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Sofia Leonidakis

Die Linke 15.11.2023 Sitzungen 21/5

Frau Präsidentin, liebe Kolleginnen und Kollegen! Lieber Herr Gottschalk, danke für den Crashkurs in Immobilienfinanzierung! Ich will jetzt noch mal ganz kurz politisch einsteigen. Es hat Sie vielleicht gewundert, dass wir uns als LINKE für den Erwerb von Immobilieneigentum aussprechen, das ist nicht ganz typisch, das gebe ich zu. Ich will aber einmal darauf eingehen, welche Wohngebäudestruktur, Wohnungsmarktstruktur wir eigentlich in Bremen haben. Diese Zahl verwundert: Bremen ist mit 40,7 Prozent Eigentumsanteil am Wohnungsbestand die Stadt an der Spitze der Eigentumsquote der Großstädte. Der Abstand zur nächsten Stadt, nämlich Stuttgart, ist relativ groß. Die hat nämlich 32,9 Prozent Eigentumsquote, und die anderen Städte kommen noch sehr weit danach. Das zeigt, der Wohnungsmarkt in Bremen ist nicht unwesentlich geprägt von Eigentümer:innenschaft. Dieses Immobilieneigentum, das ist ja in der Regel nicht die 300-Quadratmeter-Villa in Schwachhausen, sondern das ist in der Regel das kleine Einfamilien-Reihenhaus, auch als sogenanntes Altbremer oder Bremer Haus bekannt, hat Architekturgeschichte geschrieben, wird an der Hochschule für Architektur immer noch gelehrt. Die mehrstöckigen Mietshäuser, wie wir sie in anderen Großstädten kennen, also die Gründerzeithäuser, die Jugendstilhäuser mit fünf, sechs, teilweise sieben Stockwerken, die sind nicht typisch für das bremische Stadtbild, in Bremerhaven ein bisschen mehr, das muss man dazusagen, wir sind ja hier im Landtag, aber für Bremen ist das überhaupt nicht typisch, und das liegt auch an der Geschichte. In Bremen waren in der bremischen Bauordnung bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts mehrstöckige Mietshäuser de facto nicht zugelassen. Das bedeutet, auch die Arbeiter:innenschaft, der normale Arbeiter, die Familie, Arbeiterinnen – meistens waren es ja die Männer, die das Eigentum erworben haben –, die haben Einfamilienhäuser bewohnt und bezogen und auch erworben. Da muss man dazusagen, da war auch verstecktes Mieten mit drin, der „Weser-Kurier“ hat dazu einen sehr interessanten Artikel veröffentlicht. Von ungefähr 5 000 Personen – damals gab es eine Umfrage –, die im Jahr 1905 in eigenen Immobilien gewohnt haben, haben nur 1 500 in einem eigenen Bett geschlafen. Sie haben also Zimmer vermietet, sie haben Betten vermietet, sie hatten teilweise nicht mal selbst ein eigenes Bett. Das bedeutet, das war zwar formell Eigentum, es wurde aber untervermietet. Auch da gab es sozusagen verstecktes Vermieten, aber das ist eine Erklärung dafür – das Baugesetzbuch und auch die Struktur –, warum die Eigentumsquote in Bremen so hoch ist, und das lebt bis heute fort. Diese historische Einordnung muss man einmal machen, um zu verstehen, wie eigentlich die Wohnungsstruktur im Bremer Wohnungsmarkt ist. Deswegen, nicht nur deswegen, aber auch deswegen, weil das in Bremen historisch verankert ist, finden wir es gut, wenn der weitere Immobilienerwerb – mit einer Grenze natürlich – ermöglicht und auch gefördert wird. Sehr geehrter Kollege Fynn Voigt, natürlich gibt es Familien, die nicht kaufen wollen, das gibt es – (Abgeordneter Thore Schäck [FDP]: Es hat ja auch keiner gesagt, dass das so sei!) es gibt auch Einzelpersonen, die nicht kaufen wollen –, weil Familien heutzutage mobiler geworden sind. Man wird an einem Ort geboren, man wächst dort auf, zieht dort seine Kinder auf und die wiederum ihre Kinder, (Zuruf Abgeordneter Frank Imhoff [CDU]) dieses Familienmodell, das hat es mal gegeben, aber viele Familien leben heute anders und sind mobiler geworden, ziehen weg, ihre Kinder ziehen weg, sodass Immobilien auch nicht immer als Entlastung, sondern häufig auch als Verantwortung oder sogar Belastung gesehen werden und Familien darauf verzichten, eine eigene Immobilie zu erwerben. Ich weiß nicht, warum Sie das so verwerflich finden, dass das in dem Antrag auch Erwähnung findet, denn so, wie Kollegin Bithja Menzel gesagt hat: Es ist eben nicht das Allheilmittel, und manche entscheiden sich auch dagegen. Ich melde mich direkt noch mal. Ich möchte dann gleich noch mal auf die Förderprogramme eingehen. – (Abgeordneter Frank Imhoff [CDU]: Ja, das wäre toll!) Für die erste Runde bedanke ich mich für Ihre Aufmerksamkeit! (Beifall DIE LINKE, SPD, Bündnis 90/Die Grünen)

Alle Reden von Sofia Leonidakis Protokoll (PDF) ↗