Dr. Franziska Tell
Sehr geehrte Frau Präsidentin, sehr geehrte Kolleg:innen! Ich möchte mit einem Satz starten, mit dem ich auch schon meine letzte Rede zum Thema gestartet habe, nämlich mit der Aussage, dass Sprache zentral ist, und zwar im Lebensalltag aller Menschen, aber ganz besonders auch für junge Menschen, für ihren Bildungserfolg und für ihr weiteres Leben. Das galt, als wir das Thema das letzte Mal Anfang des Jahres hier debattiert haben, das gilt auch immer noch. Wie Sie, Herr Vogt, zu dieser Schlussfolgerung kommen, dass wir mit der Situation zufrieden sind und dass wir einfach mit den Maßnahmen genauso weitermachen wollen, weil es ja alles gut läuft, (Abgeordneter Fynn Voigt [FDP]: Gucken Sie mal ins Deputationsprotokoll!) das verstehe ich nicht. Ich glaube, wir sind uns alle einig, dass wir mit den Ergebnissen, die wir haben, in Bremen, im Land, mit den Bildungserfolgen und leider auch mit den Misserfolgen nicht zufrieden sein können. Das gilt auch immer noch. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Ich möchte als Allererstes in dieser Debatte ein, wie ich finde, Missverständnis ausräumen. Ich habe das Gefühl, wenn wir hier über den Deutschunterricht reden, dann ist nicht ganz klar: Was ist eigentlich Deutschunterricht? Denn so, wie es dargestellt wird, klingt es teilweise so, als wäre Deutschunterricht das Fach, in dem Kinder die Sprache Deutsch lernen würden. Im Englischunterricht ist das so. Im Französischunterricht ist das auch so. Da lernen alle zusammen eine neue Fremdsprache. Aber der Deutschunterricht ist eben kein Sprachlernunterricht. Der Deutschunterricht ist nicht dafür da, dass die Kinder dort Deutsch lernen. Dafür gibt es „Deutsch als Fremdsprache“. Es ist in der Regel auch so, dass die Kinder, die in die Grundschule kommen und noch kein Deutsch können, das dann gesondert lernen und nicht im Deutschunterricht, sondern teilweise da sogar nicht anwesend sind, weil das Lernen des Schreibens einer Sprache keinen Sinn ergibt, solange man die Sprache noch nicht kann. Von daher müssen wir differenzieren, was eigentlich Deutschunterricht und was Sprachförderung ist. Darum geht es ja eigentlich in erster Linie, dass alle Kinder die deutsche Sprache lernen. Das ist der erste Schritt. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, SPD, Die Linke) Dafür brauchen wir umfassende Sprachfördermaßnahmen von der Kita bis in die Schule, bis in die weiterführende Schule; überall da, wo Kinder und Jugendliche die deutsche Sprache noch nicht können. Das können wir aber nicht über mehr Deutschunterricht abdecken, sondern über andere Sprachfördermaßnahmen, die in einigen Bereichen schon angestoßen wurden, wo es immer noch Bedarfe gibt. Wir haben ein Sprachförderkonzept leider noch nicht umfassend umgesetzt. Da gibt es sicher noch einige Schritte, die getan werden müssen, aber das passiert nicht durch mehr Deutschunterricht, sondern durch andere Schritte, die dringend notwendig sind. Im Bericht aus der Debatte in der Deputation – den ich nur wahrnehmen konnte, weil ich selbst bei der Sitzung nicht da war aus bekannten familiären Gründen – wird auch noch mal deutlich, dass es wissenschaftliche Studien gibt, die zeigen: Es ist nicht die Anzahl des Faches, die den Unterschied macht, sondern die Frage der Qualität von Unterricht – die Frage der Qualität des Unterrichts, die Frage der Qualität, was die Lehrkräfte machen, der Förderprogramme, die wir aufsetzen. Genau daran arbeiten wir tatsächlich schon. Nein, wir sind nicht am Ziel, wir sind auch mit dem Ergebnis nicht zufrieden. Aber wir haben mit dem IQHB eine gute Grundlage geschaffen, was dafür sorgen kann, die Qualitätsentwicklung an Schulen voranzubringen und gezielt dafür zu sorgen, dass Kinder die Sprachfördermaßnahmen, die Unterstützung erhalten, die sie brauchen. Das ist nicht einfach nur eine Stunde mehr Deutschunterricht, sondern das ist gezielte Förderung, da, wo sie es brauchen. Da müssen wir definitiv weiter ansetzen. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, SPD, Die Linke) Gleichzeitig müssen wir auch die verschiedenen Ressourcen, die die Kinder mitbringen, nutzen. Wir müssen schauen: Wie können wir eigentlich die Sprachen, die sie sprechen, nutzen, in ihrem Sprachenlernen mit den Sprachen, die sie schon können? Denn am Ende ist Sprachfähigkeit eine große Fähigkeit, die Kinder weitertragen müssen. Wenn Kinder eine andere Sprache schon können, aber Deutsch noch nicht, dann muss es besser genutzt werden können, dass diese Sprache schon da ist, die Sprachkenntnisse der Muttersprache bestehen und sie das dann überführen können, auch in das Deutschlernen, und dann insgesamt bessere Ergebnisse erzielen können. Das bedeutet: Eine weitere Einführung einer weiteren Stunde Deutsch ist hier nicht die Lösung, die wir brauchen. Es heißt aber nicht, dass wir nicht bereit sind, weiter über die Lösung zu diskutieren. Wir diskutieren ehrlicherweise auch in der Koalition immer wieder: Was sind Maßnahmen, die wir einführen können? Wie können wir dafür sorgen, dass die Qualitätsentwicklung vorangetrieben wird? Wie können wir die guten Programme, die es gibt, ausweiten? Das Leseband ist, finde ich, ein gutes Beispiel, wo es gelungen ist, was ja nun weiter ausgewertet wird. Aber das Leseband reicht natürlich nicht. Es gibt auch andere Programme, die es braucht. Lehrkräfte müssen bestärkt werden und unterstützt werden, die Schüler:innen individuell zu unterstützen – da, wo sie es brauchen. Da müssen wir ganz sicher auch weiter dran arbeiten, auch eine bessere Verzahnung erarbeiten. Ich glaube, auch mit dem Startchancen-Programm haben wir eine gute Startbedingung, denn das Startchancen-Programm bietet uns in einigen Bereichen unterstützende weitere Programme an bestimmten Schulen. Da müssen wir jetzt dran ansetzen, diese Programme weiter fortzuführen und auch an alle anderen Schulen zu bringen, damit Kinder in der Sprache gefördert werden. Aber das erreichen wir nicht über mehr Sprachunterricht im Fach, beziehungsweise das erreichen wir über mehr Sprachunterricht und Sprachförderung, nicht aber einfach durch die Einführung eines weiteren Faches Deutsch. Darum lehnen wir den Antrag ab. – Vielen Dank! (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, SPD, Die Linke)
