Nelson Janßen
Sehr geehrte Präsidentin, sehr geehrte Abgeordnet! Wenn ein Kind geboren wird, ändert sich über Nacht oder auch am frühen Morgen auf einmal fast alles. Auf einmal wird die Berufstätigkeit zur Auszeit von der Familienarbeit, ruhige Nächte werden ein Luxus, Zeit für Sport oder Freizeit kann man im Kalender mit der Lupe suchen, Sozialkontakte ändern sich grundlegend. Auch wenn es für viele Eltern sehr erfüllend und wunderschön ist, wird wohl niemand bestreiten, dass es sich um eine außergewöhnlich herausfordernde und belastende Lebensphase handelt. Aber es ändert sich über Nacht auch nicht alles. Psychisch erkrankte Eltern heilen nicht von heute auf morgen, Suchtkrankheiten verschwinden ebenso wenig. Etwa jedes vierte Kind wächst in einem Elternhaus mit einem oder mehreren Elternteilen auf, die unter einer psychischen Krankheit leiden. Damit leiden nicht nur die Eltern, sondern auch oft das Familienleben und am Ende häufig auch die Kinder. Ausweislich des „Nationalen Zentrums Frühe Hilfen“ hat die Belastung in den letzten Jahren zudem kontinuierlich zugenommen. Ich möchte dabei betonen, dass ich das niemals als Vorwurf gegenüber den Eltern verstehen möchte, die weit über ihre Grenzen hinausgehen, um das Beste für ihre Kinder zu ermöglichen. Aber auch Eltern haben Belastungsgrenzen, und existierende psychische Belastungen führen, das ist wissenschaftlich erwiesen, zu einem erhöhten Risiko von psychischen Erkrankungen bei Kindern, wenn frühzeitige Hilfen für die Familien und die Kinder nicht zeitig angedockt werden. Daher braucht es ein gut ausgebautes und eng aufeinander abgestimmtes Hilfesystem. Das zentrale Problem bleibt, dass die bestehenden Hilfesysteme Kinder und Familien oft zu spät oder gar nicht erreichen. Beispielsweise ist es ohnehin schwierig, einen Platz bei einer Psychotherapeutin oder einem Psychotherapeuten zu erhalten. Wenn ich aber im ersten Jahr mein Kind allein habe, weil meine Partnerin berufstätig ist und ich noch keinen Kitaplatz in Anspruch nehmen könnte, ist es nahezu unmöglich, zu regulären Arbeitszeiten einen Termin bei Psychotherapeuten zu finden, wenn ich gleichzeitig ein Kind beaufsichtigen muss. Ob Jugendhilfe, das Gesundheitssystem oder Sozialhilfe greift, wie diese Systeme aufeinander abgestimmt sind und wie die Kommunikation trotz unterschiedlicher Finanzierung und Zuständigkeiten läuft, ist häufig nicht rund. Dazu kommen Scham oder Angst vor Stigmatisierung. Depressionen und Persönlichkeitsstörungen werden zwar mit viel Aufwand gesellschaftlich versucht, zu enttabuisieren, sie sind es aber dennoch häufig. Insbesondere von Eltern wird erwartet, nicht zu klagen, sondern erst einmal alles für ihre Kinder zu geben. Das einzugestehen, dass Unterstützung benötigt wird, ist gesellschaftlich ebenfalls häufig schwer vorstellbar. Auf Bundesebene hat eine Arbeitsgruppe getagt und 2019 einen Abschlussbericht vorgelegt, in dem ganz zentrale Handlungsbedarfe identifiziert wurden. Es geht dabei primär um bessere, bedarfsgerechte Familienhilfe, verbesserte Prävention, enger verzahnte Hilfesysteme und Lotsen, um die Angebote konkret an die Familien zu bekommen. Zu diesem Thema haben wir als Koalition eine Anfrage an den Senat gestellt, um das System in Bremen unter die Lupe zu nehmen. Wir können feststellen, es gibt in dem Bereich schon einiges, insbesondere die Kolleginnen und Kollegen, die sich schon lange mit Jugendhilfe beschäftigen, werden viele der Projekte kennen. Vom „Nationalen Zentrum Frühe Hilfen“ über „Kidstime“, „Eltern PLUS“ bis hin zu Beratungs- und Therapieangeboten gibt es eine ganze Reihe von Hilfsangeboten für Familien, für Eltern und für Kinder. Aber, und auch das ist nicht neu, diese Angebote reichen nicht aus, um den wachsenden Bedarf abzudecken. Das A und O ist, möglichst früh Problemlagen in den Familien zu identifizieren und passgenaue Angebote zur Verfügung zu stellen, bevor die Belastung so groß ist, dass die Kraft fehlt, neben der Alltagsbewältigung auch noch eigeninitiativ auf die Suche nach passenden Unterstützungsangeboten zu gehen. Richtig ist auch, dass wir bereits ausgebaut haben in den letzten Jahren. Unter anderem Projekte wie „TippTapp“ sind zu nennen oder auch das Landeskonzept für die Jahre 2025 bis 2027, das auch auf der Seite der Sozialsenatorin nachlesbar ist. Was aus Sicht der Linken derzeit noch zu kurz kommt, sind verhältnispräventive Ansätze, also ein begleitender Blick weg von der individuellen Ebene hin zu Strukturen, die Auslöser für psychische Belastungen und Suchterkrankungen sind. Natürlich hilft da eine Debatte wie heute Vormittag über zusätzlichen Sanktionsdruck auf Familien im Leistungssystem wenig, weil wir wissen, dass das den Stress erhöht, der sich auch konkret auf die Lebenslagen von Kindern auswirken wird. Eine weitere Lücke sind aus unserer Sicht familienorientierte Angebote der psychiatrischen Versorgung. Was passiert mit Kindern, wenn Eltern sich behandeln lassen müssen? Insbesondere bei kleinen Kindern muss das konzeptionell stärker berücksichtigt werden, beispielsweise in der stationären psychiatrischen Versorgung. Auch stellen Einrichtungen fest, dass eine parallele Betreuung oder zumindest Beaufsichtigung von Kindern nicht refinanziert wird und von den Kassen natürlich auch relativ schnell die Unzuständigkeit erklärt wird. Damit kann das Angebot nicht angenommen und die Lage nicht verbessert werden. Ich bin daher froh, dass der Senat schon jetzt bei der Prüfung von Angeboten in Koordinierung ist, wo es darum geht, Familien-Kind- oder Eltern-Kind-Angebote im psychiatrischen Bereich abzubilden. Ich bin glücklich, dass wir zumindest an einigen Punkten bereits niedrigschwellige Angebote etabliert haben. Ich glaube, dass wir die Angebote in Kooperation in den Quartieren noch ausbauen müssen. Eine Weiterentwicklung von ambulanten Versorgungsstandorten hin zu Gesundheitszentren, die auch diese Aspekte mit einbeziehen und interprofessionell arbeiten, ist der beste Weg, quartiersnah und eng an den Familien frühzeitig die Versorgung zu verbessern. Vollständigkeitshalber sei gesagt, dass es bereits Kooperationen an vielen Stellen gibt, zwischen Jugendhilfe, Suchthilfe, gesundheitlicher Versorgung. In regionalen Netzwerken sind die Hebammenzentren eingebunden, Kinder- und Jugendärzt:innen sind involviert und auch die Gesundheitsfachkräfte im Quartier weisen auf Unterstützungsangebote hin. Es existiert auch das Netzwerk „Kinder psychisch kranker Eltern in Bremen“. Kooperationen finden aber meist fallbezogen und noch nicht systematisch statt. Sie basieren auf einem hohen Engagement der Beteiligten, auch in kreativen Formaten, die aber noch nicht ausreichend standardisiert sind. Bremerhaven sei an dieser Stelle positiv hervorgehoben. Die fachübergreifende Zusammenarbeit im Rahmen der kommunalen Präventionskette läuft aus meiner Sicht bereits sehr gut. Das Bündnis „Kinder – Sucht – Familie Bremen“ arbeitet an einer Koordinierungsstelle, deren Finanzierung allerdings noch nicht gelöst ist. Damit Eltern nicht nur gut auf ihre Kinder, sondern auch gut auf sich selber achten können, müssen wir also die vorhandenen Strukturen ausbauen und weiterentwickeln, und wir müssen die eine oder andere Systemgrenze und Zuständigkeit noch weiter klären, damit Kinder in Familien mit psychisch erkrankten oder suchtkranken Eltern gut und frühestmöglich versorgt werden können. – Vielen Dank! (Beifall Die Linke, SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
