Maja Tegeler
Sehr geehrte Frau Präsidentin, liebe Kolleg:innen und Gäste! Zunächst mal vielen Dank an die Grünen für diesen Aufschlag zu der Großen Anfrage, zu diesem wirklich wichtigen und sensiblen Thema. Meine Vorrednerin, die Kollegin Tell, hat es schon gesagt, dass wir bei den Versorgungsstrukturen dringend vorankommen müssen. Das sagen die Antworten auf die Große Anfrage auch sehr deutlich. Warum ist das so? Aus den neuesten Ergebnissen der COPSY-Studie, die die Auswirkungen der Coronapandemie auf Kinder und Jugendliche untersucht, wissen wir ganz klar, dass der Anteil der psychisch stark belasteten Kinder und Jugendlichen bei 28 Prozent liegt. Das ist immer noch fast doppelt so viel wie vor der Pandemie. Das muss uns alarmieren. Auf den Punkt gebracht bedeutet das, dass in einer Schulklasse mit 20 Kindern fünf bis sechs Schüler:innen psychisch belastet sind. Damit müssen wir erst mal klarkommen. Die Antworten – auch das hat meine Vorrednerin gesagt – auf die Große Anfrage sagen uns, dass die Versorgungsstrukturen dieser Herausforderung derzeit nicht gerecht werden, in Bremen nicht, in Bremerhaven nicht. Wenn wir im ambulanten und stationären Bereich im Durchschnitt Wartezeiten von einem halben Jahr und länger haben, muss uns auch das alarmieren, weil ein halbes Jahr zu warten, während man sich in einer psychischen Krise befindet, kann im Zweifelsfall den Ausschlag auf den gesamten weiteren Lebensentwurf machen. (Beifall DIE LINKE) Das muss uns allen klar sein, und dieses Risiko können und wollen wir nicht hinnehmen. In folgenden Minuten werde ich Ihnen darstellen, was aus unserer Sicht an der Versorgung verbessert werden müsste, was bereits getan ist und wo wir Versorgungslücken schließen können und auch wollen. Ich hoffe, ich nehme da nicht zu viel meiner Senatorin vorweg, aber einige Punkte setzen wir da schon. Das erste Problem: Die derzeitige psychotherapeutische Bedarfsplanung ist ungeeignet, um eine ausreichende Versorgung sicherzustellen. Das liegt zum einen daran, dass die Versorgungsplanung im Grundsatz auf einer Festschreibung des Verhältnisses von Psychotherapeut:innen zu Patient:innen von vor über 20 Jahren, nämlich 1999 festgelegt ist. Damals hat man einfach angenommen, dass die bestehende Anzahl an Therapeut:innen dem Behandlungsbedarf der Bevölkerung entspricht, ohne überhaupt wissenschaftlich zu prüfen, ob das auch tatsächlich stimmt. Dieses Verhältnis wird seitdem einfach nur fortgeschrieben und lediglich an die demografische Entwicklung angepasst und die Krankheitslast in der Bevölkerung mit einbezogen. Dass in der Praxis sehr viele Menschen derzeit sehr lange auf einen Behandlungsplatz warten oder überhaupt keinen Platz finden, spielt dabei aber keine Rolle und führt leider bisher nicht zu mehr Therapieplätzen. Eine solche Bedarfsplanung klingt nicht nur völlig willkürlich und absurd, sie ist es offensichtlich auch. Daher muss sie dringend überarbeitet werden. (Beifall DIE LINKE) Das aber geht nur auf Bundesebene, was nicht heißt, dass wir aus Bremen nicht trotzdem Druck machen können, dass dies auch passiert. Bremen hat sich hier im Rahmen der Gesundheitsminister:innenkonferenz bereits in der Vergangenheit immer wieder eingesetzt und wird es sicherlich auch zukünftig tun. Das zweite Problem: Die Therapeut:innen sind nicht bedarfsgerecht über die Stadtteile verteilt. Zu Beginn meiner Rede habe ich ja schon erwähnt, dass Kinder und Jugendliche aus sozial schlechter gestellten Haushalten psychisch stärker belastet sind, Ausnahmen bestätigen die Regel. In Stadtteilen mit hohen Armutsquoten haben wir also logischerweise einen höheren Versorgungsbedarf. Wir bräuchten dort mehr Therapeut:innen. In der Realität ist es aber genau umgekehrt. In den Stadtteilen mit hohen Armutsquoten gibt es deutlich weniger Angebote als in sozial besser gestellten Stadtteilen. Das liegt daran, dass derzeit auch in diesem Feld nur auf der Ebene von Bremen und Bremerhaven geplant wird. Wir bräuchten also auch in diesem Kontext eine kleinräumigere KVPlanung, die auch die Versorgungslage in den Stadtteilen berücksichtigt. Das fällt in den Verantwortungsbereich der Kassenärztlichen Vereinigung (KV), die dies in der Vergangenheit aber immer abgelehnt hat, weil sie die Wegezeiten zwischen den Stadtteilen für zumutbar hält. Das mag für einige Stadtteile stimmen, die direkt nebeneinanderliegen. Wenn man aber in Gröpelingen wohnt und einen Therapieplatz im Viertel angeboten bekommt, braucht man für eine Fahrt etwa 45 Minuten. Ich halte das für unzumutbar für Kinder und Jugendliche in psychischen Krisen. (Beifall DIE LINKE) Zudem wissen wir ja, dass insbesondere Menschen in Armut häufig weniger mobil sind, allein schon, weil die Fahrt zum:r Therapeut:in Geld kostet. Daher werden wir auch weiter hier Druck machen, dass eine kleinräumigere Planung in Bremen umgesetzt wird. Für weitere Punkte komme ich in einer zweiten Runde wieder, weil meine Zeit jetzt um ist. (Beifall DIE LINKE, SPD, Bündnis 90/Die Grünen)
