Miriam Strunge
Sehr geehrte Frau Präsidentin, meine Damen und Herren! Falls einige von Ihnen im Raum heute den Eindruck bekommen, sie hätten meine Argumente schon mal gehört, oder ich würde mich vielleicht wiederholen, kann ich Ihnen nur sagen: Ja, das stimmt, denn die CDU legt heute wieder eine alte Idee aus der letzten Legislaturperiode vor, die wir auch damals ausführlich in zwei Debatten – zuletzt vor ungefähr zwei Jahren – debattiert haben. In den letzten zwei Jahren hat sich jetzt an den Argumenten aber eigentlich gar nicht so viel verändert, die Situation hat sich auch nicht so deutlich verändert. (Abgeordneter Frank Imhoff [CDU]: Nur die Zahlen sind schlechter geworden!) Herr Imhoff, es war ja ganz interessant, Ihnen zuzuhören, aber Sie haben sich ja auch so in Rage geredet, dass Sie gar nicht geschafft haben, zu erklären, was Sie jetzt eigentlich wollen. Das kommt ja erst in Ihrem zweiten Redebeitrag. Ich muss natürlich darauf eingehen, (Beifall DIE LINKE, SPD) also muss ich jetzt schon mal vorgreifen. Sie wollen ein Modellprojekt, wo Sie an zwei ausgewählten Grundschulen eine Vorschule etablieren und das nach Hamburger Vorbild. Warum Sie einfach dieses Hamburger Vorbild kopieren wollen, sich nicht mit den Gegenargumenten auseinandersetzen, sondern jetzt einfach nur noch mal so eine kleine Version von dem, was Sie vor zwei Jahren gefordert haben, hier auf den Weg bringen, das weiß ich auch nicht so genau, aber ich nehme mir trotzdem total gerne die Zeit, um Ihnen noch mal zu erläutern, warum das Vorschulsystem nach dem Hamburger Vorbild hier für Bremen keine Option ist. Erstens schafft eine Vorschule einen zusätzlichen Übergang, und das halten wir für pädagogisch falsch. Das bedeutet nämlich, dass die Kinder, wenn sie fünf Jahre alt sind, aus ihrer Kitagruppe in eine Vorschule wechseln. Mit sechs Jahren werden sie dann zur Einschulung wieder mit anderen Kindern in dem ersten Jahrgang neu zusammengestellt, denn die Gruppen ändern sich natürlich, weil das ja eben nicht eins zu eins die gleiche Gruppe bleibt. (Abgeordneter Frank Imhoff [CDU]: Und warum ist das schwierig?) Das ist dann wieder ein weiterer Übergang für die Kinder. Das finden wir nicht sinnvoll, weil gerade Kinder, die einen hohen Förderbedarf haben, natürlich auch stabile soziale Beziehungen benötigen, um sich sicher zu fühlen und sich auch auf die Lernprozesse überhaupt einlassen zu können. Dieser Gruppenwechsel, den die CDU möchte, den halten wir für kontraproduktiv. (Beifall DIE LINKE, SPD) Zweitens, das hat auch Frau Kretschmann schon angesprochen, die Vorschulklassen sind exklusiv. In ihnen sammeln sich dann die Kinder mit Sprachförderbedarf. Das führt aber dazu, dass auf der einen Seite diese Kinder sehr früh eine Ausgrenzungserfahrung machen, die wir ihnen auf jeden Fall ersparen möchten, und außerdem ist es ja auch immer das Ziel, dass man von Sprachvorbildern lernt. Wenn aber in einer Vorschulklasse gar nicht die Sprachvorbilder sind, dann können sie auch nicht voneinander lernen. In einer gemischten Kitagruppe oder in einer inklusiven Schulklasse funktioniert das viel besser aber nicht in einer exklusiven Vorschulklasse. Dieses exkludierende Hamburger Modell passt einfach nicht zum deutlich inklusiveren Schulsystem hier in Bremen. (Beifall DIE LINKE) Die CDU will Exklusion, die Koalition Inklusion. Drittens ist aktuell, glaube ich, wirklich so ungefähr der ungünstigste Zeitpunkt, um strukturelle Veränderungen wie eine Vorschule vorzunehmen. Denn auch die abgespeckte Version der CDU, die sie jetzt vorstellt, diesen Modellversuch, da muss man sich mal anschauen, in welcher Situation wir gerade stehen. Diesen und nächsten Sommer werden die größten Geburtenjahrgänge seit den Achtzigerjahren eingeschult. Das ist doch allein schon ein absoluter Stresstest für die Grundschulen. Denen jetzt auch noch die Zusatzaufgabe zu geben, einen Modellversuch umzusetzen mit entsprechendem Personal-, Raum- und Ressourcenbedarf, das halte ich, ehrlich gesagt, für verantwortungslos. (Beifall DIE LINKE, SPD) Natürlich ist auch klar, wenn ich grundsätzlich eine Vorschule nicht für sinnhaft halte, dann halte ich natürlich auch nicht die Idee für sinnhaft, hier einen Modellversuch zu machen. Deswegen müssen wir den Antrag der CDU heute in jedem Fall ablehnen. Wovon wir aber überzeugt sind, ist, dass die frühkindliche Bildung die Voraussetzung für einen guten Einstieg in die Schule schafft. Aber dafür brauchen wir eben kein neues System, sondern wir stärken das System Kita, das wir bereits haben und das wir schätzen. Was ja auch ganz interessant ist, was ja auch in diesem Antragsnamen deutlich wird, wenn die CDU von „Frühes Lernen“ spricht, dass die CDU anscheinend eine Festlegung hat, dass Lernen nur im schulischen Kontext stattfindet. Das ist aber doch ein völlig veraltetes Modell. Lernen findet selbstverständlich auch in der Kita statt, und deswegen ist die Kita auch der Ort, wo wir die Kinder gut für die Schule vorbereiten können, und daran halten wir fest. (Beifall DIE LINKE, SPD) Letzter Satz: Unsere Alternative zur Vorschule ist das Kitabrückenjahr. – Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit! (Beifall DIE LINKE, SPD)
