Silke Stroth
Sehr geehrte Frau Präsidentin, sehr geehrte Damen und Herren! Es ist schon viel gesagt worden, und auf vierzig Seiten haben wir uns wirklich große Mühe gegeben, die Fragen ernsthaft und auch in die Tiefe gehend zu beantworten, deswegen würde ich mich jetzt gerne auf einige wenige Aspekte konzentrieren. Es ist mir aber ganz wichtig, am Anfang noch einmal zu betonen, das ist in dem einen oder anderen Redebeitrag angeklungen: Das Problem fängt aus meiner Sicht, aus unserer Sicht schon da an, dass der Alkoholkonsum bei uns etwas total Selbstverständliches ist. Alkohol zu trinken in unterschiedlichen Lebenssituationen ist normal, und man wird eher, wenn man nicht trinkt, angeguckt und gefragt: Geht es dir nicht so gut, bist du nicht gut drauf? Frauen im jüngeren Alter werden häufig gefragt: Bist du schwanger? Man muss erklären, warum man abstinent ist oder nicht trinkt, und niemand wird gefragt: Wieso trinkst du denn jetzt schon den zweiten Glühwein, hätte einer denn nicht ausgereicht? Das ist, glaube ich, ganz wesentlich für viele andere Themen, (Beifall SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, Die Linke) die schon angesprochen worden sind: wie wir weiterhin strukturell und in den Versorgungsbereichen mit dem Thema umgehen. Deswegen ist es mir superwichtig, das hier zu verankern. Im Unterschied zu der Selbstverständlichkeit, mit der Alkohol konsumiert wird, ist es auch so, dass – –. Jetzt habe ich tatsächlich den Faden verloren. (Abgeordneter Heiko Strohmann [CDU]: Das macht nichts!) Ist ja nicht so dramatisch, hoffe ich. Jetzt habe ich ihn wieder, Entschuldigung. Im Unterschied dazu, dass Alkoholtrinken so selbstverständlich ist, wird auf der anderen Seite tatsächlich keine gesellschaftliche Verantwortung übernommen, sondern das Alkoholproblem an sich wird individualisiert. Das individualisierte Alkoholproblem unterliegt einem großen Stigma. Es ist schwierig, mit jemandem darüber zu sprechen, im Bekanntenkreis, in Arbeitszusammenhängen oder wo auch immer, zu sagen: Ich weiß nicht, ich habe das Gefühl, ich trinke zu viel. Alkoholabhängigkeit entwickelt sich langsam und schleichend, und oft merken Betroffene auch nicht, dass sie sozusagen drüber sind. Das ist übrigens ein Teil des Erreichbarkeitsproblems, Herr Humpich, was Sie benannt haben. Aber da können wir an anderer Stelle noch mal vertiefend drüber sprechen. (Abgeordneter Ole Humpich [FDP]: Machen wir bei einer Apfelschorle!) Wenn wir uns die Situation im Land Bremen anschauen, darüber haben Sie auch schon vieles gesagt, und wir haben Ihnen auch viel Material an die Hand gegeben, dann sehen wir, dass wir in Bremen als Stadtstaat – und da ist der Bundesländervergleich, wie wir wissen, ja immer nicht so hilfreich, sondern es müsste eigentlich eher drum gehen, Ballungsräume, Großstädte zu vergleichen – –. Gleichwohl ist klar, dass Bremen hier ein größeres Problem hat als anderen. Die Versorgung von Menschen mit Alkohol, fange ich damit mal an, birgt große Herausforderungen. Wir sehen, dass nur 10 bis 20 Prozent der Menschen in Deutschland professionelle Hilfe in Anspruch nehmen. Die Behandlung erfolgt oft erst zwölf Jahre nach dem problematischen Alkoholkonsum. Die Früherkennung der Konsumproblematik, auch eine Präventionsmaßnahme, wenn auch keine primäre, sondern eine sekundäre, ist durchaus wichtig. Aus meiner Sicht, aus unserer Sicht, sind die größten Handlungsbedarfe im Bereich Früherkennung und Prävention auf der strukturellen Ebene, das ist schon erwähnt worden: die Abschaffung des begleiteten Trinkens ab 14 Jahren, ein umfassendes Werbeverbot und eine entsprechende Preisgestaltung. Die Preise für Alkohol in Deutschland sind absurd niedrig, wenn man sie mit anderen Ländern vergleicht. Auch da hat sich gezeigt, dass diese Maßnahmen, also ein Preis- und Werbeverbot, sehr wohl Einfluss haben auf die Konsumhäufigkeit. Deswegen ist das wichtig. Auf Landesebene haben wir eine Vielzahl von Einrichtungen, die sich mit dem Suchtproblem beschäftigen. Die zähle ich jetzt nicht noch mal alle auf, das haben Sie auch schriftlich. Wir gehen aber mehr in die Stadtteile als bisher, um niedrigschwelliger Beratungsangebote zu machen. Wir halten die Ansprache innerhalb des ärztlichen Versorgungssystems für einen wichtigen Punkt, dass Ärzte den Alkoholkonsum thematisieren. Nicht erst, wenn die Leberwerte in den Keller gehen, sondern selbstverständlich auch als Teil des ärztlichen Beratungsgesprächs. Auch Screenings können helfen, um jemanden aufzurütteln und zu sagen: Du kommst mit deiner Gesundheit an Grenzen, was den Alkoholkonsum anbelangt, aber noch ist es nicht zu spät. Was mir ganz wichtig ist, das ist zu kurz gekommen, ist die Selbsthilfe. Die Selbsthilfe spielt in den Bereichen der Alkoholbegleitung, der Suchtbegleitung und -beratung aber auch im weiteren Verlauf der Behandlung eine ganz erhebliche und wesentliche Rolle und ist für viele Menschen das Ankommen, das Eingestehen von einem Alkoholproblem. Deswegen kommt der Selbsthilfe hier wirklich eine tragende Rolle zu. Die wesentlichen Punkte sind aus meiner Sicht jetzt benannt. Im Bereich der Verstärkung von Prävention, Früherkennung, Intervention ist der Erhalt tagesklinischer, vollstationärer und rehabilitativer Plätze natürlich auch wichtig. Wir haben ein Thema aufgegriffen in Zusammenarbeit auch mit dem Klinikum Bremen-Ost: Wir können nicht davon ausgehen, dass alle Menschen mit Alkoholkonsum oder problematischem Konsum oder Abhängigkeit die Abstinenz als einzigen Weg wählen. Es braucht auch häufig mehrere Anläufe, um eine Abhängigkeit tatsächlich in den Griff zu bekommen. Deswegen werden wir uns auch mit Programmen beschäftigen, die das Thema kontrolliertes Trinken zum Inhalt haben. Wir brauchen alles: Wir brauchen eine kritische Reflexion des gesellschaftlichen Umgangs mit Alkohol, wir müssen uns mit dem Thema Preisgestaltung, Warnhinweise, Prävention, Frühintervention, niedrigschwellige Beratung, (Glocke) Selbsthilfe und allem Drum und Dran beschäftigen. Das werden wir auch in den nächsten Jahren mit Hochdruck und langem Atem tun. – Vielen Dank! (Beifall SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, Die Linke)
