Miriam Strunge
Sehr geehrte Frau Präsidentin, meine Damen und Herren! Zunächst möchte ich sagen, dass ich mich freue, dass wir aufgrund der Großen Anfrage der FDP-Fraktion heute wieder einmal über Berufsschulen sprechen, denn fast 25 Prozent der Bremer Schüler:innen gehen auf Berufsschulen. Allerdings hat man in der öffentlichen Debatte nicht immer das Gefühl, dass die Berufsschulen die Aufmerksamkeit bekommen, die sie eigentlich verdienen, weil der Fokus in der Regel auf den allgemeinbildenden Schulen liegt. Da nehme ich auch meine Fraktion und auch meine Person aus dieser Kritik nicht raus. Deswegen vielen Dank, dass wir heute die Gelegenheit haben, den Blick wirklich auf die Berufsschulen zu richten. Die FDP fragt den Senat in einer Großen Anfrage, wie es um den baulichen und personellen Zustand der Berufsschulen steht, wie die Berufsvorbereitung an den allgemeinbildenden Schulen aufgestellt ist. Die größte Herausforderung, das haben wir bereits gehört, ist sicherlich der Gebäudebestand. Hierzu bleibt diese Senatsantwort etwas kurz und verweist vor allem auf die Standortplanung für die beruflichen Schulen aus dem Sommer 2022. Wenn man aber in diese Standortplanung schaut, dann sagt dort der Senat ziemlich deutlich, dass der Gebäudebestand für eine zeitgemäße Pädagogik eben nicht mehr auf der Höhe der Zeit ist. Beim Bau der Schulen vor ungefähr 50 Jahren ging man ja noch von einer ganz anderen Lernkultur aus, im traditionellen Klassenverband. Die Organisation des Lernens, die ja häufig anhand von Lernfeldern stattfindet, die gab es damals noch nicht. Dieser Wechsel auf moderne Pädagogik ist in der alten Gebäudestruktur oft kaum möglich. Berufsschule wird heute anders gedacht und muss deswegen eben auch anders gebaut werden. Die architektonische Herausforderung steht neben der Herausforderung des massiven Sanierungsstaus. Für 130 Millionen Euro müssen die Berufsschulen mindestens saniert werden, das zeigt die Senatsantwort. Zum Glück zeigt die Schulstandortplanung ja nicht nur Herausforderungen auf, sondern hat im Sommer 2022 auch einen ganz konkreten Plan vorgelegt, wie die Gebäudestruktur der Berufsschulen weiterentwickelt werden kann. An vier Standorten im Gebiet der Stadtgemeinde Bremen sollen im Rahmen von Campuslösungen neue Schulgebäude entstehen und die bestehenden Berufsschulen anhand inhaltlicher Cluster neu zusammenfassen. Ein guter Plan, der ein modernes Berufsschulsystem für das 21. Jahrhundert aufzeigt, mit Gebäuden, in denen das Arbeiten auf der pädagogischen Höhe der Zeit wirklich möglich ist. Wichtig ist es natürlich, diesen ambitionierten Plan auch zügig umzusetzen. Zur Bildungsdeputation im August lag auf Bitten der CDU-Fraktion ein Bericht zum Umsetzungsstand vor. Aus dem können wir entnehmen, dass erste Schritte in Richtung Campuslösung bereits unternommen wurden. Die Planung wird weiterverfolgt, allerdings liegen im Osten die Pläne auf Eis. Ich möchte hier auch noch mal deutlich für meine Fraktion sagen: Uns reicht dieses Tempo bei Planung und Bau derzeit nicht aus. Wir müssen auch bei engen Haushaltslagen Wege finden, die gute Planung schneller umzusetzen. Dies ist nicht nur für die Berufsschulen wichtig, die in modernen Räumen mit moderner Pädagogik arbeiten wollen, das ist auch deswegen wichtig, weil viele der derzeitigen Berufsschulen als Oberschulen weitergenutzt werden sollen. Die Berufsschulen brauchen also dringend die neuen Gebäude, damit sie Platz machen können für die Oberschulen, die die alten Berufsschulstandorte weiter bespielen. Als zweite Herausforderung für die beruflichen Schulen sehe ich die Weiterentwicklung zu inklusiven Schulen. Wenn wir ehrlich sind, dann leben wir die Inklusion bis zur 10. Klasse, danach findet sie weder an den Schulen noch in der Gesellschaft so richtig statt. Die Werkstufen, wie es sie gerade an unseren beruflichen Schulen gibt, die sind eher exkludierend und führen dann oft in eine Beschäftigung in den Behindertenwerkstätten statt in den ersten Arbeitsmarkt. Eine lebenslange Exklusion ist oft die Folge. Da müssen wir als Schulen, aber auch als Arbeitsgesellschaft besser werden. Leider werden in der Senatsantwort die ersten Ideen, die es zur inklusiven Weiterentwicklung der beruflichen Schulen gibt, gar nicht erwähnt. In der letzten Legislaturperiode gab es Überlegungen der Bildungsbehörde, die Werkstufe könnte in das Übergangssystem integriert werden, genauso wie die Sprachkurse für geflüchtete Jugendliche, die auch eher ein exkludierendes System sind, statt ein inkludierendes. Modelle im Übergangssystem würden dann je nach dem Thema gemeinsames oder getrenntes Lernen ermöglichen. Diesen Ansatz finde ich sehr sinnvoll, und wir begrüßen es, wenn wir bei der Inklusion auch über die Sekundarstufe I hinaus endlich vorwärtskommen. Im Gegensatz zur Problemlage bei der Gebäudestruktur und in der Exklusion sind die anderen Problemlagen überschaubar. Die Personalstruktur ist angesichts des bundesweiten Fachkräftemangels auskömmlich, allerdings fehlen Inklusionspädagog:innen. Die Ausstattung der Werkstätten an den Schulen wird laufend aktualisiert und auch bei der Berufsorientierung sind wir an den Bremer Schulen gut aufgestellt. Abschließend will ich noch einmal betonen, dass wir bei der ambitionierten baulichen Planung der Berufsschulen auch in der Umsetzung nachlegen müssen. Außerdem müssen wir den Bereich der Inklusion in der beruflichen Bildung und die Ausstattung mit Inklusionspädagogen noch einmal ganz genau in den Blick nehmen. – Herzlichen Dank! (Beifall DIE LINKE, SPD, Bündnis 90/Die Grünen)
