Silke Stroth
Sehr geehrte Frau Präsidentin, sehr geehrte Damen und Herren! Ich muss zugeben, dass es mir jetzt etwas schwerfallen wird, mich zu fokussieren, weil wir drei wichtige Themenblöcke haben. Das eine ist das Thema geschlechtsspezifische Forschung, das andere ist die Datenlage im Gesundheitswesen, und das dritte ist die ganz konkrete Auseinandersetzung auch mit der bremischen Situation für von Endometriose Betroffene. Ich will es trotzdem mal kurz versuchen. Zum Thema Datenlage im Gesundheitswesen: Sie ist schlecht und es gibt immer wieder Versuche, Daten aus dem niedergelassenen Bereich und anderen Bereichen zusammenzuführen und für die Forschung nutzbar zu machen. So richtig erfolgreich sind wir da bislang nicht gewesen. Die verlässlichste Statistik, die wir haben, ist die Todesursachenstatistik, leider Gottes auch nach vielen, vielen Jahren noch. Allerdings ist das BIPS als eines unserer renommiertesten Institute in Bremen da inzwischen weit besser aufgestellt und hat mit der NAKO-Studie zum Beispiel ganz viele Daten sammeln und aufbereiten können, die uns sicherlich zukünftig für viele, viele Aspekte im Gesundheitswesen wichtige Impulse geben werden. Punkt zwei neben der Datenlage im Gesundheitswesen ist die Frage der geschlechtsspezifischen Forschung. Frauenspezifische Aspekte in der Gesundheitsversorgung und vorgelagert in der Gesundheitsforschung sind nach wie vor massiv unterbelichtet. Das haben Sie an einigen Beispielen, sehr geehrte Abgeordnete, gerade selbst auch thematisiert. Ich möchte aber noch mal die Gelegenheit nutzen, um darauf hinzuweisen, dass auch Frauen keine homogene Gruppe sind. Männer auch nicht, aber wenn wir an Datenlagen denken oder Forschungsvorhaben denken, müssen wir natürlich viel mehr auch Frauen mit Migrationsgeschichte, Frauen mit Behinderungen, queere und transgeschlechtliche Frauen und intergeschlechtliche Personen in den Fokus nehmen. Je weiter wir in die Differenzierung kommen, desto spannender und interessanter wird es eigentlich, weil diese Forschung im Wesentlichen auch Auswirkungen auf die Themen Aufklärung und Information hat: Wie gestalte ich sie, wie baue ich sie auf, adressaten- und adressatinnengerecht, aber eben auch für Diagnostik und Behandlung? Aus Perspektive der betroffenen Frauen steht maßgeblich im Vordergrund das schmerzhafte Geschehen, dadurch Beeinträchtigungen nicht nur in der Lebensqualität, sondern auch im ganz normalen Lebensalltag und der lange Weg zur Diagnostik, der eigentlich unverständlich ist. Gynäkologinnen und Gynäkologen sollten als erste Ansprechpartner eigentlich gut in der Lage sein, daran zu denken, es könnte auch Endometriose sein. Es fehlt aber dann im Folgenden tatsächlich auch an entsprechender apparativer Diagnostik. Das ist eine Situation, die sehr, sehr schwierig ist. Ich habe mich vor einigen Wochen mit den Vertreterinnen der Selbsthilfegruppe Endometriose getroffen, und wir haben, finde ich, einen guten Austausch gehabt. – Auch noch mal herzlichen Dank dafür an dieser Stelle! Wir haben ein paar ganz konkrete Sachen verabredet, die ich Ihnen heute auch mitteilen möchte. Wir haben auf unserer Website, also der der Senatorin für Gesundheit, Frauen und Verbraucherschutz, einen Text über Endometriose veröffentlicht, wir haben ihn mit weiterführenden Informationen verlinkt, Herr Humpich. Man muss ein bisschen suchen, man muss unter Gesundheit suchen und dann muss man auf Frauengesundheit kommen. Da finden Sie eine ganze Reihe von spezifischen Informationen, und da haben wir jetzt dementsprechend auch die Endometriose eingebaut und werden das auch gemeinsam durchaus weiterentwickeln. Die Selbsthilfegruppe hat angeboten, dass betroffene Frauen sich den Text auch noch mal anschauen und sagen können, ob sie damit arbeiten können, er ihnen weiterhilft und so weiter. Dann haben wir mit der Ärztekammer Bremen über die Frage der Fortbildung gesprochen. Die Ärztekammer Bremen hat noch mal darauf hingewiesen, dass sie vor gar nicht langer Zeit, ein paar Monate ist es her, glaube ich, eine große Fortbildung zur Endometriose hatte, an der fast alle Bremer Gynäkologinnen und Gynäkologen teilgenommen haben. Sie sind aber bereit, das Thema auch erneut aufzugreifen und auch stärker als bisher auf Interdisziplinarität zu achten, dass es nicht nur eine Fortbildung ist, die Gynäkologinnen und Gynäkologen adressiert, sondern eben auch angrenzende fachärztliche Richtungen wie zum Beispiel die Radiologie. Dann haben wir mit der Senatorin für Kinder und Bildung gesprochen, wie wir das Thema Endometriose in die Schule kriegen, nicht nur über Fortbildung von Lehrerinnen und Lehrern, sondern auch über eine Verankerung im Sexualkundeunterricht, es also in den Klassen 5 bis 10 einfließen zu lassen. Da gab es sofort eine positive Reaktion, so nach dem Motto: Wir gucken, was wir tun können, ein wichtiges Thema, das machen wir. Wir haben ja unsere Gesundheitsfachkräfte in den Quartieren, die werden wir zum Thema Endometriose selbst fortbilden oder durch das Gesundheitsamt fortbilden lassen, damit auch das sozusagen in der VorOrt-Arbeit verortet wird, weil wir da ja sehr niedrigschwellige und kultursensible und muttersprachliche Angebote haben. Wir haben das Thema Endometriose auf die Jahreskonferenz der Gleichstellungs- und Frauenministerinnen jetzt im Juni gesetzt mit den drei zentralen Forderungen, die eigentlich jede Endometriose-Strategie, die ich kenne, aufweist: Verbesserung von Aufklärung und Information, gute Diagnostik, Behandlung und Forschung. Zur Versorgungslage in Bremen – –. Ach so, da haben wir auch noch die Aufforderung an den Bundesgesundheitsminister aufgenommen, die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zu beauftragen, in ihren Aufklärungskampagnen et cetera stärker aktiv zu werden. Erwähnt worden ist das Klinikum Bremen-Nord mit einer speziellen Endometriose-Sprechstunde. Wir haben aber kein Endometriose-Zentrum. Ich weiß auch nicht, ich kann es von hier aus nicht erkennen. (Abgeordneter Rainer Bensch [CDU] hält ein Tablet hoch: Das ist der Link zu der Endometriose-Sprechstunde am Klinikum Bremen-Nord.) Wir haben aber kein zertifiziertes Zentrum. Das heißt eben, dass wir keins ausgewiesen haben. Es ist dann sicherlich auch schwierig zu finden, dass es dort eine Sprechstunde speziell zur Endometriose gibt, aber wir sind, wie gesagt, dabei, das zu verbessern. Ich komme zum Schluss. Endometriose braucht mehr Aufmerksamkeit, und es ist nicht akzeptabel, dass Frauen sich über Jahre mit Schmerzen bis hin zu unerfülltem Kinderwunsch quälen müssen. Wir brauchen Aufklärung in der Medizin, aber auch in der Gesellschaft. Wir haben über das Thema Enttabuisierung der Menstruation gesprochen. Frauen oder Mädchen lernen von klein auf, dass die Monatsblutung etwas ist, das versteckt werden muss. Das ist ein Umgang, der Unsicherheit und Scham und letztlich auch Unwissenheit produziert, das trägt bei jungen Mädchen auch zu einem negativen Körperbild bei. Das muss aufhören! Wir brauchen endlich mehr Achtsamkeit gegenüber Menstruationsbeschwerden von jungen Mädchen und Frauen und ein Ende der Stell-dich-nicht-so-anKultur. (Beifall SPD, Bündnis 90/Die Grünen, DIE LINKE, FDP, Bündnis Deutschland) Dafür war das heute ein guter Auftakt. – Ich danke Ihnen dafür und auch für Ihre Aufmerksamkeit! (Beifall SPD, Bündnis 90/Die Grünen, DIE LINKE)
