend eine Notschlafstelle für die Gruppe junger Menschen, die nicht weiß, wohin. Es muss dringend geprüft werden, wie hier bei uns in Bremen eine Notschlafstelle für diese Gruppe junger Menschen geschaffen werden kann. Die gängigen Notschlafstellen, die wir in Bremen haben, richten sich vor allem an Erwachsene. Was junge Menschen angeht, haben wir momentan keine passende Lösung. Welchen Beitrag sogenannte Sleep-Ins leisten und welchen weiteren Zugang sie zu diesen Menschen ermöglichen, können wir bereits in Städten wie Hamburg oder Dortmund sehen. Dort wird den jungen Menschen nicht nur ein sicherer Unterschlupf gewährleistet, dort gelingt es auch, dass Jugendhilfe Kontakt zu diesen jungen Menschen aufnimmt und sie wieder ins Unterstützungssystem bekommt. Sehr geehrte Damen und Herren, das Leben von jungen Menschen, die von Wohnungs- und Obdachlosigkeit bedroht sind oder denen, die bereits schon wohnungs- und obdachlos sind, ist durch enorme Herausforderungen geprägt. Nichtdestotrotz gleichen ihre Zukunftshoffnungen und Wünsche denen anderer junger Menschen: Normalität, Geborgenheit, ein Schulabschluss, Berufsausbildung, Wohnen und Arbeit. – Wir sollten gemeinsam alles dafür tun, dass auch ihre Träume und Hoffnungen Realität werden können. Meine Rede möchte ich mit einem Bild beenden, das ich hier schon häufiger skizziert habe: Jugendhilfe kann und wird niemals alle retten können. Sie ist wie ein Netz, das Kinder und junge Menschen auffangen soll, doch manchmal fallen einige hindurch. Unsere Aufgabe muss es sein, das Netz mit unseren Maßnahmen immer engmaschiger zu knüpfen, damit so wenige wie möglich durchfallen. – Vielen Dank! (Beifall SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
