Christine Schnittker
Als Nächstes hat das Wort die Abgeordnete Tiedemann. Abgeordnete Julia Tiedemann (BIW): Sehr geehrte Frau Präsidentin, sehr geehrte Kollegen, liebe Gäste! Bevor ich mit meinem eigentlichen Redebeitrag beginne, möchte ich eine Sache zu Herrn Welt sagen: So eine empathielose Rede zu einem solchen Thema habe ich noch nie in meinem Leben gehört. (Beifall BIW – Heiterkeit SPD) Versuchen Sie es, wenn Sie zum Thema Assistenzhunde kommen, da werden Sie sicherlich auch reden, vielleicht mal mit einer Schippe Empathie! Heute beraten wir über zwei Anträge und eine Anfrage zur Versorgungslage von verletzten, kranken oder verwaisten Wildtieren. Meine Damen und Herren, fragen Sie sich selbst, wenn Sie mal ein Tier gefunden haben, vielleicht ist Ihnen das schon passiert, ich denke, den meisten von uns ist das schon mal passiert: Was haben Sie sich als Erstes gefragt? Wo melde ich mich? Wo rufe ich an? Ich denke, Sie standen erst mal da und wussten gar nicht: Polizei? Tierheim? Tierheim hat zu, so ein Mist! Dann doch die Polizei? Dafür ist es zu belanglos, für die Polizei. Soll ich da wirklich anrufen? Der nächste Tierschutz, der ist zwar auch da, der ist aber auf Hunde spezialisiert. Ja, im Zweifelsfall macht man dann nämlich nichts, wenn man nicht weiß, wo man sich melden soll. (Abgeordneter Holger Welt [SPD]: Einfach die Polizei oder Feuerwehr anrufen!) Wenn Sie mir gerade zugehört hätten, haben Sie den Gedankengang oder hätten Sie den Gedankengang der Menschen vielleicht mitbekommen, denn oftmals ist es so, dass man sich dann denkt, für Polizei oder Feuerwehr ist das vielleicht eine zu große Lappalie. Das heißt nicht, dass man dem Tier nicht helfen möchte, aber man fragt sich auch: Ist die Polizei wirklich für so etwas Banales – –. Es ist nicht banal aber im Verhältnis zu dem, was die Polizei sonst macht, kann einem das vielleicht zu banal erscheinen. Dementsprechend wird dem Tier im Zweifelsfall gar nicht geholfen. Es geht nicht darum, ob Tierschutz wichtig ist, denn darüber sind wir uns hier einig. Das ist nicht die Frage heute im Haus. Es geht darum, ob es dafür im Land Bremen eine verlässliche, fachgerechte und bezahlbare Struktur gibt. Die Antwort lautet derzeit: Nur eingeschränkt. Die Große Anfrage und die Antwort sagen eindeutig, dass es keine zentrale, behördlich organisierte Anlaufstelle gibt, keine vollständige Übersicht über Fallzahlen und Kapazitäten, denn nur, was auch registriert wird, wird überhaupt in die Zahlen einfließen. Keine flächendeckend geregelte Notfallversorgung, und es gibt auch keine eigenständigen Haushaltsmittel für diese Aufgabe. Die Versorgung hängt an Tierschutzvereinen, an Tierarztpraxen und engagierten Privatpersonen. Das, meine Damen und Herren, verdient Anerkennung. (Beifall BIW) Ohne das Ehrenamt und freiwillige Leistungen wäre die Notfallversorgung für Wildtiere im Land Bremen gen null. Man kann sich zum Beispiel mal umschauen. Es gibt verschiedene private Auffangstationen, zum Beispiel die Igelrettung in Bremerhaven. Die sind unerlässlich, denn sie retten nicht nur die Tiere, sie pflegen sie. Sie nehmen ihr eigenes Geld oder Spendengelder, um die Tiere medizinisch zu versorgen. Sie widmen sich mit ihrer Zeit und mit ihrem Engagement, und dann sorgen sie auch noch dafür, dass die Tiere wieder ausgewildert werden. Das ist eine besondere Art von Fachkenntnis und von Einsatz, die gewürdigt werden muss, denn das, meine Damen und Herren, ist gelebter Tierschutz. Und dafür sagen wir von BÜRGER IN WUT ausdrücklich: Danke! (Beifall BIW) Wir haben Verantwortung für Wildtiernotfälle, denn die Lebensräume haben wir verändert. Autos, Scheiben, große Scheiben, das sind Beispiele dafür, wie ein Tier in Not gekommen sein kann, ohne dass dafür ein anderes Tier verantwortlich ist. Wenn dann ein Tier verletzt ist in der Natur, draußen im Wald, hat es, ich sage mal, wenn es Glück hat, einen natürlichen Fressfeind, der sein Leid entsprechend verkürzt. Bei uns in den Städten laufen sie dann teils stundenlang, tagelang herum, ohne beachtet zu werden, weil sich ihnen entweder keiner annimmt oder es keine natürliche Regulierung gibt. Die Tiere haben in diesem Fall Stress und Angst, denn auch sie können genau diese Emotionen empfinden und werden damit von uns dann allein gelassen. Man kann nicht erwarten, dass engagierte Einzelne dauerhaft Lücken schließen und allein genau diese Verantwortung übernehmen. Diese Verantwortung, dieser Bedarf, der besteht seit Langem. Er besteht seit Langem, und er liegt uns dokumentiert heute vor. Meine Kollegen und Vorredner haben auch schon gesagt gehabt, wie die Fallzahlen sind, ich will sie jetzt nicht alle wiederholen, aber wir reden bei den registrierten Fällen von mehreren Hundert im Jahr, durchweg verschiedene Tierarten, und, dass die Tierheime sowohl in Bremen als auch in Bremerhaven keine Kapazitäten haben. Das bedeutet natürlich nicht, dass wir morgen anfangen, einen großen Neubau da irgendwo hinzusetzen, sondern es geht darum, und das sagen die Anträge auch eindeutig, dass wir mögliche Standorte evaluieren. Man muss auch sagen, man muss auch schauen: Reicht ein Standort, oder brauchen wir in Bremen einen und in Bremerhaven einen? Das darf man bei diesem Thema auch nicht vergessen. Die bisher improvisierte Versorgung kann auf jeden Fall nicht dauerhaft auf Ehrenamt, Spenden und einzelne Arztpraxen abgewälzt werden. Herr Welt, alles hier in Deutschland wird komplex gemacht durch Bürokratie und juristische Aspekte. Komplexität ist aber kein Argument für Untätigkeit. Doch genau das sagt die Senatsantwort. Es ist ein komplexes Thema, daher machen wir mal lieber nichts. Dankenswerterweise sind Sie aber dann am Ende ja doch ein bisschen tätig geworden und haben sich vom Oppositionsantrag wenigstens angeleitet gefühlt. Von daher vielen Dank! Die beiden Anträge setzen sehr unterschiedliche Akzente. Der FDP-Antrag, Entschuldigung, fordert eine umfassende Bedarfs-, Standort- und Finanzierungsprüfung sowie ein Notfallkonzept. Der Antrag von SPD, Linken und Grünen betont die Einbeziehung bestehender Strukturen, Kooperation mit Niedersachsen sowie die Konzentration auf fachlich beherrschbare Tiergruppen. Die Koalitionsvorlage verlangt zudem die Ermittlung der Investitionen und Folgekosten. Gut, das zu dem, wie sich die Anträge unterscheiden, und man kann über Formulierungen streiten. Im Kern gilt aber: Die Versorgung verletzter Wildtiere darf nicht davon abhängen, ob zufällig gerade eine überlastete Pflegestelle, (Glocke) ein Verein oder eine Tierarztpraxis erreichbar ist. Wir stimmen deshalb beiden Anträgen zu und danken dem Ehrenamt. – Vielen Dank! (Beifall BIW)
