Sascha Karolin Aulepp
Sehr geehrte Frau Präsidentin, sehr geehrte Damen und Herren Abgeordneten. Worum geht es hier im Kern und in der Sache in der Debatte? Mir geht es darum, dass wir jetzt schaffen müssen, all diejenigen Kinder tatsächlich zu betreuen, die hier und heute keinen Kitaplatz haben, aber die dringend einen benötigen. Es geht darum, wie wir es perspektivisch schaffen, die Qualität in unseren Kitas zu erreichen, die wir für jedes Kind dringend brauchen – um nicht mehr und nicht weniger. Ich würde mich sehr freuen, wenn wir jetzt jenseits aller Polemiken – und da gab es eine ganze Menge in dieser Debatte – in der Praxis nach den besten Wegen suchen, und zwar miteinander. (Beifall SPD) Wie die Lage konkret ist, ist ja schon angeklungen. Wir haben seit 2021 zusätzlich 2 400 Kinder in Betreuung bringen können. Das reicht aber noch nicht, weil wir deutlich mehr Kinder in Bremen haben. Wir sind bei der Steigerung der Kinderzahl bundesweit Spitzenreiter. Das ist schön, weil eine junge Stadt eine zukunftsfrohe Stadt ist. Das zeigt aber auch, wo die Bedarfe besonders groß sind. Das heißt, wir haben immer noch Kinder ganz ohne Angebot und das auch noch – und das schmerzt uns insgesamt besonders – in den Quartieren, wo Kinder Kita besonders nötig hätten. Meine Damen und Herren, das müssen wir gemeinsam ändern. (Beifall SPD, Bündnis 90/Die Grünen, DIE LINKE) Natürlich brauchen wir mehr Fachkräfte und bestqualifizierte Fachkräfte. Es ist hier schon deutlich gemacht worden: Das tun wir. Wir haben Ausbildung attraktiver gemacht, wir haben Ausbildung diversifiziert, viel mehr Wege in diese Beschäftigung geschaffen. Wir werben offensiv dafür, sich in den pädagogischen Berufen ausbilden zu lassen, und wir bilden auch deutlich mehr aus. Diese Menschen werden in den Kitas ankommen, nicht nur da, aber auch in den Kitas. Zur Wahrheit gehört aber: Das reicht nicht. Wir können alle weder pädagogisches Personal backen, noch können wir es herzaubern, sondern wir müssen jetzt neue Wege in Beschäftigung in unseren Kitas zulassen und diese Menschen tätigkeitsbegleitend weiterqualifizieren, sonst stehen wir auch in fünf Jahren immer noch da und haben nicht das notwendige Personal. Deswegen müssen wir jetzt weitere Schritte unternehmen. Ich würde tatsächlich darum bitten, jenseits aller taktischen Spielchen und aller Polemiken den klaren Blick auf die Wirklichkeit zu bewahren. Erstens, wenig frühe Bildung und Gruppenerfahrung sind für Kinder besser als gar keine. Das sagen uns die Fachleute, das sagen uns die Grundschulen, bei denen die Kinder ankommen, ganz ohne Erfahrung oder mit niedrigschwelligen Angeboten. Das ist das, was wir sehen. Das ist das, was Sie alle sehen können, wenn Sie sich die Mühe machen, diese Einrichtungen zu besuchen, da mit den Kolleginnen und Kollegen zu sprechen, mit den Quartiersmanagerinnen und Quartiersmanagern zu sprechen. Da muss man eben hingucken. Ja, natürlich, die Sicherheit der Kinder: Das Kindeswohl hat oberste Priorität. Das gilt für alle Kinder. Gerade bei den Kindern, die im Moment immer noch außen vor gelassen bleiben, die einen schier unaufholbaren Nachteil in ihrer Entwicklung und in ihrer Bildungsbiografie haben, wenn sie vor der Schule kein Angebot haben, die Interessen dieser Kinder, die vernachlässigen all diejenigen, die hier polemisieren, ohne eigene Vorschläge zu machen. (Beifall SPD, Bündnis 90/Die Grünen, DIE LINKE – Abgeordneter Frank Imhoff [CDU]: Ihre jahrelange Bildungspolitik!) Wer jetzt hier fordert, wie der Fachkräfteverband und anscheinend auch die Opposition, zu sagen: „Wir minimieren Kitaplätze. Das ist eben so, das nehmen wir hin.“, der wendet diesen Kindern wissentlich den Rücken zu. Das kann ich nicht akzeptieren, meine Damen und Herren. (Beifall SPD, Bündnis 90/Die Grünen, DIE LINKE) Wenn ich von Realität spreche, wenn ich davon spreche, die Realität sich tatsächlich auch anzugucken, dann erwarte ich das eigentlich von allen hier. Bei Bündnis Deutschland wundert mich das nicht, dass da polemisiert wird. Herr Voigt ist ja noch nicht so lange in dem Themenbereich dabei. Dass die Zentrale Elternvertretung in Bremen (ZEV) sich positiv geäußert hat, das muss man vielleicht auch nicht wahrnehmen, wenn man das nicht wahrnehmen will, aber liebe Kollegin Ahrens, von Ihnen kenne ich das eigentlich anders, weil Sie Kitas ja nicht nur von Weitem, sondern auch von innen kennen. (Abgeordnete Sandra Ahrens [CDU]: Das, was Sie machen, ist ein Experiment mit Kindern! Mal gucken, was dabei rauskommt! – Abgeordneter Ole Humpich [FDP]: Kennen wir auch!) Da arbeiten viele Menschen schon lange in unseren Kitas, in anderen Angeboten der Kindertagesbetreuung, aber auch in unseren Kitas, die keinen pädagogischen Berufsabschluss haben. Die Arbeiten übrigens auch mit den Kindern, sind da wichtige und manchmal sogar auch die wichtigste Bezugsperson. (Abgeordnete Sandra Ahrens [CDU]: Aber niemals allein ohne pädagogische Fachkräfte im Raum!) Die Geschichte von Carola der Köchin habe ich, glaube ich, an dieser Stelle schon mehrfach erzählt. Diese Kolleginnen und Kollegen, die wollen gerne mehr Verantwortung übernehmen. Viele Kolleginnen und Kollegen, die über viele Jahre in den Kitas im Küchen-, im Hauswirtschafts-, im Reinigungsbereich arbeiten, die wünschen sich eine berufliche Veränderung. Das sind Menschen, die sind im Kitaalltag erfahren, die sind sozial erfahren, die können zugewandt mit Kindern umgehen. Die Kitaleitungen, die Kolleginnen und Kollegen, die Eltern sagen: „Ja, das sind wichtige Menschen. Die können das gut und sind verantwortungsvoll mit Kindern.“ Diesen Menschen unterstellen Sie hier Kindeswohlgefährdung (Beifall SPD, Bündnis 90/Die Grünen, DIE LINKE) und auch all denjenigen, die in den niedrigschwelligen Angeboten arbeiten und den Kindern was ermöglichen? – Das kann ich nicht akzeptieren! (Abgeordnete Sandra Ahrens [CDU]: Darf denn ihre langjährig erfahrene Reinigungskraft – –?) Wissentliche Falschbehauptungen, Frau Ahrens, darüber, wo das Jugendamt tätig ist, das finde ich hier auch – –. Das ist etwas, das ich bodenlos finde. (Beifall SPD, Bündnis 90/Die Grünen, DIE LINKE – Abgeordnete Sandra Ahrens [CDU]: Nein, das ist keine Falschbehauptung! Das war so!) Frau Dr. Tell hat es dankenswerterweise schon gesagt: Natürlich gucken sich die Träger, die Kitaleitungen, die Kollegen, alle Menschen, die sie bei sich in den Kitas einstellen – –. Das gilt übrigens auch für Erzieherinnen und Erzieher, das gilt für sozialpädagogische Fachkräfte, das gilt für Reinigungskräfte, jede dieser Personen wird natürlich im Einstellungsverfahren angeguckt. Natürlich wird da gesprochen: Wie stellst du dir das vor, wie stehst du zum Leitbild? Dass hier jetzt so getan wird, als wäre das völlig unwichtig, das ignoriert doch die Kompetenz dieser Menschen, tatsächlich zu gucken: Wen will ich einstellen? Das finde ich in dieser Debatte – –. Ich habe es schon gesagt, wenn man auf Polemik setzt und nicht auf zielführende Lösungen, dann ist das so. Ich habe einen Vorschlag gemacht. Ich habe gesagt, wie wir das hinkriegen wollen, dass im Kitaalltag auch anderes Personal auch ohne Anwesenheit von Erzieherinnen und Erziehern eingesetzt werden können soll, damit, wenn Personal ausfällt, (Glocke) Kinder nicht mehr nach Hause geschickt werden müssen. Ich habe gehört, wie davon gesprochen worden ist, dass mit diesem Vorschlag jedes Maß verlorengegangen sei. Ich will an dieser Stelle deswegen sagen, was mein Maßstab ist: Mein Maßstab ist, dass wir jetzt ein Angebot für die Kinder bekommen, die jetzt ein Angebot brauchen. Diese Frage, die müssen wir alle miteinander beantworten. Diejenigen, die die Aktuelle Stunde beantragt haben, haben vielleicht im Kopf, dass es auch darum geht, Kinder hier nicht mehr zu betreuen und vielleicht auch wieder aus Bremen und vielleicht auch aus Deutschland rauszuschicken. (Abgeordneter Jan Timke [Bündnis Deutschland]: Das ist jetzt populistisch! – Lachen DIE LINKE) Das ist nicht meine Perspektive. Ich möchte den Kindern hier eine dauerhafte Perspektive geben, aber auch die Übrigen, die hier im Parlament sitzen, müssen am Ende die Frage beantworten: Auf wessen Seite stehst du? Ich stehe an der Seite der Kinder, die jetzt Antworten brauchen und die wir entsprechend ihrer Bedürfnisse fördern können und müssen. (Abgeordneter Jan Timke [Bündnis Deutschland]: Das sehen die Eltern anders!) Dafür brauchen wir jetzt Personal. Natürlich ist die hohe Qualifikation, die Erzieherinnen und Erzieher haben, nicht ersetzbar. Wir brauchen mehr Fachkräfte und deswegen müssen wir diesen Weg gehen. Das werden wir nicht mit der klassischen Ausbildung schaffen und deswegen müssen wir die Kitas öffnen und müssen wir den Menschen ein Angebot machen – und wir wollen das auch –, sich tätigkeitsbegleitend weiterzuqualifizieren, weil wir nur so perspektivisch die Fachkräfte bekommen, um die Qualität in den Kitas zu steigern. (Beifall SPD, Bündnis 90/Die Grünen, DIE LINKE) Ja, machen Sie Vorschläge, diskutieren Sie mit! Ich habe hier ein paar Vorschläge gehört. Die CDU hat vorgeschlagen, sich auf den Ü3-Bereich zu konzentrieren. Das kann man ernstnehmend diskutieren. Das bedeutet aber auf der anderen Seite, wenn wir uns konzentrieren, dass andere Kinder kein Angebot in der frühkindlichen Bildung bekommen. Das ist eine Entscheidung. Ich habe mich dafür entschieden zu sagen: Ich will nicht sagen, berufstätige Eltern müssen zugunsten von Kindern mit Förderbedarf zurückstecken, sondern es muss möglich sein, durch eine Öffnung auch tatsächlich zu mehr Betreuung zu kommen. Die FDP sagt, wir sollen auf duale Ausbildung setzen. Wir haben die Möglichkeiten, sich tätigkeitsbegleitend zu qualifizieren, massiv ausgeweitet. Ich hoffe sehr, dass es nicht darum geht, wenn Sie auf duale Ausbildung Bezug nehmen, dass wir von DQR 6, was Erzieherinnen und Erzieher jetzt sind, auf DQR 4 runter wollen. Das wäre nämlich die Parallele, wenn man es genauso macht wie in der dualen Ausbildung. Wenn Sie aber von Quereinstieg sprechen, so ganz abstrakt, wen meinen Sie denn? Das kann doch nur um Menschen gehen, die noch keine pädagogische Qualifikation haben. Genau das müssen wir doch jetzt ausloten und diskutieren. Wie Betriebskitas sich dann das pädagogische Personal backen können sollen, das habe ich auch noch nicht verstanden. Wenn ich mit Herrn Dubbers-Albrecht spreche und der zu mir sagt: „Natürlich geht es darum, jetzt Betreuungsangebote zu ermöglichen, und natürlich müssen wir da auch gucken, wer das denn eigentlich aktuell kann. Da müssen wir den Blick erweitern. Wir gehen doch in allen Branchen“, sagt Herr Dubbers-Albrecht „in denen wir Fachkräftemangel haben, auch andere Wege und natürlich müssen wir da auch andere Leute hereinholen und die tätigkeitsbegleitend weiterqualifizieren.“ Meine Damen und Herren, wir dürfen keine Kinder zurücklassen. Wie wir das hinkriegen, das ist eine Entscheidung, die bei uns allen liegt. Ich habe einen Vorschlag gemacht, den diskutieren wir, aber eines kann ich an der Stelle sagen: Wir brauchen jetzt Taten. Nicht nur wir, sondern die Kinder brauchen die jetzt. – Herzlichen Dank! (Beifall SPD, Bündnis 90/Die Grünen, DIE LINKE)
