Sahhanim Görgü-Philipp
Als nächste Rednerin hat das Wort die Abgeordnete Dr. Franziska Tell. Abgeordnete Dr. Franziska Tell (Bündnis 90/Die Grünen): Sehr geehrte Frau Präsidentin, sehr geehrte Kolleg:innen! Wir haben heute in der Debatte schon sehr viele Zustandsbeschreibungen zum Bildungssystem gehört, und ich denke, es ist klar: Es lässt sich nicht schönreden, nein, die Bildungssituation in Bremen ist nicht gut. Wir sind nicht da, wo wir gern sein wollten. Wir haben noch einige Schritte vor uns, das lässt sich nicht schönreden. Wir stehen vor einem großen Fachkräftemangel. Wir haben viele Kinder, die in sozioökonomisch schlecht aufgestellten Haushalten aufwachsen, in denen die Eltern ihre Kinder nicht ausreichend unterstützen können. Wir kommen aus einer Pandemie, wir haben hohe, steigende Zahlen von Schüler:innen in Bremen. Das sind nur einige Punkte, die man als Argumente anbringen kann, die das Ganze in Bremen schwermachen. Das ist aber keine Ausrede! Das darf keine Ausrede dafür sein, dass die Bildungssituation in Bremen nicht gut ist, sondern es muss im Gegenteil, finde ich, noch ein stärkerer Ansporn sein, ein Ansporn, dass wir noch mehr tun müssen, dass wir nicht den Kopf in den Sand stecken müssen oder gar behaupten dürfen, dass das Bildungssystem sowieso schon am Ende ist, sondern dass wir noch mehr tun müssen, um alle Kinder in Bremen und Bremerhaven zu unterstützen. (Beifall Bündnis 90/Die Grünen, SPD, DIE LINKE) Ja, es ging jetzt in der Debatte – wenn auch etwas mehr am Rand, als ich es mir vorher gedacht hatte – um das Thema Haushalt. Der Senat hat ja in dem vorliegenden Aufschlag die Zahl, die Summe, die sozusagen in den Bildungshaushalt geht, deutlich erhöht. Es ist auch völlig richtig, dass ein Großteil dieses Geldes durch gestiegene Kosten und durch steigende Schüler:innenzahlen aufgefressen wird. Ich glaube, es ist aber trotzdem wichtig, dass es diesen Schwerpunkt gibt und dass wir im Rahmen der folgenden Haushaltsverhandlungen – und wir werden ja auch die Debatte zum Thema Haushalt hier noch mal intensiv führen – noch mal gucken können: Wo sind die Stellen, an denen wir noch mehr nachschärfen können, damit wir an den Stellen, wo wir wirklich konkret Unterstützung für die Schüler:innen bringen, noch mehr Unterstützung bringen und zeigen können: Es ist uns wichtig, dass wir mehr in diesem Haushalt für die Kinder und Jugendlichen im Land tun. Daran werden wir auch als Koalition definitiv noch weiterarbeiten. (Beifall Bündnis 90/Die Grünen, SPD, DIE LINKE) Hier ist es wichtig, dass wir in den Fokus nehmen: Welche sind die Stellschrauben, die wirklich eine Veränderung mit sich bringen? Welche sind vor allem auch die Stellschrauben, an denen wir gerade arbeiten können? Denn beispielsweise lässt sich das Problem, dass wir nicht genug Fachkräfte haben, nicht nur im Bereich der Lehrkräfte, auch im Bereich der sonstigen Pädagogik in verschiedenen Bereichen, in weiteren Unterstützungsbereichen, ja leider nun mal nicht kurzfristig lösen. Es sei denn, es hat hier irgendjemand eine Lösung, woher diese Fachkräfte kommen. Dann bringen Sie diese Vorschläge gerne, dafür sind wir immer offen. Wenn es diese Vorschläge aber nicht gibt, müssen wir gucken, welche die Stellschrauben sind. Diese Stellschrauben sind eben genau die Maßnahmen, mit denen wir kurzfristig etwas ändern können. Das Leseband im Bereich der Sprachförderung ist ja gerade dabei, in die Ausweitung zu kommen und das ist ein erster guter und wichtiger Schritt. Herr Professor Hilz, da sind wir ja immer einer Meinung: Es ist genauso wichtig, dass weitere Schritte im Bereich der Sprachförderung vorangebracht werden, denn wir wissen, die Zahlen sind nicht zufriedenstellend und hier müssen wir noch mehr tun, damit wir alle Kinder erreichen. Ich finde, wir müssen vor allem in den Blick nehmen, dass die Sprachförderung in der Kita beginnt, und zwar nicht im letzten Kitajahr, sondern schon vorher. Wir können nicht erwarten, dass am Ende ein Kitabrückenjahr dafür sorgt, dass extrem hohe Bedarfe aufgeholt werden, sondern wir müssen dafür sorgen, dass wir noch mehr Schüler:innen erreichen, bevor sie Schüler:innen werden, nämlich im Kindergartenalter, dass Kinder möglichst frühzeitig in die Kita kommen und dann durch den Umgang mit anderen Kindern und die Nutzung von Sprache, aber auch durch gezielte Förderung schon mit guten Bedingungen in die Schule starten. (Beifall Bündnis 90/Die Grünen, SPD, DIE LINKE) Es wurden heute schon einige Zahlen in der Debatte zitiert, und ich finde, es ist wichtig, noch mal zu betonen, wie gut es ist, dass wir mit dem IQHB ein Institut in Bremen haben, durch das all diese Zahlen gebündelt gesammelt werden, wodurch wir Verläufe von Schüler:innen über den ganzen Zeitraum haben und nicht, wie es in anderen Bundesländern der Fall ist, nach dem Ende der Grundschule die Daten über die Schüler:innen verschwinden und wir gar nicht wissen, wie es weitergeht. Das Entscheidende ist jetzt, dass wir diese Daten gut nutzen, dass wir diese Daten so nutzen, dass die Schulen, die Lehrkräfte und alles weitere Personal an den Schulen unterstützt werden, dass sie die Ergebnisse, die wir in den Testungen sehen, so aufarbeiten können, dass sie eben Programme in den Schulen an den Start bringen können, dass sie die Kinder und Jugendlichen unterstützen und es dann auch zu Verbesserungen kommt. Da haben die bisherigen Ergebnisse gezeigt, dass das noch nicht ausreichend ist, und da müssen wir dringend nachschärfen. Das ist eine wichtige Aufgabe, die wir hier vor uns haben. (Beifall Bündnis 90/Die Grünen, SPD, DIE LINKE) Professor Hilz, Sie haben jetzt in Ihrem Redebeitrag gesagt, dass Ihnen in den anderen Redebeiträgen die Vorschläge fehlen, was denn eigentlich gegen diese breite Problemstellung getan werden muss und was man machen kann. Da stimme ich Ihnen absolut zu. Dass Sie dann als einen zentralen Vorschlag das Thema Noten aufbringen, darauf hätte ich auch schon vor dieser Debatte wetten können und darauf war ich auch schon vorbereitet. Ich muss sagen, ich finde, dieser Vorschlag ist in Anbetracht der Herausforderungen, die wir vor uns haben, doch ein bisschen klein. (Beifall Bündnis 90/Die Grünen, SPD) Natürlich müssen wir uns angucken: Wie können wir alle Schüler:innen unterstützen, dass sie die Leistungen bringen, die sie bringen können? Wie können wir die Leistung bestmöglich quasi aus ihnen herauskitzeln und sie so weit fördern, wie es geht? Wie können wir auch an die Eltern kommunizieren, wie die Situation ihrer Kinder ist und wie sie ihre Kinder auch als Eltern noch besser unterstützen müssen? Da müssen wir definitiv ran. Dass die Lösung dafür aber ist, zu sagen, wir brauchen jetzt Zahlen in der Grundschule und Leistungsdruck, das sehe ich anders und würde darum sagen: Lassen Sie uns doch besser darüber debattieren, wie wir durch konkrete Maßnahmen die Schüler:innen in ihrem Lernen besser unterstützen, anstatt sie dadurch zu unterstützen, dass wir ihnen durch Zahlen einen anderen Druck bringen! (Beifall Bündnis 90/Die Grünen, SPD, DIE LINKE) Wir müssen dringend dafür sorgen, dass wir in Bremen im Bildungsbereich weiterkommen und dass wir endlich davon wegkommen, dass Bildung so sehr vom Elternhaushalt abhängt und dass wir auf Chancengerechtigkeit der Kinder hinwirken. Dabei möchte ich es zu diesem Zeitpunkt belassen und freue mich, wenn wir in zukünftigen Debatten vielleicht noch konkreter darüber debattieren, was diese wirklich konkreten Stellschrauben und Maßnahmen sein können, um alle Schüler:innen im Land Bremen besser zu unterstützen. – Vielen Dank! (Beifall Bündnis 90/Die Grünen, SPD, DIE LINKE)
