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Dr. Claudia Schilling

21.08.2024 Sitzungen 21/15

Sehr geehrte Frau Präsidentin, meine sehr geehrten Damen und Herren Abgeordnete! Wir leben in einer Zeit, die geprägt ist von Ansprüchen, von Anforderungen, von einem intensiven Berufsleben, von auseinanderbrechenden Paarbeziehungen, von einer zunehmenden Kluft zwischen Wohlstand und Armut, von materiellen Notwendigkeiten und geweckten Bedürfnissen. Wir leben in einer Zeit der räumlichen Mobilität, in einer Zeit, in der oftmals der Arbeitsplatz den Wohnort bestimmt, nicht die Herkunft, nicht die Familie, nicht die sozialen Bezüge. Wir stellen fest, dass Menschen in einem dichter gewordenen Alltag immer weniger Zeit für ehrenamtliche Tätigkeiten finden, für ein Engagement in Gesellschaft und Politik, für die Betreuung der nächsten Angehörigen oder die Pflege von intensiven Freundschaften. Wir leben in einer Zeit, in der immer mehr Menschen das Glück haben, sehr alt zu werden, aber dabei erleben müssen, dass das Alter Beschwernisse mit sich bringt, die ihre körperliche und geistige Beweglichkeit einschränken. Was ich damit sagen will: Einsamkeit betrifft den Einzelnen, aber wir dürfen uns nicht wundern, dass sie zunehmend zum gesellschaftlichen Thema wird und das auch mit Blick auf eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung. Nicht umsonst gibt es in England seit Jahren ein Einsamkeitsministerium. Nicht umsonst hat das Bundesfamilienministerium im Dezember des vergangenen Jahres eine Strategie gegen Einsamkeit beschlossen und Ende Mai 2024 erstmals das Einsamkeitsbarometer veröffentlicht. Nicht umsonst haben wir das Thema auch in Bremen im Koalitionsvertrag verankert, (Beifall SPD, Bündnis 90/Die Grünen, DIE LINKE) denn Einsamkeit ist wesentlich das Ergebnis sozialer Prozesse. Sie hat nicht nur individuelle, sie hat auch soziale Folgen. Wir haben das heute schon gehört: Wer einsam ist, hat ein viel höheres Risiko, krank zu werden – psychisch, seelisch, körperlich. Wer einsam ist, verliert den Kontakt nicht nur zu seinen Nachbarn, Freunden und Angehörigen, er verliert auch den Kontakt und das Vertrauen zur Gesellschaft mit ihren Institutionen. Wer einsam ist, ist irgendwann auch nicht mehr erreichbar. Wir kennen einige gesellschaftliche Entstehensbedingungen für die Einsamkeit, Armut, einen Mangel an sinnvoller Beschäftigung, zu enge Einbindung in berufliche oder häuslich fürsorgliche Tätigkeiten, Studium, eingeschränkte Mobilität und so weiter. Daneben gibt es natürlich auch individuelle Entstehensbedingungen wie Krankheit, Alter oder eine zunehmende Demenz. Diese Faktoren verstärken sich häufig gegenseitig, und im Ergebnis hat Einsamkeit viele Erscheinungsformen und zeigt sich in jeder Berufs-, Alters- und Bevölkerungsgruppe, und ja, gerade auch inzwischen bei jungen Menschen. Eine Gesellschaft braucht also ein ganzes Spektrum an Ansätzen, wenn sie der Einsamkeit entgegenwirken will. Sehr geehrte Frau Präsidentin, meine sehr geehrten Damen und Herren, Sie kennen die Antwort des Senats auf die Große Anfrage, und Sie wissen, dass wir im Land Bremen Einsamkeit als sozialpolitisches Querschnittsthema begreifen, dass wir den Ursachen und Folgen von Einsamkeit auf vielfältige Weise begegnen, ohne dass wir immer das Etikett „Einsamkeitsbekämpfung“ darauf geklebt haben. Diese vielen Ansätze werden in ihrer Qualität, in ihrer Bedeutung und in ihrer Tragweite auch nicht durch die recht pauschale Kritik der CDU-Fraktion gemindert. Sie mündet in einem Antrag, den ich angesichts unserer gut ausgebauten sozialen Infrastruktur für entbehrlich halte. Stichworte sind grundlegende Maßnahmen zur Bildungs- und Beschäftigungsteilhabe, Stadtentwicklungsstrategien, niedrigschwellige sozialräumliche Teilhabeangebote im Jugend- bis zum Seniorenbereich, niedrigschwellige Teilhabemöglichkeiten zu schaffen. Das ist die grundlegende Antwort auf die strukturelle Einsamkeit. Unter diesem Gesichtspunkt gibt es im Land Bremen eine deutlich überdurchschnittliche Vielfalt und Kompetenz an Angeboten. Wie das Kompetenznetz Einsamkeit zur Umsetzung der bundesweiten Strategie gegen Einsamkeit diese Vielfalt bewertet, darüber ist hier in der Debatte bereits gesprochen worden. Mit seiner Vielzahl an Angeboten liegt Bremen deutlich über dem Bundesdurchschnitt. Wir haben Tagestreffpunkte für Wohnungslose wie das „Café Papagei“, das „Frauenzimmer“ oder den „Wärmebus“, wir haben das vielfältige Programm „Wohnen in Nachbarschaften“ in den Stadtteilen und das Landesprogramm „Lebendige Quartiere“. Wir haben Mütterzentren für Familien und Alleinerziehende, wir haben kostenlose Angebote der offenen Behindertenhilfe, Beratungs- und Selbsthilfestrukturen, offene Tagesstätten, Seniorenbegegnungszentren, Seniorentreffpunkte wie auch Maßnahmenpakete aus dem Rahmenkonzept „Gesellschaftliche Teilhabe und Diversity“. Wir treiben pro Kopf den größten Aufwand in der offenen Jugendarbeit. Wir haben die aufsuchende Altenarbeit, vergünstigte Mittagstische mit Fahrdiensten und den „Digitalpakt Alter“ mit dem Netzwerk „Digitalambulanzen“. Wir haben eine Vielzahl von arbeitsmarktpolitischen Projekten, die Teilhabe am Arbeitsmarkt sichern und so drohende Einsamkeitsbarrieren durchbrechen. Wir haben Sprachkurse und Integrationsangebote für Zugewanderte, wir fördern die Begegnung mit der ansässigen Bevölkerung und vieles mehr. Wir befinden uns in Bremen also auf einem guten, lebendigen Weg, den wir gewillt sind, tatkräftig weiterzugehen und, ja, auch weiterzuentwickeln in einer solidarischen Grundhaltung „Gemeinsam nicht einsam“. – Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit! (Beifall SPD, Bündnis 90/Die Grünen, DIE LINKE)

Alle Reden von Dr. Claudia Schilling Protokoll (PDF) ↗