Sahhanim Görgü-Philipp
Sehr geehrte Frau Präsidentin, liebe Kolleg:innen! Gerade jetzt, in der Kälte des Winters, wenn ein warmes Zuhause für alle von uns selbstverständlich ist, wird die Situation von obdachlosen Menschen dramatisch. Ihre unsichere Situation braucht unsere Aufmerksamkeit und unser Handeln. Wir beraten heute den Antrag „Soziale Hilfen für obdachlose und von Obdachlosigkeit bedrohte Jugendliche und junge Erwachsene passgenauer ausrichten“. Es geht um junge Menschen in unserer Mitte, die keinen sicheren Ort zum Schlafen haben, um junge Menschen, die zwischen Jugendhilfe, Sozialleistungen und ihren Familien verloren gehen und viel zu früh Verantwortung für ihr eigenes Überleben tragen müssen. Für 2024 wissen wir sicher von über 100 jungen Frauen und Männern, die Dunkelziffer ist leider viel, viel höher. Viele sozialpolitisch engagierte Kollegen haben sich dann bereits intensiv mit der Situation von Sofahopperinnen und obdachlosen Jugendlichen beschäftigt. Dabei ist deutlich geworden, dass es im bestehenden Hilfesystem zahlreiche Berührungspunkte mit dieser Zielgruppe gibt. Angebote der Jugendsozialarbeit sowie der offenen Kinder- und Jugendarbeit erreichen bereits viele junge Menschen. Gleichzeitig zeigt sich aber auch, die bestehenden Hilfen greifen oft nicht gut genug ineinander. Gerade der präventive Bereich muss gestärkt werden, damit junge Menschen gar nicht erst in prekäre Lebenslagen abrutschen. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, SPD) Gerade für Jugendliche muss der Zugang zur Jugendhilfe ausgeweitet werden, weil sie oft zwischen Systemen verlorengehen – für das eine Angebot noch zu jung, für das andere bereits zu alt. Dass die Zahlen der obdachlosen Kinder und Jugendlichen bundesweit steigen, macht es umso dringlicher, auch in Bremen genau hinzuschauen und unser Sozialsystem und unsere Angebote entsprechend auszuweiten und an ihre Bedürfnisse anzupassen. Sofahopperinnen und junge obdachlose Menschen leben ohne festen Wohnsitz, wechseln zwischen Unterkünften bei Freundinnen, Bekannten oder der Straße. Ihr Alltag ist geprägt von Unsicherheit: Wo kann ich schlafen, mich waschen, meine Sachen aufbewahren? Häufig fehlen stabile Beziehungen, Schul- und Ausbildungsplätze und ein verlässliches Einkommen. Sie sind besonders gefährdet durch Ausbeutung, Gewalt sowie gesundheitliche und psychische Belastungen und sexuelle Abhängigkeiten, sexualisierte Gewalt und auch sexuelle Ausbeutung. Ohne rechtzeitige passende Unterstützung droht eine Verfestigung dieser Lebenslagen. Liebe Kolleginnen, genau hier setzt unser Antrag an: Er fordert soziale Hilfen, die präventiv, niedrigschwellig und altersgerecht wirken – Hilfen, die Übergänge nach der Schule besser begleiten und Unterstützung bieten, bevor junge Menschen auf der Straße landen. Im Rahmen eines Prüfauftrags soll auch mit den jungen Menschen ermittelt werden, welche Unterstützungs- und Unterbringungsformen ihnen helfen. Dabei ist insbesondere zu prüfen, ob niedrigschwellige jugendspezifische Sleep-InAngebote gegenüber etablierten Notunterkünften besser geeignet sind, um den spezifischen Bedarfen dieser Zielgruppe gerecht zu werden. Es geht dabei um mehr als Unterkünfte. Es geht um Vertrauen in staatliche Stellen und um ganz konkrete Fragen: Wie bin ich krankenversichert? Bin ich überhaupt krankenversichert? Wann übernimmt das Jobcenter die Wohnkosten? Wie lassen sich denn Schulden abbauen? In einem stabilen Umfeld sind diese Fragen sehr schnell lösbar, in einer ohnehin krisenhaften Lebenssituation oft nicht. Deshalb braucht es ein verlässliches Hilfesystem, das Chancen eröffnet, Schule, Ausbildung oder Therapie zu beginnen oder fortzuführen, trotz schwieriger Lebensumstände – kurz gesagt, die Chance, wieder auf die Füße zu kommen. Im Sinne der Kinder und Jugendlichen bitte ich um Zustimmung zu diesem Antrag. – Vielen Dank! (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, SPD, Die Linke)
