Prof. Dr. Hauke Hilz
Sehr geehrte Frau Präsidentin, sehr geehrte Abgeordnete, sehr geehrte Gäste! Sehr viele Menschen in unserem Bundesland, in unseren zwei Städten Bremen und Bremerhaven können nicht richtig lesen oder schreiben. Das nennt sich struktureller Analphabetismus oder eine geringe Literalität. Das ist Grund genug, um dieses Thema hier in das Parlament zu bringen und darüber einmal zu debattieren und Ihnen Maßnahmen vorzuschlagen, damit wir hier von dieser hohen Zahl runterkommen. Derzeit schätzt die Senatorin für Kinder und Bildung die Zahl auf 54 000 Menschen in Bremen und Bremerhaven – 54 000. Die Bundesregierung schätzt, dass es sogar insgesamt mehr sind. Man geht von über zwölf Prozent der Bürgerinnen und Bürger in Deutschland aus, davon ein Großteil Muttersprachler, einige Zugewanderte, die Hälfte ungefähr über 45 Jahre, die andere Hälfte unter 45 Jahre. Es ist also ein Problem, was die gesamte Bevölkerung betrifft, was fast jeden Achten in der Republik betrifft, und das Problem bedeutet auch große Probleme bei der gesellschaftlichen Teilhabe. Das bedeutet auch vielfach ein großes Schamgefühl, weil man nicht entdeckt werden will, dass man nicht richtig lesen und schreiben kann, was zu Versteckungsmechanismen führt, im täglichen Leben. Die „Nordsee-Zeitung“ hatte kürzlich berichtet, dass Menschen oft Schnitzel mit Pommes bestellen oder das bestellen, was der Vorherige bestellt hat, weil sie nicht in der Lage sind, eine Speisekarte zu lesen, weil diese Menschen Schwierigkeiten haben, im Supermarkt einzukaufen, weil sie mit Behördenpost fast unüberwindbare Schwierigkeiten haben. Da brauchen sie unbedingt Hilfe. Ich glaube, wir tun gut daran, dieses Problem ernst zu nehmen und mehr dazu zu tun, um diesen Menschen zu helfen, denn Lesen und Schreiben bedeutet gesellschaftliche Teilhabe, und das muss doch unser aller Ziel sein! (Beifall FDP) Einiges wird schon getan. Vieles ist Projektförderung, AlphaGrund zum Beispiel, ein laufendes Projekt hier in der Stadt Bremen, in Bremerhaven das AWO-Projekt GESA, das läuft. Die Volkshochschulen in Bremen und Bremerhaven bieten standardmäßig, also verstetigt Kurse in der sogenannten Grundbildung an. Wir haben auch die amtliche Stelle für Grundbildung hier. Das sind alles Maßnahmen, die sind gut und die helfen, aber sie erreichen natürlich nur einen Bruchteil derer, die betroffen sind. Deswegen müssen wir viel mehr öffentlich darüber sprechen. Wir müssen den Leuten auch die Scham nehmen, sich zu melden und zu sagen: „Ja, ich brauche Hilfe. Ich kann nicht richtig lesen und schreiben. Ich möchte das lernen, und ich möchte in so einen Kurs. Ich möchte Hilfe bekommen.“ Das heißt, wir müssen insgesamt diese Maßnahmen in einem positiven Rahmen stärker bewerben, würde ich sagen, also die Informationen weiter streuen. Wir müssen auch an die Unternehmen ran. Die Unternehmen beschäftigen ja diese Leute, wahrscheinlich mehr, als sie selbst denken. Auch da müssen wir es versuchen – vielleicht ist das sogar das Umfeld, wo man am ehesten Zugang bekommt – und sagen: „Pass mal auf, mir ist aufgefallen, dass – –. Wie wäre es, wenn wir mal gucken, was man da tun kann?“, also über Unternehmen, über die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die Kolleginnen und Kollegen an die Leute heranzutreten und zu sagen: „Es gibt Hilfen.“ Man sollte was tun. Man braucht für die gesellschaftliche Teilnahme heute hier in unserer Bundesrepublik, in unserem Bundesland mit Bremen und Bremerhaven Lesen und Schreiben. Wir wollen einfach mehr tun, deswegen haben wir heute diesen Antrag gestellt. (Beifall FDP) Erschreckend dabei war: Wir waren in der Vorbereitung dieses Antrages, und dann kam der Haushaltsentwurf, meine Damen und Herren von der Koalition, und Sie kürzen im Eckwertepapier acht Prozent der Kosten im Bereich der Grundbildung, der Grund- und Weiterbildung. Das ist, glaube ich – nein, ich weiß es –, der total falsche Weg angesichts dieser Zahlen. Ich sage es noch mal: Mindestens 54 000 Menschen in Bremen und Bremerhaven, die nicht richtig lesen und schreiben können, die sind darauf angewiesen, dass wir Angebote in der Grund- und Weiterbildung haben. Hier darf nicht gekürzt werden! Hier müssen wir die Leute ermuntern, an diesen Kursen teilzunehmen. Denn es ist nie zu spät, lesen und schreiben zu lernen. Diese Botschaft sollte heute von diesem Parlament ausgehen. – Herzlichen Dank! (Beifall FDP)
