Olaf Zimmer
Frau Präsidentin, werte Abgeordnete! Lassen Sie mich zu Beginn zwei Dinge sagen: Erstens, laut der bundesweiten Bevölkerungsbefragung zum Konsum psychoaktiver Substanzen der ESA (Epidemiological Survey on Substance Abuse) 2024 haben 69 Prozent der Befragten im Jahr 2024 angegeben, in den letzten dreißig Tagen Alkohol konsumiert zu haben. Etwa 40 Prozent der Männer und 25 Prozent der Frauen berichteten im gleichen Zeitraum von mindestens einem Alkoholvollrausch. Es gibt also ein ausgeprägtes Bedürfnis nach Rausch, und weil Alkohol überall verfügbar ist, wird er entsprechend häufig konsumiert. Zweitens, wenn wir über die Volksdroge Nummer 1 sprechen, reden wir nicht über die wenigen Menschen, die sichtbar auf der Straße trinken, wir reden über alltägliche Trinkmuster, zwei Halbe am Tag, das Glas Wein am Abend – scheinbar harmlose Gewohnheiten. Alkoholabhängigkeit beginnt oft leise und unauffällig, führt bei regelmäßigem Konsum auf relativ kurze Dauer zu diversen Erkrankungen und endet mit etwa 47 000 Toten im Jahr – tödlicher als jede andere auch illegale Droge. Mehr Todesfälle gibt es nur durch Tabakkonsum. Cannabistote sind übrigens nicht bekannt. Obwohl illegale Drogen gesellschaftlich als großes Risiko gelten, bleibt Alkohol die gefährlichste Droge für die öffentliche Gesundheit – legal, akzeptiert, alltäglich präsent bei Festen, Feiern und in nahezu allen sozialen Kontexten. Es geht um Alkoholabhängigkeit, seine Ursachen und Folgen. Die Große Anfrage zur Situation in Bremen zeigt: Exakt flächendeckende Daten fehlen. Laut Hochrechnung der BARMER Ersatzkasse waren 2023 rund 2,02 Prozent der Bremer Bevölkerung wegen Alkoholabhängigkeit in Behandlung – etwa 14 000 Menschen. Erfreulich ist: Die letzte SCHULBUS-Untersuchungen 2024/2025 zeigen den Trend, dass der Konsum von Alkohol und auch das Rauschtrinken unter Jugendlichen abnimmt. Dennoch bleibt aber auch unter ihnen Alkohol die meistkonsumierteste Droge und immer noch auf recht hohem Niveau. Besonders Männer sind betroffen. Schon früh prägt Alkohol die männliche Sozialisation. Trinken als Zeichen von Zugehörigkeit, Mut, Alkoholkonsum als männliches Initiationsritual. Alltagsbeispiele zeigen, dass das Bier im Vereinsheim nach dem Spiel, Dorffeste, Familienfeiern, Sangria aus Eimern, die Partykultur auf Mallorca – –. Wenn Klara Korn „3,0 Promille“ singt, sind die Helme lackiert und der Senf hängt an der Decke, die Liste ist lang. Dabei ist Alkohol laut der Antwort des Senats ein häufiger Begleitfaktor bei Gewalt- und Eigentumsdelikten sowie bei Verkehrsunfällen. Risikofaktoren zudem sind soziale Belastungen, geringes Einkommen, unsichere Arbeit, psychische Beanspruchung. Daneben durchzieht Alkoholabhängigkeit alle gesellschaftlichen Klassen, nur das Urteil darüber unterscheidet sich. Der gute Rotwein des viel arbeitenden Akademikers wird anders bewertet als das Bier des Bürgergeldempfängers. Das ist eine Frage von Klassismus und gesellschaftlicher Verwertbarkeit, ein Thema für sich. Der Senat erkennt die unterschiedlichen Ursachen und handelt auf verschiedenen Ebenen. Entzugsbehandlungen gibt es in GeNo-Kliniken in Bremen und Bremerhaven. Hier wurde die Zahl der Betten zuletzt im Rahmen von Ambulantisierungsprozessen reduziert, was sich aber als nicht zielführend herausstellte. Von zwanzig Plätzen wurde wieder auf dreißig stationäre Entzugsplätze hochgefahren. Die Aufstockung auf vierzig Plätze ist geplant. Qualifizierte Entgiftung ist Voraussetzung für eine Abstinenzbehandlung, da ein körperlicher Entzug allein nicht ausreichend ist. Aktuell liegt der Fokus auf Notfallbehandlung. Patient:innen mit weiterführendem Versorgungsbedarf haben teils sehr lange Wartezeiten, was kritisch gesehen wird. Reha und Nachsorge gibt es im RehaCentrum Alt-Osterholz, in der „Tagesklinik CHANGE!“, bei der ASH Bremen (Ambulante Suchthilfe Bremen), der Caritas und der AWO Bremerhaven. Zudem entwickelt Bremen gerade ein Nachsorgeprogramm für Jugendliche mit Alkoholvergiftung in Anlehnung an das HaLT-Projekt. Des Weiteren gibt es Selbsthilfegruppen und Angebote der Eingliederungshilfe. Genannt werden außerdem Suchtprävention durch das LIS, Beteiligung an bundesweiten und landesweiten Aktionswochen, Frühintervention über das FreD-Programm (Frühintervention für erstauffällige Drogenkonsumierende), Suchthilfe, ambulante Beratung/Begleitung, auch ohne Abstinenz, Entgiftung, Rehabilitation und Nachsorge. All das ist richtig, reicht aber nicht aus, solange Alkohol omnipräsent und werbewirksam bleibt. Werbung, kulturelle Rituale: Das alles verstärkt das Problem. (Beifall Die Linke, SPD) Die Datenlage bleibt lückenhaft. Viele Menschen mit riskantem Konsum werden nicht erfasst, Mischkonsum wird kaum erhoben. Der Senat kündigt Studien an, doch konkrete Schritte fehlen noch. Ohne solide Daten bleibt zielgerichtete Prävention schwierig. Wir brauchen Präventionspolitik, die tief greift. Strukturpolitik muss ansetzen: soziale Sicherheit, Freizeitangebote ohne Alkoholdruck, zum Beispiel im Fußballstadion oder auf dem Weihnachtsmarkt. Das Fest der Liebe einfach mal ohne gezuckerten warmen Rotwein genießen. Werbeverbot, strengere Regulierung der Verfügbarkeit – Alkoholismus ist kein individuelles Versagen, sondern ein gesellschaftlich verankertes Problem. Die Antworten sind wichtig. Sie zeigen Ausmaß und Hilfeangebot, aber sie reichen nicht, um die Ursachen der Alkoholabhängigkeit anzugehen. Wir brauchen konsequente Prävention, klare Regulierung, fundierte Aufklärung. Wir müssen Männerbilder und sozialen Druck hinterfragen, Daten verbessern und Hilfsangebote so gestalten, dass alle Betroffenen sie erreichen, unabhängig von Herkunft, Alter oder Geschlecht. (Beifall Die Linke, SPD) Alkoholabhängigkeit ist in Bremen kein Randphänomen. Die Senatsantworten zeigen das deutlich. Es braucht mehr Mut zur strukturellen Maßnahme und eine Politik, die die Normalisierung von Alkohol kritisch hinterfragt und Alternativen zeigt. – Besten Dank! (Beifall Die Linke, SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
