Johannes Funke
Sehr geehrter Herr Vizepräsident! Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen Abgeordnete! Sehr geehrte Besucher! Wenn wir heute über Landwirtschaft reden, dann müssten wir eigentlich über die scheinbar großen Themen reden, denn die wirtschaftliche Situation in unserer Landwirtschaft – und nicht nur in der Landwirtschaft – scheint aus den Fugen geraten zu sein. Tatsächlich haben wir das aber schon vielfältig getan. Mit dem Blick auf Europa: Wir haben unsere Positionen zum europäischen Finanzrahmen und der Agrarförderung frühzeitig hier im Plenum auf den Weg gebracht. – Mit dem Blick auf die Welt: Wir haben uns in verschiedenen Ausschüssen mit dem Einfluss von Freihandelsabkommen wie dem EU-Mercosur-Abkommen und anderen Verträgen auf die Agrarmärkte auseinandergesetzt. – Mit dem Blick auf den Klimawandel: In Kürze werden wir uns intensiv mit dem Megathema Wasser beschäftigen. Das möchte ich voranstellen und damit ganz klar sagen, dass wir die gesamte grüne Branche mit all ihren Sorgen und Nöten sehr gut im Blick haben. Das muss klar sein. Verehrte Damen und Herren, gerade in solchen Zeiten ist es trotzdem wichtig, die scheinbar kleinen Dinge nicht aus dem Blick zu verlieren. Da steht für mich die Nachwuchsgewinnung und -förderung in den grünen Berufen ganz weit oben. Was ist mit „grünen Berufen“ gemeint? Es gibt insgesamt 14 grüne Berufe, von denen – männlich, weiblich, divers – der Landwirt, der Tierwirt, der Gärtner, der Forstwirt, der Pferdewirt und der Fischer sicherlich die bekanntesten Berufsbilder sind. Alle in der grünen Branche Tätigen stehen vor der gemeinsamen Herausforderung, den passenden Nachwuchs zu gewinnen. Und wie könnte es anders sein? Bei den ländlichen Berufen steht der Führerschein immer im Vordergrund. Im westdeutschen Volksmund liebevoll der „Lappen“, im ostdeutschen Volksmund liebevoll die „Fleppen“ genannt – in der Sache ist es aber das Gleiche. Wer einen grünen Beruf anstrebt, muss den Führerschein in der Regel gleich zweimal machen: einmal mit 16 Jahren den T-Führerschein für Traktoren und andere selbstfahrende Landmaschinen und einmal mit 18 Jahren den B-Führerschein für den ganz normalen Pkw. Nach deutschem Recht kann also ein 16-Jähriger Fahrzeuge mit bis zu 40 t und einer Gesamtlänge von fast 19 m im Straßenverkehr bewegen, und ein 18-Jähriger kann auf vielen deutschen Autobahnen ohne irgendein Tempolimit fahren. Damit sind für mich zwei Dinge glasklar: Erstens, am Ausbildungsniveau der Fahrschulen kann und darf keinesfalls gespart werden. Zweitens, die angehenden Nachwuchskräfte müssen die doppelte Führerscheinausbildung auch bezahlen können. Genau daraus leitet sich der Bedarf einer Brückenfinanzierung ab – und diese fordern wir heute in unserem Antrag ein. (Beifall SPD und CDU) Ich denke, im Grunde haben alle verstanden, worum es bei dem Wort Führerschein-BAföG geht. BAföG heißt nicht Geschenk, BAföG heißt fairer Kredit. Doch es geht nicht nur um den Führerschein und eine Optimierung der Führerscheinausbildung: Wir wissen doch ganz genau, dass nicht jeder Betrieb der grünen Branche jedes Thema und jeden Ausbildungsinhalt abbilden kann, zum Beispiel die Tierbeurteilung, die Pflanzenbestimmung oder die Waldzustandsbeschreibung. Genau deswegen ist es so wichtig, dass es die länderübergreifenden Ausbildungszentren, die überbetrieblichen Ausbildungszentren gibt. Diese brauchen wir auch in Zukunft; und deswegen fordern wir ganz klar, sie zu erhalten und weiterzuentwickeln. Was heißt das konkret für die Bewältigung der Ausbildungsinhalte? Unsere Nachwuchslandwirte und -tierwirte gehen schon heute nach Iden in Sachsen-Anhalt und nach Köllitsch in Sachsen, unsere Geflügelwirte gehen nach Schönow bei Bernau, unsere Gärtner gehen – ganz in der Nähe – nach Großbeeren oder nach Pillnitz in Sachsen. Die Pferdewirte gehen nach Neustadt (Dosse), die Berufsjäger nach Einbeck in Niedersachsen, die Forstwirte gehen nach Kunsterspring bei Neuruppin, die Fischwirte nach Königswartha in Sachsen. Unsere künftigen Milchexperten gehen nach Oranienburg, und die angehenden Winzer – das wird den Kollegen Wolfgang Roick sehr freuen – gehen nach Bad Kreuznach in Rheinland-Pfalz. Auch ganz wichtig: Die jungen Landwirtschaftshelfer gehen nach Heilbrunn bei Neuruppin. Damit will ich deutlich machen, dass die Ausbildung in den grünen Berufen schon heute in ein landes- und bundesweites Netzwerk eingebunden ist. Ein wunderbares Fazit lautet: Wer hier lernt, der kommt rum. – Doch dabei wollen wir es nicht belassen: Wir wollen auch, dass das Land den internationalen Austausch der Auszubildenden in den grünen Berufen ermöglicht. Das ist keine ganz neue Erfindung. Die IHK Brandenburg setzt das schon seit einigen Jahren sehr erfolgreich um. An Weltoffenheit führt eben kein Weg vorbei. (Beifall SPD sowie vereinzelt CDU) Verehrte Damen und Herren, Lernen bedeutet nach heutigem Verständnis ohnehin lebenslanges Lernen. Genau deswegen brauchen wir auch in Zukunft die Angebote der berufsbegleitenden Bildung, insbesondere die der Regionalstellen für Bildung im Agrarbereich und die der Brandenburgischen Landwirtschaftsakademie am Seddiner See. Hinzu kommen auch die Quereinsteiger. So mancher Steuerberater, Rechtsanwalt oder Zahnarzt hat sich schon eingestehen müssen, dass er eigentlich lieber Landwirt geworden wäre. Die Quereinsteiger sind zum Beispiel auf der Landwirtschaftsschule Juni 2026 73 in Oranienburg zu finden. Genauso wichtig ist es, die bewährten Maßnahmen zur Berufsorientierung in den grünen Berufen für Schülerinnen und Schüler – Stichworte: LANDaktiv, AGRARaktiv – zu erhalten und weiterzuentwickeln. Doch natürlich sind auch die Azubis selbst gefordert. Mit der Zettelwirtschaft bei den Ausbildungsunterlagen muss endlich Schluss sein. Die Digitalisierung der beruflichen Bildung ist konsequent voranzutreiben – und das in enger Abstimmung mit den benachbarten Bundesländern. Die Generation Handy sollte das hinbekommen. (Beifall SPD und CDU) Verehrte Kolleginnen und Kollegen, damit bin ich am Ende angelangt (Lars Hünich [AfD]: Das hatten wir gehofft!) und will noch einmal auf die gesamte grüne Branche blicken. Unsere Landwirte, Gärtner und Förster verdienen ihr Geld zwar in Brandenburg, Deutschland und Europa, doch die Preise für die hochwertigen Erzeugnisse werden uns vom Weltmarkt diktiert. Wenn wir uns auch in Zukunft auf diesen Märkten bewegen wollen, und das wollen wir, dann sind gut ausgebildete Fachkräfte eine fundamentale Voraussetzung für die Zukunft. Damit ist klar: Ohne gut ausgebildete Fachleute wird in der grünen Branche nichts gehen; vom Ausbildungserfolg hängt letztlich alles ab. Genau deswegen setze ich bei dem hier vorliegenden Antrag auf eine sehr breite Zustimmung im Plenum und danke fürs Zuhören. (Beifall SPD und CDU)
