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Sigrid Grönert

CDU 13.03.2024 Sitzungen 21/10

Sehr geehrte Frau Präsidentin, meine Damen und Herren! Das Bildungsressort kommt in Anlehnung an eine LEOStudie aus dem Jahr 2018 zu dem Ergebnis, dass heute im Land Bremen rund, mal heißt es 50 000, mal 54 000 Erwachsene nicht ausreichend lesen und schreiben können. Eine Weile zurück, im Jahr 2012, kam das Ressort auch anhand einer LEO-Studie noch auf eine Zahl von rund 61 000 Betroffenen. Diese Zahlen miteinander zu vergleichen, lag mir nahe, weil ich nämlich damals auch schon hier an dieser Stelle das Thema Alphabetisierung debattiert habe. Die scheinbar so positive Entwicklung von heute 50 000 gesehen auf damals 61 000, kommt mir aber nicht ganz geheuer vor, wenn ich an die vielen Zuzüge der letzten Jahre aus dem Ausland denke und ebenso daran, dass in Bremen rund zehn Prozent aller Schüler und Schülerinnen die Schule ohne Abschluss verlassen. Wie hoch die Zahl auch tatsächlich sein mag, vielleicht kann die Bildungssenatorin da gleich noch helfen: Es sind gestern wie heute viel zu viele Menschen, die nicht in der Lage sind, in Bremen ausreichend am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben. Meine Vorredner haben das bereits näher beschrieben. Wie viel persönliche Not und Scham das für jeden Einzelnen mit sich bringen kann, möchte ich mir nicht anmaßen, in Gänze erfassen und beschreiben zu können. Die FDP macht nun einige Vorschläge, wie sich aus ihrer Sicht die Situation für die Betroffenen verbessern ließe. Herr Professor Hilz, Sie haben jetzt mündlich andere Punkte genannt, als im Antrag stehen, über die wir nachher abstimmen werden. Bremen soll Grundbildungszentren einrichten, sogenannte niedrigschwellige Anlaufstellen zur Information für Beratung und Vernetzung. Wenn ich mir aber anschaue, dass unter anderem besonders auch die Volkshochschule hier seit weit über zwanzig Jahren ein bekannter und verlässlicher Ansprechpartner ist, dann glaube ich nicht, dass es uns in Bremen an sogenannten Komm-Strukturen mangelt, wo man aktiv hingehen muss. Es mangelt uns aber an einer guten Strategie, durch die Betroffene überhaupt erst ermutigt und motiviert werden, selbst aktiv zu werden und sich auf den Weg zu machen. Bremen muss regelmäßig, wenigstens alle zwei Jahre, großflächig Werbung dafür machen, dass es nie zu spät ist, lesen und schreiben zu lernen. Mehr gute Werbung ergibt auch immer mehr Nachfrage, aber der Bremsklotz ist hier doch, dass sich kaum ein Kursanbieter finanziell in der Lage sieht, bei steigender Nachfrage auch weitere Plätze anbieten zu können. Hier muss der Senat mal ehrlich hinschauen und darf sich nicht mit einem Feigenblatt begnügen und womöglich auch noch kürzen. Es reicht jedenfalls nicht, lange wissenschaftlich fundierte Texte über den Stand von Grundbildung und Alphabetisierung im Land Bremen für die Bildungsdeputation zu verfassen. Der Antrag der FDP, so, wie er uns vorgelegt wurde, wird da leider auch nicht helfen. Die FDP möchte auch prüfen, inwieweit technologieunterstützte Lernlösungen und auch Gamifizierung helfen könnten. Dazu soll auch verstärkt auf selbstorganisiertes Lernen und auf digitale Instrumente gesetzt werden. Wer aber mal einen Blick in die gerade erwähnten Berichte der Bildungssenatorin wirft, müsste eigentlich wissen, dass solche Punkte bereits mitgedacht werden. Um aber für diese Debatte zu erfahren, wie gut die Ansätze der Bildungssenatorin in der Praxis funktionieren, hat die CDU-Fraktion vor Kurzem eine Kleine Anfrage eingereicht. Das hat die FDP aber entweder nicht mitbekommen, oder sie wollte bewusst – –. (Abgeordneter Prof. Dr. Hauke Hilz [FDP]: Das war nach unserem Antrag!) Ja, das war nach Ihrem Antrag, genau, damit wir eine Grundlage haben, eine vernünftige. Sie wollten entweder bewusst nicht auf die Antwort warten, ich weiß nicht, warum, aber Unterstellungen meinerseits zu möglichen Gründen erspare ich uns jetzt wohlwissend, dass die FDP da nicht so zimperlich mit uns umgehen würde. (Beifall CDU) Auch die Forderung der FDP, die Förderung der Lese- und Schreibkompetenzen in die Jugendberufshilfe zu integrieren, kommt mir sehr dünn daher. Wir haben eine Jugendberufsagentur, die genau bei den vorhandenen Lücken ansetzen soll. Wie gut diese ihrem Auftrag nachkommt, müsste man sich mal anschauen und gegebenenfalls nachbessern. Doch neuen Regelungsbedarf sehe ich hier nicht. Ich sehe aber eben mindestens zwei Hebel, durch die sich im Land Bremen viel erreichen ließe. Erstens muss viel mehr dafür getan werden, Schreibund Leseprobleme zu verhindern. Unsere Kinder dürfen nach dem Schulbesuch nicht ohne diese Fähigkeiten ins Erwachsenenleben starten. Dazu gehört auch, dass kein Kind, ob mit oder ohne Migrationshintergrund, ohne ausreichende Deutschkenntnisse eingeschult werden darf. Doch genau das ist bei uns trauriger gelebter Alltag. Zweitens bin ich, wie vorhin schon gesagt, der festen Überzeugung, dass wir regelmäßig wiederkehrende offensive und ansprechende Werbung brauchen, um betroffenen Menschen Mut zu machen. Das hat Herr Professor Hilz auch zumindest mündlich gesagt. Sämtliche Kursanbieter brauchen natürlich die finanziellen Möglichkeiten, schnell auch neue Plätze anbieten zu können, wenn Menschen kommen und lesen und schreiben lernen wollen. In Ihrem Antrag fordert die FDP das eben nicht. Ich sehe den guten Willen der FDP, sich für Alphabetisierung einzusetzen, doch guter Wille alleine reicht oft nicht aus. Die CDU-Fraktion wird den Antrag zwar nicht ablehnen, aber sie wird sich in der Abstimmung enthalten. – Vielen Dank! (Beifall CDU)

Alle Reden von Sigrid Grönert Protokoll (PDF) ↗