Mark Rackles
Frau Präsidentin, meine Damen und Herren! Vielen Dank für die Gelegenheit, sich hier noch mal einzulassen, auch wenn das ein Erbstück ist aus 2024. Das Anliegen der CDU ist eine Stunde mehr, BÜNDNIS DEUTSCHLAND will gleich vier Stunden mehr, die FDP eins plus eins, eine Stunde mehr und noch ein bisschen Mathematik mehr. Keiner sagt so wirklich, wo es herkommt. Das ist aber ein Randproblem, das ist diese übliche Debatte. Wenn man sich wirklich entscheiden würde, eine Stunde mehr reinzubringen und das sinnvoll wäre, dann kann man das sicherlich machen. Aber es wäre natürlich glaubwürdig, zu sagen, wo dann gekürzt werden soll, von denen, die das vorschlagen. Das kann eigentlich nur zwangsläufig in den Bereichen musisch-ästhetische Erziehung sein, wo aber ganz viel Sprachbildung stattfindet, oder Sport oder Mathematik. Das passt aber ja nicht, zu dem Antrag der FDP zumindest nicht. Es ist ein schwieriges Feld, in dem wir sprechen. Ehrlicherweise ist dieses Thema anerkanntermaßen, das hat die SPD auch gesagt, das hat die Koalition bestätigt, das habe ich am Anfang auch früh gesagt, die Frage der schlechten Leistungsergebnisse im naturwissenschaftlichen Bereich, die Frage der sehr schlechten Ergebnisse im Sprachbereich. PRIMO ist genannt worden: fast 50 Prozent der Kinder haben einen massiven Sprachförderbedarf. Das heißt nicht, das ist auch gesagt worden, weil vorhin sogar 70 Prozent gesagt wurde, dass diese Kinder stumm durch die Welt gehen, sondern die sprechen Anderes, die sprechen andere Sprachen. (Beifall SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, Die Linke) Schon bei der Frage der Sprachförderung stellt sich die Frage: Was testieren wir da eigentlich? Das ist vorhin angedeutet worden, da haben wir, glaube ich, eine große Baustelle, dass wir noch mal prüfen müssen, was Sprachstrukturen eigentlich sind und wie wir die sinnvollerweise von anderen Sprachen ins Deutsche reinbekommen. Wir sind, glaube ich, noch in der Logik der Neunziger und Tausenderjahre, dass Deutsch Deutsch ist, und wer Deutsch nicht kann, der hat ein Sprachproblem. (Beifall Die Linke) Aus dem Bereich müssen wir tatsächlich raus. Aber ich sage nicht, dass das einfach ist. Ich sage, Sie haben einen ganz klaren Punkt, den wir alle anerkennen. Wir haben ein Problem in diesem Bereich. Die Frage ist nur: Was sind denn die Maßnahmen dagegen? Da ist Vieles angedeutet worden. Im Bericht der Deputation vom Mai 2025 ist die ungünstige Ausgangslage genannt worden. Das wäre auch der übliche Ausweg, hier möglichst politisch gut rauszukommen. Das habe ich schon das letzte Mal hier angedeutet. Ich glaube, der IQB-Bildungstrend hat sehr klar gesagt: Selbst, wenn ich alles rauskämme, was sozial und von der Migrationsgeschichte eine Rolle spielt, sind wir in Bremen immer noch zu schlecht, was die Naturwissenschafts- und Matheergebnisse betrifft, die aber unmittelbar zusammenhängen mit den Sprachkenntnissen. Ich habe mir diese Tests mal angeguckt, die sind total sprachlastig, in der 8. oder 9. Klasse. Ohne vernünftige Deutschkenntnisse können Sie diese Mathe-Dinger gar nicht lösen. Deswegen müssen wir aufbohren, wo unsere Probleme liegen im Sprachbereich. Der Sprachförderbedarf wird auch in dem Deputationsbericht überhaupt nicht bestritten, den kann man auch gar nicht bestreiten. Allerdings muss man ehrlicherweise sagen, die rein formale Erfüllung der Stundentafel des sogenannten Stundenkontingents nach KMK erfüllen wir. Deswegen ist der Vorwurf, wir machen zu viel, wir sind unterdurchschnittlich, das betrifft formal die Frage – –, eine Stunde in Deutsch ist richtig. In Mathematik sind wir wieder spitze, sind wir die Besten, wir haben die meisten Stunden in Mathematik – bringt uns aber auch nichts. In Mathe sind wir genauso schlecht wie in Deutsch, also stimmt da irgendwas nicht mit. Ich komme aus Berlin, Sie haben Berlin zitiert: 31 Stunden. Wir haben exakt die gleichen Debatten, die gleichen Probleme in Berlin. Unsere Kinder sprechen in bestimmten Regionen, wir sprechen meistens dann tatsächlich nicht von stadtweiten Effekten, sondern von regionalen Effekten – –. Unsere Kinder sprechen nicht deswegen besser Deutsch, weil sie 31 Stunden Deutschunterricht im Kontingent haben. Es ist vorhin gesagt worden: Es geht um Lerngelegenheiten, es geht um Lernzeit und Sprachanlässe, und die muss man tatsächlich stärken. Der SKB-Ansatz – also der Ansatz meiner Behörde, den ich gern im Lichte der vorhin zitierten Interviews am Anfang noch mal gern schärfen würde, mit der Koalition gemeinsam, wo wir tatsächlich schon einige Runden hatten, wo wir dieses Thema intern besprochen haben, wie man besser werden kann vor dem Hintergrund des IQB-Bildungstrends, der für uns alle, glaube ich, so was wie ein Weckruf sein muss – mündet letztlich in drei Thesen. Das Erste ist: Wir haben nicht zu wenig Unterrichtsstunden, wir haben meines Erachtens zu wenig Unterricht. Zu wenig Unterricht heißt, wir haben zu wenig Lernzeit. Zu wenig Lernzeit haben wir deswegen, weil wir sehr hohe Ausfallzeiten haben im Bereich der Schulen, der Kitas, gerade bei den Grundschulen, aber auch bei den Oberschulen. In dem Bereich können wir gemeinsam deutlich mehr Zeit organisieren, Lernzeiten organisieren, wenn wir an dem Problem arbeiten, was ein sehr komplexes Problem ist. Aber das Problem macht wahrscheinlich mehr Sinn, als einfach eine Stunde mehr reinzugeben, von der wieder 50 Prozent ausfallen. In den bestehenden Strukturen einfach zusätzlich Mittel reinzugießen und zu hoffen, da bleibt irgendwas Deutschmäßiges hängen, ist nach der Empirie, die wir hier in Bremen haben, nicht besonders überzeugend. Die zweite These wäre: Wir brauchen nicht mehr vom Selben, wie eben gesagt, sondern wir müssen in dem, was wir tun, besser werden. Das ist nicht ein quantitatives Mehr, sondern es ist ein qualitatives Plus. Wir müssen die Schulqualität und die Kitaqualität, die zwingend zusammengehören, gemeinsam denken und das an der Frage Deutsch und an der Frage – bedingt, das ist nicht ganz so stark – Mathematik, MINT, Bewusstsein und Kenntnisse mal durchdeklinieren. Was heißt das von Anfang an? In diesen Bereichen sind wir als Bremen gar nicht so schlecht. Es ist zwar gesagt, die Koalition lobt sich immer selbst. Das mag sein. Bestimmte Sachen macht sie gelegentlich dann aber vielleicht gut. Das Leseband gehört eindeutig dazu, auch im bundesweiten Vergleich. Der „Bildungsplan 0 bis 10“, das Kita-Brückenjahr ist vorhin genannt worden. Das reicht aber bei Weitem nicht, auch das ist angedeutet worden. Wir werden als SKB, als Bildungsverwaltung und Kitaverwaltung tatsächlich so was wie einen „Qualitätsplan Grundkompetenzen“ aufstellen, wo wir versuchen werden, systemisch ranzugehen und zu überlegen: Wie können wir es besser organisieren, dass die Kinder mehr Lernzeiten haben und gezielter und individueller in Deutsch unterrichtet werden; Deutsch, Grundkompetenzen, das heißt eben auch Rechnen. Dazu gehören Sachen wie datengestützte Schul- und Unterrichtsentwicklung, also ein besseres Umgehen mit den IQHB-Daten, dazu gehört eine verbindlichere Elternarbeit, weil ich nicht glaube, dass unser System, das öffentliche System, das alleine stemmen kann. Viele der Probleme gründen schon im Elternhaus, in der Familienzusammenarbeit. Da ist auf gemeinsamer Augenhöhe wichtig, dass die Eltern und das Bildungssystem sich gemeinsam dem Ziel „mehr Sprache, bessere Sprache, Grundkompetenzen im Rechnen“ verschreiben. Fächerübergreifende Ansätze sind hier wichtig. Das ist vorhin genannt worden. Man lernt Deutsch auch im Sport. Man kann beim Einkaufen Deutsch praktizieren, man kann in Mathematik Deutsch praktizieren. Das ist etwas, was in die Fläche gebracht werden muss, wo es auch einige Angebote im Landesinstitut für Schule gibt. Da spielen Fortbildungen, die im fächerübergreifenden Bereich sind, auch eine große Rolle. Der Ganztag ist eine ganz wichtige Stellschraube, wenn man es intelligent macht, das ist vorhin richtigerweise gesagt worden. Wir sind sehr weit im quantitativen Bereich unterwegs, wir müssen da auch die Programme füllen, tatsächlich im Ehrenamt, mit zusätzlichen Lerngelegenheiten. Wir haben zusätzliche Stunden, die wir reinziehen können, die können wir auf Deutsch ausrichten. Ich würde es aber nicht nur auf das Unterrichtsfach Deutsch ausrichten, sondern auf die Lerngelegenheit Deutsch. Das sind auch – so was wie Theater ist eben als Beispiel genannt worden – sinnvolle Ansätze. Deswegen zum Schluss, ich habe noch neun Sekunden: Sprachkompetenz stärken: ja. Der Titel Ihres Antrages ist richtig. Mehr vom Bisherigen: nein. Einfach eine Stunde mehr reinzukippen, ist meines Erachtens im Moment – im Moment! – keine Lösung. Wir müssen tatsächlich an die Strukturen ran und nicht an die Stundentafel. – Vielen Dank, ich habe es geschafft! (Beifall SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, Die Linke)
