Miriam Strunge
Sehr geehrte Frau Präsidentin, meine Damen und Herren! Ja, es stimmt natürlich: Wir haben ein Problem mit den Sprach- und Deutschkenntnissen unter den Kindern und Jugendlichen in Bremen. Alle Tests, egal in welcher Altersgruppe und von wem durchgeführt, zeigen das immer wieder. Es beginnt im Kindergartenalter und zieht sich bis in die Berufsschulen. Im Vorschulalter hat knapp die Hälfte der Kinder Sprachförderbedarf. In der 9. Klasse erreichen 25 Prozent der Kinder nicht die Mindestanforderungen für einen ersten Schulabschluss. Die mangelnden Deutschkenntnisse haben natürlich Konsequenzen für andere Fächer. In Mathematik und Naturwissenschaften können die Schülerinnen dem Unterricht nicht folgen oder verstehen die Textaufgaben nicht. Natürlich ist eine gute Beherrschung der Sprache, das Begreifen von Texten oder die Fähigkeit, ein Argument auch formulieren zu können, auch die Voraussetzung, um sich an Politik und Gesellschaft beteiligen zu können. Diese deutlichen Kompetenzdefizite der Schülerinnen haben also auch Konsequenzen für die späteren Biografien der Kinder und für unser Zusammenleben in der Gesellschaft. Deswegen alarmieren uns die Ergebnisse dieser Tests hier in Bremen seit Jahren. Diese Problemanalyse vereint uns hier im Haus über die Grenzen von Regierung und Opposition hinweg. Deswegen haben wir uns entschieden, den Antrag der CDUFraktion in die zuständige Fachdeputation zu überweisen. In der Deputationssitzung wurde dann deutlich, dass wir ein gemeinsames Problembewusstsein haben und wir als Koalition die harten Fakten nicht kleinreden wollen, sondern sehr ernst nehmen. Es ist aber auch deutlich geworden, dass die Koalition andere Ansätze verfolgt, wie die erheblichen Probleme beim Spracherwerb gelöst werden sollen. Anders als die CDU es vorschlägt, halten wir es aktuell nicht für die beste Lösung, einfach die Stundentafel in Deutsch zu erhöhen. Das können wir auch begründen. Im Deputationsbericht lässt sich noch einmal gut nachlesen, dass eine Verlängerung der Unterrichtszeit nicht automatisch zu mehr Lernerfolg führt. In Mathematik ist Bremen bereits im Vergleich der Bundesländer führend bei der Zahl der Unterrichtsstunden in der Grundschule. Das hat aber bisher nicht dazu geführt, dass die Bremer Schüler sich erheblich verbessert haben. Hier einfach immer mehr vom Immergleichen zu geben, wird wohl kaum zum angestrebten Ziel der Verbesserung der Basiskompetenzen führen. (Beifall Die Linke, SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Es geht also nicht allein um die Menge des Unterrichts, sondern vor allem um die Frage, was und wie unterrichtet wird. An den Fragen von Unterrichtsinhalten und Unterrichtsqualität sind wir dran. Ich möchte nur ein paar Beispiele nennen: Der Bildungsplan für die ersten zehn Lebensjahre wurde neu erarbeitet und verankert Sprachbildung als Querschnittsthema der Bildungsinstitutionen und Fächer. Das Leseband wird flächendeckend an allen Bremer Schulen eingeführt und stärkt die Lesekompetenz nachhaltig. Mit „Mathe sicher können“ und „QuaMath“ werden Programme an allen Schulen verankert, mit denen die Qualität des Matheunterrichts gesteigert wird. Außerdem etablieren wir die datengestützte Unterrichtsentwicklung in Bremen mithilfe der konsequenten Datenerhebung des IQHB. Mit den Doppelbesetzungen an den Grundschulen in Bremen ermöglichen wir es, einzelne Kinder oder Gruppen individuell im Unterricht binnendifferenziert zu fördern. Auch wenn wir die traditionelle Unterrichtszeit nicht ausdehnen, ist es dennoch unser Ziel, die Lernzeit in den Schulen zu erhöhen. Ab dem nächsten Schuljahr wird der Ganztagsunterricht an Bremer Grundschulen noch mal kräftig ausgeweitet. Dabei soll nicht nur Betreuungszeit geschaffen werden, sondern es ist das Ziel, über qualitativ gute Angebote die Kinder intensiver zu fördern. Das könnte die zusätzliche Deutschstunde sein, das könnte aber auch das Theaterprojekt im Ganztag sein, um Kinder in ihrer Sprachkompetenz zu stärken. Es ist sogar gut möglich, dass die Schule mit Theaterpädagogik genau das Kind erreicht, das im Unterricht abgehängt wurde, aber in einem anderen Lernsetting auf einmal doch Erfolgsmomente und Fortschritte beim Spracherwerb hat. (Beifall Die Linke, SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Die Forderung aus den Reihen der Opposition kann ich trotzdem durchaus verstehen, denn eine zusätzliche Deutschstunde ist eine sehr leicht verständliche und auch eine sichtbare Maßnahme. Wir müssen aber anerkennen, dass die Rechnung „eine Stunde mehr Unterricht gleich 10 Prozent mehr Lernzuwachs“ so einfach nicht funktioniert. Wenn ein Kind in 22 Stunden Deutschunterricht schlecht lernt, dann wird es in der 23. Stunde Deutschunterricht nicht plötzlich ganz viel hinzulernen. (Beifall Die Linke, SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Ich möchte hier auch noch mal eine grundsätzliche Überlegung anführen: Warum haben die Kinder überhaupt den Sprachförderbedarf? Oft wird in den Familien kein Deutsch gesprochen. Aber ist das der entscheidende Grund? Wenn wir uns zum Beispiel ein Akademikerkind aus Italien vorstellen, dann ist es oft so, dass dieses Kind schon nach einem Jahr in der Schule fast perfekt Deutsch sprechen kann. Die Herkunftssprache spielt bei der Frage des deutschen Spracherwerbs oft nur eine untergeordnete Rolle. Vielmehr sind Armutslagen, Probleme in den Familien der Grund, der zu Unsicherheit und auch zu Bindungsschwierigkeiten bei den Kindern führt. Die Folge? Die Kinder können dem Unterricht schlecht folgen. Sie können schlecht lernen, weil ihnen Sicherheit und Stabilität fehlt. Deshalb brauchen diese Kinder emotionale Unterstützung als Grundvoraussetzung für das Lernen. Wie schaffen wir diese emotionale Unterstützung in Kitas und Schule? Nicht durch zusätzlichen Unterricht, sondern durch mehr Erzieher:innen in den Gruppen, durch mehr Sonderpädagog:innen an den Schulen, durch mehr Angebote in der Inklusion, durch Doppelbesetzungen in den Klassen. Wir brauchen gut personell ausgestattete Kitas und Schulen, damit die Kinder begleitet und unterstützt werden, damit so die Voraussetzungen geschaffen werden, dass der Unterrichtsstoff auch ankommt. (Beifall Die Linke, SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Kurz: Um bessere Ergebnisse in Deutsch, Mathe und Naturwissenschaften zu erreichen, dafür brauchen wir Bindungs- und Beziehungsarbeit in Kita und Schule. Abschließend möchte ich noch einmal kurz auf den Deputationsbericht eingehen. Ich finde, dass die bisher ergriffenen Maßnahmen noch nicht ausreichen. Mit „Mathe sicher können“ sind wir immer noch nicht in der Fläche angekommen. Beim Ganztagsausbau steht immer noch zu sehr die reine Angebotssicherung im Mittelpunkt und zu wenig die Frage, wie der Ganztag qualitativ hochwertig gefüllt werden kann. Auch über das Programm der Doppelbesetzung erreichen wir noch nicht alle Kinder mit Förderbedarf. (Glocke) Deswegen werden wir Linke uns weiter einsetzen für die Weiterentwicklung der Unterrichtsqualität und den Ausbau individueller Förderung. – Herzlichen Dank! (Beifall Die Linke, SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
