Sascha Karolin Aulepp
Sehr geehrte Frau Präsidentin, meine sehr verehrten Damen und Herren! Das Schöne ist, dass ich hier in der Debatte eine große Einigkeit in der grundlegenden Frage wahrnehme, dass wir mehr Unterstützung für unsere Kinder brauchen. Das freut mich. Doch, an der Stelle, glaube ich, gibt es Einigkeit, dass wir mehr Unterstützung für unsere Kinder brauchen. Wenn da die CDU doch nicht mit mir einig sein sollte, ich weiß nicht, wer das gerade gesagt hat – –. (Zuruf CDU) Genau, das hoffe ich doch sehr! Auch in der Bereitschaft, sich den Herausforderungen zu widmen, weil wir wissen, dass Sprachentwicklung der wesentliche Grundstein für eine gelingende Bildungsbiografie ist und deswegen schon vor der Einschulung erfolgen muss, und zwar besonders und vor allem bei Kindern mit besonderem Sprachförderbedarf, weil Kinder eben am besten gemeinsam mit anderen Kindern, im Übrigen auch von anderen Kindern lernen. Deshalb ist der Besuch einer frühkindlichen Bildungseinrichtung für alle Kinder wichtig, aber vor allem für die mit besonderem Sprachförderbedarf, und zwar einer frühkindlichen Bildungseinrichtung, weil Kinder in frühem Alter anders lernen, als wenn sie im Grundschulalter sind. Wir wissen, dass die immensen Herausforderungen der Kinder und Jugendlichen, übrigens auch anders als in Hamburg, nur, weil gerade der Vergleich zwischen Bremen und Hamburg Thema war – –. Natürlich hat Hamburg eine völlig andere Sozialstruktur und damit auch völlig andere Herausforderungen und Belastungen bei den Kindern und Jugendlichen. Auch an der Stelle kann man sich das einfach mal in der Statistik angucken und auch, wie sich das geändert hat. Dazu kommt, dass sich die Kinderzahlen in den letzten zehn Jahren drastisch erhöht haben, übrigens entgegen aller Prognosen. Da war immer noch von demografischer Rendite die Rede und der Frage, ob wir Bildungseinrichtungen schließen müssen, und zwar dann auch noch stadtteilmäßig unterschiedlich. Zum Beispiel leben in Blumenthal heute rund 1 000 Kinder unter sechs mehr als vor zehn Jahren. In Huchting und in Gröpelingen sind es deutlich über 700 Kinder unter sechs Jahren mehr. Da kann man sich ausrechnen, wie viele zusätzliche Kitagruppen, wie viele zusätzliche Krippengruppen und wie viele zusätzliche Grundschulklassen in diesen Stadtteilen demnächst nötig sein werden. Das sind auch die Stadtteile, in denen die Sprachförderbedarfe der Kinder am höchsten sind. Ich würde an der Stelle gerne noch einmal sagen, diese Kinder sind nicht sozial schwach. Ihre Familien sind auch nicht sozial schwach, sondern die sind im Gegenteil sozial durchaus stark und kompetent. (Beifall SPD, Bündnis 90/Die Grünen, DIE LINKE) Die kommen nur aus anderen und aus schwierigeren Verhältnissen. Die kommen zum Teil auch aus anderen Ländern, sprechen also ihre eigene Muttersprache, aber eben noch nicht gut genug Deutsch und brauchen deshalb besondere Unterstützung. Aber da sind wir uns ja wieder einig. Wie schaffen wir es jetzt aber, diese Kinder so zu fördern, dass sie einen guten Abschluss schaffen, dass sie im Leben gut zurechtkommen und ihre Potenziale verwirklichen können? Meine Damen und Herren Abgeordneten, es ist hier schon mehrfach gesagt worden, wir haben uns für das Kitabrückenjahr entschieden, also dafür, dass der Kitabesuch für Kinder mit Sprachförderbedarf als Sprachfördermaßnahme verpflichtend ist und dass diese Kinder durch die Änderung des Aufnahmeortsgesetzes Vorrang bei der Aufnahme haben. Auch, wenn es die Kollegin Abgeordnete Miriam Strunge gerade schon gesagt hat: Vielleicht ist das noch nicht so deutlich angekommen. Was wir dadurch geschafft haben, ist, dass wir Hunderte Kinder in die Kita gebracht haben, die ansonsten keine Chance gehabt hätten. (Beifall SPD, Bündnis 90/Die Grünen, DIE LINKE) Für diese Kinder scheint mir das durchaus ein Erfolg zu sein. Die sollen nämlich in den Kitas gemeinsam mit anderen Kindern lernen, spielen, sich streiten und dabei spielend oder auch streitend Sprache lernen, und da sollen sie auch nach ihren Bedarfen zusätzliche Sprachförderung bekommen. Da stecken Mittel drin, das ist hier auch schon gesagt worden. Wir wollen keine Einrichtungen nur für Kinder mit Sprachförderbedarf schaffen, weil es wichtig ist, dass alle Kinder gemeinsam ihren Alltag erleben und im Rahmen einer gemeinsamen Kita so gefördert werden, wie es nötig ist. Dieser Kitabesuch macht bei der Sprachentwicklung der Kinder einen himmelweiten Unterschied. Das können Sie mir glauben, müssen mir aber auch nicht glauben, ich bin ja hier die zuständige Senatorin, aber das bestätigen uns die Kitas, das bestätigen uns die Grundschulen. Herr Strohmann, wenn Sie eben gerade in die Debatte eingeworfen haben, dass man das Kitabrückenjahr nicht weitermachen sollte, sondern lieber ein anderes Modell, weil es schlecht ist: Das kann ich überhaupt nicht nachvollziehen. Reden Sie mal mit den Kolleginnen und Kollegen in den Kitas, reden Sie mal mit den Kolleginnen und Kollegen in den Grundschulen, ob das was bringt, wenn Kinder vorher in der Kita sind, oder nicht. Ich glaube, das ist ziemlich eindeutig, was die Ihnen sagen werden. (Beifall SPD – Zurufe Abgeordnete Yvonne Averwerser [CDU] – Zuruf Abgeordneter Rainer Bensch [CDU]) Noch ein Hinweis, vielleicht können wir da ja noch mal – –, wer, wo, was verdreht hat, im intensiven Austausch bei einem Kaffee oder so – –. Natürlich kann ein Jahr Kita die Unterschiede zwischen den Kindern nicht vollständig ausgleichen, und natürlich heißt das, dass dieses eine Jahr zusätzlich Kita nur bedingt wirkt. Ich meine, ist doch logisch, dass das nicht reicht. Da jetzt zu sagen, das wirkt zwar, aber das gleicht nicht alles aus und deswegen nur bedingt und daraus zu folgern, das sei schlecht, das finde jetzt wiederum ich eine Verdrehung. Im Übrigen hört die Sprachförderung deshalb ja auch nicht mit der Einschulung auf. (Beifall SPD, Bündnis 90/Die Grünen) Jetzt wird vorgeschlagen, eine nullte Klasse an den Grundschulen einzuführen, aber nur für die Kinder mit Sprachförderbedarf. Ich habe das hier in der letzten Debatte zum Thema auch schon gesagt und Miriam Strunge hat es auch noch mal plastisch geschildert: Wir haben in Bremen massiv steigende Kinderzahlen unter sechs aber natürlich auch die Sechsjährigen und Siebenjährigen, die jetzt in die Grundschule kommen. Wir haben Grundschulen wie in Lüssum, die mussten innerhalb von kürzester Zeit von einer zweizügigen zur fünfzügigen Grundschule wachsen. Da zu sagen: „Könnt ihr bitte noch einen zusätzlichen Jahrgang unterbringen?“, weil natürlich ist das dann auch so eine Schule, wo viele Kinder mit Sprachförderbedarf sind, das kann von Ihnen keiner wollen, da bin ich mir total sicher. Jetzt zu sagen, aber bei zwei Grundschulen, da müsste es doch gehen, das müsstet ihr doch schaffen, das finde ich nicht sehr konsequent, weil selbst, wenn man einen Modellversuch macht, dann macht man den ja nicht, um den nur ein Jahr zu machen oder zwei (Zuruf Abgeordneter Frank Imhoff [CDU]) und keine anderen Schulen teilhaben zu lassen, sondern dann will man das auch ausrollen. Von daher finde ich auch den Hinweis, mit zwei Schulen wird es schon gehen, mäßig konsequent. (Beifall SPD, Bündnis 90/Die Grünen) Wo wir uns aber wieder einig sind, ist, dass wir alle Möglichkeiten nutzen wollen und auch nutzen müssen, um die Kinder zu fördern, und zwar an den unterschiedlichen Orten, räumlich und auch von den Bildungsinstitutionen her. Wir haben in Bremen seit etlichen Jahren an den Schulen das Vorklassen- oder Vorkurssystem für Kinder, die erst seit Kurzem in Deutschland leben und deshalb erst mal besondere Unterstützung beim Deutsch Lernen brauchen, übrigens auch für die, die nicht in die erste Klasse eingeschult werden, sondern weil sie schon deutlich lebensälter sind, eben in einer anderen Schule. Diese Erfahrung, die wir da gemacht haben, die wollen und können wir uns ja auch nutzbar machen für Angebote rund um die Einschulung, je nachdem, was vor Ort möglich ist. Wir haben natürlich auch für Kinder vor der Einschulung, die nicht die Kita besuchen, an unterschiedlichen Standorten Angebote, und das findet durchaus auch in Grundschulen statt, in der Grundschule an der Wigmodistraße, in der Grundschule an der Delfter Straße und in der Grundschule an der Stichnathstraße zum Beispiel, und das findet auch im Rahmen von Angeboten von „Soziales Lernen im Quartier“ statt. Es geht eben nicht darum, zu sagen, es gibt ein allein seligmachendes Modell, sondern es geht darum, schnell umsetzbare Lösungen zu schaffen. Ja, wir haben es noch nicht geschafft, für jedes Kind einen Kitaplatz zur Verfügung zu stellen, weil die Kinderzahlen schneller wachsen als die Kitas. Die wachsen auch nicht, die müssen gebaut werden, und was vor allen Dingen nicht wächst und schon gar nicht an Bäumen, ist das Personal, was in den Kitas und im Übrigen auch in den Schulen mit den Kindern arbeitet. Das bräuchten wir ganz unabhängig davon, ob das eine Vorschulklasse ist oder eine Kitagruppe. Für dieselben Kinder bräuchten wir Personal, und das brauchen wir für alle Kinder und nicht nur für ein Modellprojekt von zwei Schulen. Das bekommen wir nur dadurch, dass wir neue Wege öffnen, neue Wege gehen, mehr Menschen für die Arbeit in Kitas und Schulen gewinnen, und ja, uns auch darüber auseinandersetzen, dass diese Menschen erst mal eine andere Qualifikation und eine geringere Qualifikation haben als die Erzieherinnen und Erzieher und die Lehrkräfte, die wir ansonsten in Schule haben. Das ist notwendig, und da freue ich mich sehr auf die Unterstützung auch durch die Opposition, da den Rücken geradezumachen und das entsprechend auch durchzusetzen. (Beifall SPD, Bündnis 90/Die Grünen) Vielleicht, weil ich das gerade gesagt habe mit „Soziales Lernen im Quartier“: Die Kolleginnen und Kollegen, die bei den Vegespatzen die Sprachförderung machen, die machen das ja nicht in dem Moment schlechter, wo sie in der Kita arbeiten, sondern die müssen wir eben an allen Ecken und Enden einsetzen. Was wir aber auch brauchen, und das ist durchaus auch noch was, wo wir das Kitabrückenjahr noch weiter ausschärfen und festigen müssen, ist, dass wir die Verbindlichkeit des Kitabesuchs für Kinder mit Sprachförderbedarf noch stärker verdeutlichen müssen gegenüber den Einrichtungen und Trägern, aber auch gegenüber den Eltern, weil auch, wenn Eltern immer das Beste wollen für ihre Kinder, wissen sie manchmal eben nicht, was das Beste ist und vielleicht auch nicht, wo es dieses Beste für ihre Kinder gibt. Deswegen müssen wir da Überzeugungsarbeit leisten, und deswegen müssen wir da – und das tun wir auch – Aufklärungsarbeit leisten, gezielt informieren, gezielt zu den PRIMO-Tests einladen, noch mal einladen und dann auch direkt vorbeigehen und sagen: „Das ist wichtig für dein Kind“. Sie schlagen ja jetzt Ihre Idee nicht mal als Patentrezept vor. Wenn man ein Modellprojekt vorschlägt, dann sagt man auch, könnte sein, dass dabei, wenn man das mal ausprobiert, rauskommt, dass es vielleicht (Zuruf Abgeordneter Heiko Strohmann [CDU]) doch nicht so gut funktioniert. Ich würde Sie trotzdem bitten, dass wir den jetzt gewählten Weg erst mal weiter festigen, in der weiteren Umsetzung ausschärfen und nicht direkt das nächste Modell ausprobieren, nur, weil wir sagen, wir haben es in zwei Jahren, also zwei Jahrgängen nicht geschafft, dass wir an der Stelle voll und ganz am Ziel sind. Ich glaube, dass es notwendig ist, nicht Modelle oder Säue oder irgendwas durchs Dorf zu treiben gilt, sondern zu sagen, das ist ein Weg, ein Weg der frühkindlichen Bildung, in Kitas kriegen Kinder Sprache beigebracht, die kriegen da eine entsprechende Unterstützung. Dafür brauchen wir Räume, da haben wir noch Räume, dafür brauchen wir Personal, das bräuchten wir in den Grundschulen auch, wo wir im Übrigen die Räume nicht haben. Lassen Sie uns an der Stelle weiter konstruktiv kritisch miteinander ringen und uns darüber auseinandersetzen und dabei auch in den unterschiedlichen Formaten zusammenarbeiten. Das findet ja auch schon statt, vielleicht nicht unbedingt hier im Plenarsaal, wo man sich dann doch noch mal gegenseitig die unterschiedlichen Modelle, wie auch immer um die Ohren haut, aber dass wir gemeinsam gesagt haben, ja, wir wollen gucken, wie wir mehr Menschen in die Erziehungsberufe bekommen, wie wir da zu einer größeren Ausbildungskapazität kommen und eben auch andere Bevölkerungsgruppen erschließen. Da weiß ich, da arbeitet die CDUFraktion aktiv und konstruktiv mit, sehr kritisch, ist ja auch richtig. Ich glaube, das ist der Weg, den wir gehen müssen, pragmatisch und unideologisch und den Rahmenbedingungen Bremens entsprechend, um den Kindern die Förderung angedeihen zu lassen, die sie verdienen. – Herzlichen Dank! (Beifall SPD, Bündnis 90/Die Grünen, DIE LINKE)
