Antje Grotheer
Als nächste Rednerin die Abgeordnete Dr. Franziska Tell. Abgeordnete Dr. Franziska Tell (Bündnis 90/Die Grünen): Sehr geehrte Frau Präsidentin, sehr geehrte Kolleg:innen! Ich denke, es ist klar, wenn wir die Ergebnisse der PISA-Studie sehen, dass das richtig bitter ist. Das ist richtig bitter für all die Schüler:innen, die ja hinter diesen Zahlen und diesen Statistiken stehen, richtig bitter für die Schüler:innen, deren Chancen an diesen Zahlen hängen, deren Schicksale dahinter hängen und für die diese Zahlen bedeuten, dass ihnen in der Zukunft vielleicht verwehrt wird, das zu tun, was sie machen wollen, denn die Bildung ist am Ende der Schlüssel dafür, im Leben gut zurechtzukommen, einen guten Job machen zu können, die Ausbildung oder das Studium machen zu können, was man wirklich machen möchte. Darum sind diese Nachrichten aus der PISAStudie wirklich erschreckend und sehr bitter. Aber leider sind sie auch nicht völlig überraschend, das wurde heute auch schon gesagt, denn es ist ja nicht so, als wäre das eine neue Veränderung. Es ist vielmehr ein Trend, der schon über viele Jahre zu sehen ist. Auch das ist bitter, denn es zeigt, dass insgesamt in Deutschland bisher nicht genug getan wurde, um diesem Trend entgegenzuwirken und diesen Trend nach unten aufzuhalten und ihn umzukehren, dafür zu sorgen, dass Schüler:innen wieder die Chancen erhalten, die sie brauchen. Das ist besonders auch deswegen bitter, weil wir sehen, dass es am Ende ganz oft von dem Elternhaus der Schüler:innen abhängt, davon abhängt, welche Bedingungen sie vorher haben, was ihre Eltern an Unterstützung bieten können oder eben nicht. Das darf so nicht bleiben, das muss sich dringend ändern, damit alle Schüler:innen die gleichen Chancen erhalten und dass es entkoppelt wird von ihrem sozioökonomischen Hintergrund. (Beifall Bündnis 90/Die Grünen, DIE LINKE) Die Studie präsentiert jetzt sehr ausgiebig die Lernsituation der Schüler:innen, beziehungsweise die Problematiken. Was jetzt schön wäre, wäre, wenn wir nicht nur diese eindeutigen Ergebnisse hätten, sondern gleich auch noch ein eindeutiges Ergebnis, wie wir jetzt damit umgehen müssen, denn das ist es ja, worum es am Ende geht. Es geht ja auch hier in der Debatte heute nicht darum, zu diskutieren, wie die Ergebnisse der Studie sind, sondern eigentlich darum: Was müssen wir politisch tun, damit sich da etwas ändert? Es wäre toll, wenn wir jetzt eine Studie hätten, die uns einfach sagen würde, das ist der Weg, das muss jetzt passieren, dann wird alles besser. Aber so leicht funktioniert es eben nicht. Natürlich können wir uns jetzt die anderen Länder angucken, die in der PISA-Studie deutlich besser abgeschnitten haben als Deutschland, aber dann einfach zu sagen, wir machen das jetzt genauso, geht auch nicht, denn die Grundbedingungen in den verschiedenen Ländern sind eben sehr unterschiedlich aufgrund verschiedener gesellschaftlicher Konstellationen, auch aufgrund von Größen der Länder, der Nationen und so weiter. Es gibt ganz viele Faktoren, die da hineinspielen, weswegen es nicht einfach möglich ist, jetzt die Bildungspolitik der anderen Länder zu kopieren. Ich glaube aber schon, dass es möglich ist, trotzdem noch mal sehr genau zu gucken: Was sind eigentlich Best-Practice-Beispiele? Was läuft in anderen Ländern gut? Was funktioniert da gut? Wie ist das zum Beispiel mit der Rolle von langem Lernen, gemeinsamem Lernen, nicht nach der fünften Klasse die Klassen auseinanderzureißen, sondern bis zur achten, neunten, zehnten Klasse gemeinsam lernen zu können, was alle Schüler:innen unterstützt? Das sind Beispiele aus Ländern, die in der PISAStudie deutlich besser abgeschnitten haben, und das sollten wir uns angucken. (Beifall Bündnis 90/Die Grünen) Auch, wenn wir jetzt keine Studienergebnisse haben, die uns klar sagen: Das müssen wir tun, ist, denke ich, schon deutlich oder wissen wir ja auch aus den Studien, die wir in Bremen haben, dass ein relevanter Bereich der Bereich der Sprachförderung ist. Da möchte ich noch mal ganz klar sagen, dass es bei der Sprache nicht darum geht oder bei der fehlenden Sprachfähigkeit von Schüler:innen oft nicht nur darum geht oder nicht nur das Problem ist, dass sie aus einem Elternhaus kommen, in dem vielleicht kein Deutsch gesprochen wird, sondern das das Problem der Sprachförderung oder der Sprachförderbedarfe sehr viel weiter geht. Auch viele Schüler:innen, die mit der Muttersprache Deutsch aufwachsen, haben heute große Probleme mit der Sprache, (Abgeordnete Dr. Henrike Müller [Bündnis 90/Die Grünen]: Allerdings!) was mit vielen anderen Faktoren zusammenhängt wie dem Medienkonsum, wie vielen anderen Aspekten, dass zu Hause nicht mehr gelesen und vorgelesen wird. Darum müssen wir die Sprachförderung angehen, und zwar umfassend und für alle Kinder. (Beifall Bündnis 90/Die Grünen, SPD, DIE LINKE) In Bremen wurden im Bereich der Sprachförderung erste Schritte gemacht. Wir haben einen Plan, wie es passieren soll, wir haben ein Sprachförderkonzept aufgesetzt. (Abgeordneter Prof. Dr. Hauke Hilz [FDP]: Ein Plan reicht aber nicht!) Das ist genau richtig, der Plan reicht nicht, das wollte ich gerade sagen, vielen Dank für dieses Vorwegnehmen meiner Worte. Der Plan reicht nicht. Wir müssen jetzt schnell in die Umsetzung kommen, dass das Sprachförderkonzept eben auch umgesetzt wird, dass es bei allen Schüler:innen ankommt und das wir nicht nur in einzelnen Schulen mit ersten Modellen starten, sondern das schnell ausgerollt und ausgeweitet wird, dass die Sprachförderung überall ankommt. (Beifall Bündnis 90/Die Grünen, DIE LINKE) Diese Sprachförderung, und das wurde heute auch schon gesagt, beginnt sehr früh. Sie beginnt mit der frühkindlichen Bildung und damit in der Kita. Jetzt wurde eben schon wieder das Thema Kita-Brückenjahr versus Vorschuljahr angesprochen. Das können wir gern auch noch weiter diskutieren, werden wir sicherlich auch, das weiß ich auch aus schon vorliegenden Anträgen. Aber ich glaube, der entscheidende Punkt bei der Diskussion ist ja gar nicht, was ist das Modell, sondern wie kommt die Förderung bei allen Kindern an? Darum müssen wir jetzt dafür sorgen, dass die Sprachförderung in den Kitas deutlich mehr verbessert wird und auch, dass wir dafür sorgen, dass die Kinder früher in die Kita kommen und nicht erst im letzten Jahr vor der Schule. Denn am Ende passiert Sprachbildung bei Kindern insbesondere in den ersten Lebensjahren, zwischen ein und vier Jahren, ungefähr, oder ein und fünf Jahren. Das ist die Zeit, in der die Sprachbildung wirklich passiert, und in der es für die Kinder richtig leicht ist, auch eine neue Sprache zu lernen. Da ist es überhaupt gar kein Problem für ein Kind, auch noch eine zweite oder dritte Sprache im Kindergarten aufzunehmen. Das passiert ganz von selbst. Das müssen wir mehr fördern, dass wir für die Kinder ausreichend Kitaplätze haben und sie die Sprachförderung dann dort erhalten können, die Sprache lernen können und damit gut überhaupt erst in das Bildungssystem Schule starten können mit der frühkindlichen Bildung. (Beifall Bündnis 90/Die Grünen, DIE LINKE) Der zweite Schritt in der Sprachförderung ist es dann, dafür zu sorgen, dass auch in den Schulen die Maßnahmen verstetigt werden, dass sie überall ankommen und auch, dass wir genau darauf schauen: Welche Maßnahmen haben wir, und wie wirken diese Maßnahmen eigentlich? Denn es gibt ja immer viele Ideen, das habe ich vorhin schon gesagt. Wir können uns viele Beispiele angucken, wir müssen aber auch gucken: Welche Beispiele funktionieren eigentlich in Bremen? Wir brauchen also ein gutes Monitoring von anlaufenden Fördermaßnahmen, wir müssen genau gucken: Wie funktionieren diese Maßnahmen? So ein Monitoring, das wurde jetzt auch vorgestellt, gab es im Bereich des Förderprogramms „Mathe sicher können“. Das brauchen wir weiterhin, das brauchen wir auch im Rahmen der Sprachförderung. Darum ist es gut, dass wir mit dem Institut für Qualitätsentwicklung im Land Bremen, IQHB, jetzt auch ein Institut haben, was sich genau mit solchen Dingen beschäftigen kann, was wir bestärken müssen, dafür sorgen müssen, dass wir alles, was wir an bildungsunterstützenden Maßnahmen in die Schulen bringen, auch so monitoren, dass wir an den Schrauben drehen können, wenn etwas noch nicht so gut läuft und die Sachen, die wirklich gut laufen, effizient überall anbringen können. Soweit vielleicht zu dem Bereich Sprachförderung und Förderung der Bildung. Ich möchte aber auch noch mal einen anderen Baustein, der in der PISA-Studie aufgenommen wird, aufgreifen. Denn das, was groß diskutiert wird, ist immer das Thema der Leistungen, der Leistungen der Schüler:innen und der schlechten oder abfallenden Leistungen der Schüler:innen. Aber in dieser Studie werden auch andere Aspekte beleuchtet. Diese Studie beleuchtet zum Beispiel auch die Situation der Schüler:innen, die Zufriedenheit der Schüler:innen, die Lebenszufriedenheit der Schüler:innen, und ich finde es erschreckend und beängstigend, wenn gesagt wird, dass 22 Prozent der Schüler:innen mit ihrer Situation, mit ihrem Leben unzufrieden sind, wenn zwölf Prozent der Schüler:innen sagen, dass sie sich einsam und als Außenseiter in der Schule fühlen. Das zeigt, dass wir auch da in der Bildungspolitik noch mal andere Aspekte aufgreifen müssen. Das heißt, wir dürfen nicht immer nur auf das Thema Leistung gucken, sondern wir müssen auch gucken: Wie können wir eigentlich die Situation in der Schule insgesamt verbessern? Wie können wir dafür sorgen, dass Schule zu einem Ort wird, an dem die Schüler:innen gern lernen, in Projekten, in aufregenden Momenten, in Situationen, die eben nicht einfach nur frontaler langweiliger Unterricht sind, dass sie auch erlernen und erfahren, dass diese Sachen Spaß machen können? Denn im Bereich Mathematik und Naturwissenschaften zum Beispiel ist es ja oft so, dass viele Schüler:innen gleich von Anfang an sagen, das ist so schwer, das kann ich nicht, das interessiert mich auch nicht, das ist auch langweilig, vielleicht, und das ist es ja gar nicht. Aber es wird eben dann spannend, Mathematik wird dann spannend, wenn man mit praktischen Beispielen, praktischen Projekten in die Schule geht. Auch diese Dinge müssen wir fördern. Wir müssen verschiedene Bereiche mehr zusammenbringen, sei es in der Bildung für nachhaltige Entwicklung, sei es in dem Erleben von Naturwissenschaften und in der Anwendung von Mathematik. Auch das müssen wir dringend weiter voranbringen und weiter fördern. (Beifall Bündnis 90/Die Grünen, DIE LINKE) Um in dieser ja doch eher negativen Debatte mit bedrückenden Ergebnissen auch noch einen positiven Aspekt herauszustellen: In der Studie ging es auch um die Frage, wie die Schüler:innen das Engagement ihrer Lehrkräfte wahrnehmen, wie sie die Unterstützung ihrer Lehrkräfte wahrnehmen, und ich finde es erfreulich zu lesen, dass die Schüler:innen sagen, dass sie das Gefühl haben, dass sie von ihren Lehrkräften gut unterstützt werden, dass sie, wenn sie Probleme haben, individuelle Hilfe erhalten und dass die Lehrkräfte für sie da sind. Das ist erfreulich, und ich finde, das zeigt auch noch mal, wie wichtig es ist, dass wir unsere Lehrkräfte noch besser in dem unterstützen, was sie da tun. Denn sie machen eine sehr gute Arbeit, aber die Mittel, die sie haben, reichen nicht aus. Auch das Personal, was wir haben, reicht nicht aus. Darum müssen wir aus der Bildungspolitik heraus noch mehr dafür tun, dass wir die Lehrkräfte in ihrem guten Tun noch besser unterstützen können, dafür sorgen, dass sie die Kapazitäten haben, den Schüler:innen da zu helfen, wo sie es brauchen und sie die Mittel zur Verfügung haben, den Support zu geben, den es braucht. (Beifall Bündnis 90/Die Grünen, DIE LINKE) Insgesamt heißt das also, wir brauchen dringend effektivere Maßnahmen, um langfristig für eine Verbesserung im Bildungssystem zu sorgen. Wir brauchen kurzfristige Maßnahmen, die dafür sorgen, dass wir diesen negativen Trend, den wir in der Studie schon lange sehen, endlich rumreißen und stabilisieren können und dass es dann auch wieder nach oben geht. Das bedeutet, wir brauchen gute Sprachförderung, wir brauchen gute weitere unterstützende Maßnahmen, ein gutes Monitoring, welche Maßnahmen wirklich greifen und einen Blick darauf, wie es den Schüler:innen in den Schulen eigentlich geht und wie wir ihnen ihren Alltag so gestalten können, dass es in der Schule eben nicht nur einen Lerneffekt hat, sondern auch dafür sorgt, dass sie wirklich die Begeisterung entwickeln, um gut lernen zu können. – Vielen Dank! (Beifall Bündnis 90/Die Grünen, DIE LINKE)
