Claudia Bernhard
Sehr geehrte Frau Präsidentin, meine sehr geehrten Damen und Herren! Es ist auch ein Gesundheitsthema, und es ist, glaube ich, gar nicht so verwunderlich, dass ich gerade verwechselt worden bin, weil Soziales hat damit sehr viel zu tun. Wir haben im Prinzip eine Situation, die uns in keiner Weise zufriedenstellen kann. Ich muss sagen, aus den letzten drei, vier, fünf Jahren wölbt sich zwar die Coronapandemie darüber, aber das hat auch durchaus Furchen gezogen, die zum Teil vorher schon da waren und die dadurch massiv verstärkt worden sind. Es bettet sich ein in das, was man so schön sagt, nur interdisziplinär zu bewältigen wäre, es bettet sich ein in so viele Fragen von Krisen, gerade bei Kindern und Jugendlichen, die es quasi in einer Weise ausbaden, wie es sich kaum in Worte fassen lässt. Krisenresilienz ist insofern auch nicht ganz einfach. Wenn ich mir die COPSY-Studie ansehe, die schon genannt worden ist: Das geht von Essstörungen, es geht von Bewegungsdefiziten über zu depressiven Erkrankungen bis hin zu Suiziden et cetera. Das haben Sie sich sicher genau angesehen, und die dritte Befragungsrunde war ja in keiner Weise erhellender als die erste. Man muss auch sagen: Es ist eine soziale Frage. Strukturell benachteiligte Kinder haben es noch extrem viel schwerer. Wenn wir da reingucken, welche Kinder und Jugendliche betrachtet – –, mit zerrütteten Familienverhältnissen, Heimkinder, auf der anderen Seite – –, muss ich aber auch sagen: Durchaus auch die in gut situierten Familien, so ist es nicht. Man darf da nicht auf der einen Seite blind sein, das stimmt. Die Versorgungssysteme sind definitiv am Limit. Mir geht es in keiner Weise darum, Schwarze-Peter-Spiele zu betreiben, aber es gibt natürlich Zuständigkeiten, die man auch ernst nehmen muss, und die sind zugewiesen. Ich möchte Ihnen nur mal sagen, mich hat erst Ende letzten Jahres wieder ein Brief erreicht, der von den niedergelassenen kinder- und jugendpsychiatrischen Praxen kam, die ganz klar gesagt haben, mit sozialpsychiatrischen Zusatzvereinbarungen, mit Sonderzulassungen reicht es hinten und vorne nicht. Die haben natürlich auch Einnahmeeinbußen, die wieder aus dieser Neupatient:innenregelung hervorgegangen sind und so weiter – in einem System, das schon grundsätzlich nicht ausreicht. Die Bedarfsplanung, das wurde hier auch gesagt, muss radikal geändert werden. Das haben wir auch im ambulanten System allgemein, dass wir praktisch mit dieser Bezirkszuweisung nicht zufrieden sein können. Gucken Sie sich die Häufungen an in den entsprechend betuchten Stadtteilen, und sehen Sie sich die Defizite in den anderen an und wir wissen, wovon wir reden. Das geht nicht länger. (Beifall SPD, Bündnis 90/Die Grünen, DIE LINKE) Das haben wir natürlich auch mit der Bremer KV diskutiert, und es ist ja nicht so, dass die völlig auf dem Schlauch steht und sagt: Wir sind zu nichts kooperativ in dieser Lage. Aber es gibt Beschränkungen, die wir auf der Ebene nicht regeln können, und es gibt auf der Bundesebene leider – –, diese Bedarfsplanung haben wir in den verschiedenen Konferenzen und auch in der GMK, also der Gesundheitsminister:innenkonferenz, immer wieder eingeklagt, und sie ist leider immer noch nicht da. Mindestens 1 600 Sitze fehlen in dem Bereich, wenn wir auf die Bundesrepublik gucken. Da hängt es leider an schweren Ketten. Es ist bitter, weil der Zeitfaktor für Kinder und Jugendliche eine exorbitante Rolle spielt. Wir gucken uns auf der einen Seite das im ambulanten System an, und wir gucken es uns auf der anderen Seite im stationären System an. Da muss ich ganz klar sagen, da tun wir im Moment wirklich, was wir können auf der Landesebene. Das wurde hier auch schon gestreift. Wir haben relativ früh erkannt, dass es im Sozialraum die Vernetzung braucht, und es wurde hier auch schon gesprochen von unseren regionalen Fachkräften für psychische Gesundheit, die sogenannten ReFaps, die jetzt in Tandems unterwegs sind tatsächlich in Nord und Süd, also vier in Bremen und ein Tandem in Bremerhaven. Sie sind verstetigt, aber ich finde, es reicht nicht. Ganz klar ist es, dass wir das darüber hinaus brauchen, und es gibt eine Zusammenarbeit, die sehr viel besser geworden ist, auch die Verschränkung mit der Landesvereinigung, die uns praktisch unterstützt. Wir haben eine enge Zusammenarbeit mit KIPSI, das ist die kinder- und jugendpsychiatrische Beratungsstelle, die gibt es auch. Wir sind an allen Ecken hinterher, das zu vernetzen, weil es muss auch im Quartier und vor Ort stattfinden. Meine Vorrednerin hat ja schon erwähnt, dass wir das zusammen mit Bildung und Soziales nur können, und das ist etwas, was wir dringend brauchen, wenn wir Kindern und Jugendlichen vor Ort helfen wollen. Ich sage noch mal an dem Punkt: Es ist in so verschiedenen Ebenen wichtig, einzugreifen und zu unterstützen: Ernstnahme, Selbstbewusstsein, geschlechtsspezifische Unterschiede, Starkmachen, das ist ja nicht nur ein Gesundheitsthema – aber eben auch. Gesundheit darf man auf gar keinen Fall immer auf eine Schublade reduzieren, und deswegen bin ich sehr froh über diese Anfrage, auch wenn sie natürlich genau diese Lücken zu Tage fördert. Wir müssen das deutlich weiter auswerten, und wir haben Zahlen und Studien, die wir auch über das Gesundheitsamt erheben, und ich bin der Meinung, dass wir das noch viel stärker zusammenführen müssen und wegen mir auch noch mal anderweitig unterstützen, das ist gar nicht die Frage. Ich bin aber auch der Meinung, dass wir vom Bund noch mal deutlich mehr Ressourcen bekommen müssen, die uns auch die Grundlagen schaffen. Leider sind an der Stelle wegen der sogenannten Krankenhausreform, die momentan alles einsaugt von den Kräften, viele andere Themen nicht mehr so im Fokus, wie es eigentlich wichtig wäre. Ich sagte schon mal, diese echte Reform ist wirklich überfällig, die Sonderbedarfszulassungen reichen nicht aus. Wir sind auch im engen Kontakt mit der Psychotherapeutenkammer und so weiter. Was es hier auf Landesebene gibt, wollen wir hinkriegen. Ich sage aber an der Stelle auch: Bei den sozialen Verwerfungen müssen wir hingucken. Es geht nicht nur um Klima. Manchmal denke ich mir, in der ganzen Hitliste von Auseinandersetzungen hätte es durchaus die Priorität eines Stahlwerks verdient. Ich meine das nicht, um das gegeneinander auszuspielen, das ist nicht der Punkt. Aber soziale Verwerfungen in unserer krisenhaften Zeit, nicht nur, was die Erwachsenen anbelangt, sondern gerade für Kinder und Jugendliche, das ist für unsere nachhaltige Entwicklung und unsere gesellschaftliche Stabilität von so exorbitanter Bedeutung, dass die harten Themen, finde ich, nicht im Vordergrund stehen sollten, sondern es müsste mindestens auf der gleichen Ebene stehen. Diese Ressourcen, die brauchen wir dringend und dafür, kann ich ganz ehrlich sagen, will ich aus meinem Herzen keine Mördergrube machen, würde ich jede Notlage immer begründen können. – Vielen Dank! (Beifall SPD, Bündnis 90/Die Grünen, DIE LINKE)
