Ute Reimers-Bruns
Sehr geehrte Frau Präsidentin, sehr geehrte Kolleg:innen, sehr geehrte Gäste! Wir debattieren die Antworten des Senats auf die Große Anfrage von Bündnis 90/Die Grünen, der SPD und DIE LINKE zum Thema psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen im Land Bremen. Zuerst bedanke ich mich für die ausführliche Beantwortung der Großen Anfrage. Sie hat Antworten gebracht, die die Fachwelt und die Betroffenen sicherlich nicht überrascht haben. Einige Fakten möchte ich herausstellen. Die in den letzten Jahren an Anzahl und Umfang zunehmenden Krisen, die unseren Alltag belasten, davon wissen wir alle leider genug zu berichten, einmal die Umwelt-/Klimakrise, die Pandemie, Ukrainekrieg, Krieg in Palästina, wirken sich in zunehmendem Maße negativ auf die psychische Gesundheit bei Kindern und Jugendlichen aus. Erste wissenschaftliche Untersuchungen zeigen eine Zunahme von psychischen Störungen und Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen, die zu Langzeitfolgen und Chronifizierung führen können. Dreiviertel aller Kinder und Jugendlichen gaben im Herbst 2022 an, dass sie unter noch mehr Stress litten als vor der Pandemie. Das ergab eine deutschlandweite Befragung von 2 500 Kindern und Jugendlichen im Rahmen, es wurde eben schon erwähnt, der sogenannten COPSY-Studie, Corona und Psyche, COPSY. Vor allem sind es Mädchen, die unter psychischen Krankheiten wie Essstörungen, Angst und Depressionen leiden, während bei Jungen häufiger Adipositas diagnostiziert wurde, laut des Kinder- und Jugendreports der Deutschen Angestelltenkrankenkasse 2022. Das bedeutet, dass es sich bei den geschilderten Belastungen für Kinder und Jugendliche um ein deutschlandweites, wenn nicht weltweites Problemfeld handelt. Wir sind uns sicherlich einig, dass, wenn eine psychotherapeutische Behandlung angezeigt ist, diese auch sehr schnell beginnen sollte. Das gilt für Erwachsene wie für Kinder und Jugendliche. Leider hat die Beantwortung der Großen Anfrage festgehalten, dass es schon vor der Pandemie vielfach Beschwerden über die langen Wartezeiten auf einen ambulanten psychotherapeutischen Behandlungsplatz im Land Bremen gab, im Bereich der Versorgung von Erwachsenen wie auch im Bereich der Kinder und Jugendlichen. Diese Situation hat sich durch die Pandemie weiter verschärft. Zwei Entwicklungen sind hierfür verantwortlich. Zum einen steigt die Zahl behandlungsbedürftiger, stark belasteter Menschen immer mehr an, und zum anderen ist die Weitervermittlung in ambulante psychotherapeutische Behandlung kaum mehr möglich. Zusätzlich belastet wird das Versorgungssystem im Land Bremen durch Versorgungsengpässe im niedersächsischen Umland. Diese Entwicklungen haben dazu geführt, dass es im Bereich der niedergelassenen Psychotherapeut:innen zu Wartezeiten von bis zu sechs Monaten und länger kommt. Diese Wartezeiten beziehen sich nicht auf die Wartezeit für eine Behandlung, für eine Therapie, diese Wartezeit bezieht sich auf den Termin, an dem die Psychotherapeutin das Kind oder den Jugendlichen zum ersten Mal in der Praxis sieht. Das heißt, es gibt eine Warteliste für einen Erstkontakt, und nicht jeder Anruf einer/eines Patient:in in einer Praxis führt dazu, dass der/die Anrufer:in auf die Warteliste kommt. Es müssen meistens viele Versuche unternommen werden, um einen Termin zum Erstkontakt zu bekommen. Des Weiteren gibt es noch die Möglichkeit, die Bremer Terminservicestelle TSS der Kassenärztlichen Vereinigung Bremen in Anspruch zu nehmen. Innerhalb einer bestimmten Frist wird dann ein Sprechstundentermin vermittelt. Aber auch hier gilt, dass es sich nicht um die Vermittlung von Therapieplätzen und Therapiezeiten handelt, sondern um einzelne Sprechstundentermine. Im Bereich der vollstationären psychotherapeutischen Behandlung mussten Kinder und Jugendliche in der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik im Jahr 2023 durchschnittlich – das wurde auch schon erwähnt – 6,3 Monate auf einen Behandlungsplatz warten. Ausnahme: In akuten für die Betroffenen und ihre Umgebung psychischen Notsituationen steht der Kriseninterventionsdienst der Kinderund Jugendpsychiatrischen Beratungsstelle und Institutsambulanz, kurz KIPSY genannt, beim Gesundheitsamt zur Verfügung. Kinder ab circa sechs Jahren können in dringenden psychischen Krisensituationen auch kurzfristig gesehen werden, gegebenenfalls kann der Krisendienst aufsuchend tätig sein. Jugendliche können sich in Krisensituationen auch selber und ohne Terminvereinbarung bei der KIPSY melden. Die Frage stellt sich nun: Warum müssen Kinder und Jugendliche derart lange auf einen ambulanten Therapieplatz warten? Die Antwort gebe ich gleich dazu. – Danke schön! (Beifall SPD, Bündnis 90/ Die Grünen)
