Fynn Voigt
Sehr geehrte Frau Präsidentin, liebe Kolleginnen und Kollegen, verehrte Gäste! Uns wurde ein neuer Bildungsmonitor auf den Tisch gelegt, und Bremen ist erneut auf dem letzten Platz. Im Vorgang dieser Debatte habe ich einige Gespräche im privaten Umkreis, mit Kolleginnen und Kollegen dieses Hauses, mit Lehrkräften geführt, und es hat sich die Frage gestellt: Wo ist eigentlich die neue Nachricht? Ist es nicht was ganz Normales? Lohnt sich diese Aktuelle Stunde überhaupt? Meine Damen und Herren, ich glaube, das ist die größte Gefahr, der wir gegenüberstehen, dass wir uns daran gewöhnen, dass die nächste Studie kommt, wo wir mal wieder – ich glaube, es ist jetzt das sechste Mal, wurde mir eben gesagt – auf dem letzten Platz liegen, die gleiche Schlagzeile haben, eine kurze Debatte halten, jeder seine Pressemitteilung rausschickt und sich danach kaum etwas bis gar nichts für die Kinder in unserem Bundesland verändert. Für ein Kind ist jedes verlorene Schuljahr ein Stück verlorene Zukunft. Lesen, Schreiben und Rechnen, Anschluss an den Unterricht: Was heute fehlt, macht morgen den nächsten Schritt schwerer. Genau deshalb müssen wir hier darüber sprechen. Wir müssen uns die Erkenntnisse angucken, die uns die Institute vorlegen, und wir müssen Konsequenzen daraus ziehen. Das ist vor allem Aufgabe von Ihnen im Senat. (Beifall FDP) Besonders schwierig in diesem Bildungsmonitor: Wir liegen in Bremen auf dem letzten Platz bei Schulqualität und Bildungsarmut, also quasi genau da, wo es um Chancen und Fähigkeiten bei unseren Kindern geht, ausgerechnet in dem Bundesland, wo der Bildungserfolg so sehr vom Elternhaus abhängt, wie in keinem Bundesland sonst. Wir haben 2024 eine Schulabbrecherquote von 9,8 Prozent gehabt – 2 Prozent über dem Bundesschnitt, also fast jeder zehnte junge Bremer geht mit entsprechend schweren Zuständen und Startbedingungen ins Berufsleben, ausgerechnet in Bremen, dem Bundesland, wo so viele Menschen unter Armut leiden und sich Armut so sehr auf den Bildungserfolg auswirkt, wie in keinem Bundesland sonst. Jedes Mal, wenn wir erneut in Bremen über die schlechten Bildungsstatistiken sprechen, entgegnen Sie uns immer: Wir machen doch schon so viel. Wir haben doch Programm X und Programm Y. Unser Maßstab muss jedoch sein: Kommt die Unterstützung überhaupt beim Kind an? Kann es anschließend mehr als vorher? Welche Maßnahmen bringen überhaupt was, und welche Maßnahmen bringen überhaupt nichts? Nur, wenn wir uns das mal vernünftig angucken und auch nur das weiter fortführen, was wirklich Auswirkungen hat, was was bringt, werden wir hier in Bremen in unserem Bildungssystem wieder auf einen grünen Zweig kommen, meine Damen und Herren. (Beifall FDP) Jeder Bildungsmonitor, der jedes Jahr erscheint, hat immer ein Thema, was oben drübersteht. Dieses Jahr ist es ein sehr, sehr wichtiges Thema, aus unserer Sicht. Es ist das Thema: Wie durchdringbar durch soziale Schichten ist das Bildungssystem überhaupt? Wir sehen in Statistiken ja immer, wenn wir uns die genauer angucken, in den Fachgremien, in der Deputation für Kinder und Bildung, dass es nicht nur diese schlechte Statistik insgesamt ist, die für Bremen insgesamt gilt, sondern dass sie auch noch ganz, ganz stark von Stadtteil zu Stadtteil abweicht, dass es nicht nur darauf ankommt, in welchem Bundesland ein Kind geboren wird, sondern in welchem Stadtteil in Bremen das Kind geboren wird, und in welchem Stadtteil das Kind zur Schule geht. Beiseite angemerkt finde ich das übrigens ein Trauerspiel, zu beobachten, dass ausgerechnet ein Bundesland, in dem das Bildungsressort quasi seit Urzeiten in sozialdemokratischer Hand ist, das Bundesland ist, in dem der Bildungserfolg so sehr vom Geburtsort und von Startbedingungen abhängt, wie sonst nirgends. Die ohnehin katastrophalen Defizite, die wir in Bremen haben, über dem Durchschnitt, wie gesagt, teilen sich über die Stadtteile noch mal ganz, ganz unterschiedlich auf. Wir haben ja über dem Schnitt Daten in der dritten Klasse. Zum Beispiel zwei Drittel, die nicht richtig lesen und schreiben können, ein Fünftel, die nicht richtig rechnen können. Das wirkt sich sehr, sehr groß über die Stadtteile aus. Beispielsweise ein Kind in Borgfeld hat gar nicht so große Probleme damit, ein Kind in Gröpelingen schon. Die Problematik oder das, worüber man mal sprechen muss, ist, dass die Eltern in diesen Stadtteilen ganz unterschiedlich damit umgehen. In einer Familie in Borgfeld können die Eltern vielleicht noch helfen, können vielleicht Nachhilfe bezahlen, die kümmern sich da noch mal anders als Eltern in schwächeren Stadtteilen. Ganz, ganz wichtig ist, dass sich das Kind diese Ausgangslage nicht aussucht. Wenn wir über die Aufstiegsversprechen für unsere Kinder sprechen, müssen wir uns dementsprechend darum kümmern, dass die Startbedingungen entsprechend angepasst werden. Wir haben Ihnen heute was mitgebracht. Wenn man sich den Bildungsmonitor anguckt und dieses Thema, stellen sich zwei Fragen, einmal: Wie verbessern wir insgesamt das System? Was machen andere Bundesländer anders als wir oder besser, und wie bauen wir den Unterschied zwischen diesen verschiedenen Startbedingungen ab? Manche von Ihnen, die beim Runden Tisch mit dabei waren, werden sich an unseren Vorschlag, den wir gleich präsentieren, erinnern. Hamburg hat das nämlich damals als Gamechanger bezeichnet. Die haben ein sehr, sehr smartes Modell der schulischen Lernförderung erstellt. Und zwar schließt es an Nachhilfe an. Ein Kind, was einen Lernförderbedarf attestiert bekommt, bekommt quasi die Unterstützung vom Staat, dass ein Nachhilfeangebot angeboten wird. Es ist personell schon geklärt. Man kann Referendare einbinden, man kann pensionierte Lehrer einbinden. Es gibt eine wissenschaftliche Evaluierung, die schon ausgestaltet ist. Es gibt quasi Pilotprojekte, die man sich abgucken kann, und wir schlagen Ihnen heute vor, dass wir uns in Bremen dieses Modell nehmen, es übertragen, hier ein paar Pilotprojekte aussuchen und das hier auch testen; und wenn das hier funktioniert, wie es in Hamburg funktioniert, rollen wir das aus. Sie müssen nichts machen, außer den Vorschlag ihres Kollegen aus Hamburg, der übrigens auch Sozialdemokrat war, zu übernehmen. Das ist kostentechnisch übersehbar, kostentechnisch noch in Ordnung. Das werden keine Unkosten sein. Sie müssten also quasi nichts anderes machen, als einen Vorschlag aus einem anderen Bundesland zu übernehmen, und wir würden damit einen riesigen Schritt, glaube ich, weiterkommen. Noch mal vielleicht ein Punkt, den ich in der Presse zum Bildungsmonitor noch mitbekommen hatte: Herr Rackles hatte kritisiert, dass wir da auf ältere Daten zurückgreifen. Ich wurde darauf auch noch mal ein, zwei Mal angesprochen, ob das stimmt. Das stimmt. Es ist ganz normal, dass Statistiken sich auf ältere Daten beziehen. Die werden nicht die aktuellen Daten von heute haben. Ich kann Ihnen aber sagen, mich überzeugt diese Argumentierung nicht, weil ich möchte, dass Sie sich hier hinstellen und sagen: Wir haben in den letzten ein bis zwei Jahren unsere Probleme so eklatant aufgebessert, dass wir heute auf einem ganz anderen Stand sind. Ich glaube, wir sollten alles daran tun, so schnell wie möglich voranzukommen und unsere Maßnahmen, die wir jetzt haben, wie ich das auch schon gesagt hatte, zu überprüfen, ob sie wirksam sind oder nicht. Ich möchte es nicht darauf ankommen lassen, dass wir in zwei Jahren hier wieder stehen, uns die Daten von 2025/2026 angucken und dann darüber sprechen, dass es ja die Daten von 2025 und 2026 sind. Deswegen lassen Sie uns alles tun, was uns zur Verfügung steht! Wir haben ein kleines Teilstück von Ihren Kollegen aus Hamburg mitgebracht, und Sie haben heute die Gelegenheit, dieses zu unterstützen. Dazu rufen wir Sie auf. – Vielen Dank! (Beifall FDP)
