Katja Poschmann
Sehr geehrter Herr Präsident! Werte Damen und Herren! Werte Gäste auf der Tribüne! Als wir im März das letzte Mal hier im Plenarsaal zusammensaßen, wurde das Schulbarometer der Robert Bosch Stiftung veröffentlicht – eine Studie, die landauf, landab viel Beachtung erfahren hat. Sie liefert uns ein klares, aber auch ehrliches Bild aus unseren Schulen. Sie führt uns ungeschönt vor Augen, wie Schülerinnen und Schüler ihren Alltag erleben. Zunächst zu den Fakten: 1 507 junge Menschen im Alter zwischen 8 und 17 Jahren wurden befragt. Ein Viertel hat bei der Befragung angegeben, unter psychischen Belastungen zu leiden. 16 % der Befragten geben an, sich in der Schule nicht wohlzufühlen. Das, meine Damen und Herren, ist ein Hilferuf der jungen Generation, den wir keineswegs überhören dürfen! (Beifall SPD sowie vereinzelt CDU) Bildungspolitiker müssen darauf reagieren – was sonst wäre unsere Aufgabe? Junge Menschen sind mehr als Schülerinnen und Schüler, das wissen wir. Daher ist auch klar, dass nicht alle Gründe für dieses Lagebild allein in unseren Schulen zu finden sind, aber Schule ist neben der Familie und den Freunden nun einmal einer der zentralen Lebensräume von Kindern und Jugendlichen. Deshalb ist es wichtig, den Ort Schule gesondert in 92 Landtag den Blick zu nehmen. Vor allem ist es wichtig, dabei auf die jungen Menschen zu hören, denn sie sagen uns sehr deutlich, was sie brauchen, um besser lernen zu können. Meine Damen und Herren, es ist an der Zeit, Schülerinnen und Schüler stärker einzubinden, und zwar nicht symbolisch, sondern wirksam, denn junge Menschen sind Experten und Expertinnen ihres eigenen Lernerfolgs, und sie wollen sich einbringen. Sie wollen mitteilen, was ihnen beim Lernen hilft und was eben nicht, wo sie Unterstützung brauchen und was sie vielleicht schon alleine können, und – auch wenn Erwachsene ihnen das oft nicht zutrauen – sie wollen Verantwortung für ihr Lernen übernehmen. Dem wollen wir mit diesem Antrag begegnen, dem wollen wir ein Stück weit gerecht werden. Deshalb ist dieser Antrag für die junge Generation gedacht und gemacht, denn wir trauen ihnen das zu. (Beifall SPD und CDU) Meine Damen und Herren, Lernen gelingt am besten dort, wo sich Menschen sicher fühlen, wo ihre Stimme zählt und wo sie ernst genommen werden. Deshalb sprechen wir heute nicht über irgendein pädagogisches Detail, sondern über eine zentrale Gerechtigkeitsfrage: Wie schaffen wir Schulen, in denen alle Kinder die Chance haben, sich zu entwickeln, in denen Talente entdeckt und gefördert werden? Das Schulbarometer zeigt uns nicht nur, wo wir besser werden müssen, es macht auch deutlich, wie das gelingen kann. Mitbestimmung, Feedback und Wertschätzung bekommen eine tragende Rolle für das Wohlbefinden, und das wiederum hat nicht nur Auswirkungen auf die mentale Gesundheit, sondern auch auf die Lernerfolge und die schulischen Leistungen. Das zeigen und berichten uns erfolgreiche Schulen, unter anderem die Schulpreisträger der letzten Jahre; davon konnten wir uns erst kürzlich an der Maria-Leo-Grundschule in Berlin überzeugen. Schülerinnen und Schüler wollen mitreden: über Themen, über Lernwege, über Prüfungsformate. 80 % aber sagen: „Ich habe kaum einen Einfluss.“ – Das sollte uns zu denken geben, denn Beteiligung ist kein Luxus, sondern die Bedingung für Verantwortung. Deshalb wollen wir eine anonyme Schülerbeteiligung als festen Bestandteil schulischer Qualitätsentwicklung einführen. Und bevor sich die AfD-Fraktion wieder in Meldeportalfantasien ergeht (Zuruf des Abgeordneten Dennis Hohloch [AfD] – Lachen bei der AfD) und von einer Anklagedatenbank für Lehrkräfte schwadroniert: Unsere Vorschläge haben nichts mit anonymen Anzeigen beim Schulamt zu tun, die Lehrkräfte beim Arbeitgeber anschwärzen sollen. Unsere Vorschläge sollen die Unterrichtsqualität verbessern und Schule als wertschätzenden und positiven Ort stärken. Denn eine angenehme Atmosphäre ist die Voraussetzung für gute Lehre und erfolgreiches Lernen – für Lehrkräfte und Kinder. Warum trotzdem ein anonymes Feedbacksystem? Weil ehrliches Feedback nur dort möglich ist, wo Vertrauen herrscht, und das muss weiterhin wachsen. Dort, wo es sich aber etabliert hat und als Selbstverständlichkeit gelebt wird, wird Kritik nicht mehr als Angriff, sondern als Chance verstanden. So entsteht echtes Vertrauen – beidseitiger Respekt, der täglich gelebt wird. Heute stehen wir aber an einem Punkt, an dem sich viele Schülerinnen und Schüler oft nicht trauen, Hinweise zum Unterricht oder vielleicht sogar Kritik zu äußern – aus Angst vor schlechten Noten oder weil sie glauben, es würde ohnehin nichts ändern. Anonyme Feedbackformate können dieses Schweigen brechen. Sie zeigen, wo Unterricht gelingt – und wo nicht. Sie machen sichtbar, was sonst oft unter der Oberfläche bleibt: Überforderung, Konflikte, aber auch Ideen, Engagement und Motivation. Doch es darf nicht bei einmaligen Umfragen bleiben. Wir brauchen ein stabiles, ein kontinuierliches Feedbacksystem, das von allen gewollt und ernst genommen wird – mit klaren Rückmeldeprozessen und sichtbaren Veränderungen, die sich daraus ergeben. Denn Feedback, das in Schubladen verschwindet, verfehlt sein Ziel und ist somit bloß Augenwischerei. (Vereinzelt Beifall SPD – Dennis Hohloch [AfD]: Was denken Sie denn, was ein Lehrer den ganzen Tag macht?) Das führt uns zum zweiten Punkt unseres Antrags, der Verbesserung der Feedbackkultur selbst, sowohl in Schulen als auch in der Lehrkräftebildung – und, meine Damen und Herren, genau das verändert Schule. Wenn Rückmeldungen nicht nur von oben nach unten, sondern auch umgekehrt, in beiderlei Richtung, auf Augenhöhe, erfolgen, entsteht echtes Vertrauen, und das stärkt die so wichtige und unverzichtbare Beziehung zwischen Lehrenden und Lernenden. Dann wird Lernen zum Miteinander; dann wird Lernen zum Erleben; dann wird Lernen wirksamer – und genau das ist es doch, was wir wollen. Wir wollen deshalb, dass die Feedbackkultur verbindlich in die Lehrkräfteaus- und -fortbildung aufgenommen wird, auch als Instrument gegen Mobbing. (Vereinzelt Beifall SPD sowie der Abgeordneten Kristy Augustin [CDU]) Denn dort, wo Dialog und gegenseitiger Respekt zur Kultur gehören, haben Ausgrenzung und Abwertung weniger Raum. Konkret heißt das: Lehrkräfte sollen lernen, Feedback zu geben, es aber auch anzunehmen. (Dennis Hohloch [AfD]: Das machen die doch schon! Das ist Teil des Studiums!) Und, ganz wichtig: Schülerinnen und Schüler sollen lernen, es zu formulieren, mit Respekt und Kompromissbereitschaft. Schule wird so zum demokratischen Erfahrungsraum. Feedback ist in diesem Sinne also kein Angriff, sondern ein nützliches Werkzeug für eine Lernatmosphäre, in der Wissen wächst. Das ist meine tiefe Überzeugung. Warum das so wichtig ist, haben wir im letzten Fachgespräch eindrücklich erfahren: Je zeitnaher das Feedback im Lernprozess, desto sichtbarer ist die Lernentwicklung und desto größer ist der Lernerfolg. Hier kommen das KI-gestützte Feedbacksystem und somit Punkt 3 unseres Antrags ins Spiel: Ein gutes Feedback bezieht sich nicht nur darauf, was falsch war, sondern zeigt vor allem auch Wege auf, wie es besser gehen kann. Dafür braucht es natürlich ganz transparente und nachvollziehbare Kriterien, die einzig und allein von Lehrkräften vorgegeben werden können. KI kann hierbei oft unterstützen. Das bedeutet nicht, dass Lehrkräfte weniger wichtig werden. Ganz im Gegenteil: Sie werden noch wichtiger, auch wenn sich ihre Rolle dabei ändert. Meine Damen und Herren, lassen Sie uns noch über einen Punkt sprechen, der oft unterschätzt wird, der uns aber von der Bildungsforschung seit Jahren eindrücklich aufgezeigt wird: Wenn Schülerinnen und Schüler Verantwortung für ihr Lernen übernehmen dürfen, steigen die Motivation, die Lernqualität und das Selbstvertrauen. Selbst organisiertes Lernen ist also kein Modebegriff, sondern eine notwendige Zukunftskompetenz, denn in einer Welt, die sich permanent verändert, brauchen junge Menschen die Fähigkeit, sich selbst zu strukturieren und zu reflektieren – heute mehr denn je. Das erwarten die Gesellschaft und im Übrigen auch die Arbeitswelt von ihnen. Deshalb müssen wir ihnen dieses Zutrauen schenken und ihnen einen geschützten Raum in Schulen geben, um das zu erlernen. Das ist kein Hokuspokus und kein Griff in die Esoterik-Kiste, sondern etwas, das die Kids und uns alle entschieden voranbringt. (Dennis Hohloch [AfD]: „Die Kids“!) Die Voraussetzungen für eigenverantwortliches Lernen und flexible Lerngruppen haben wir bereits im Schulgesetz geschaffen. Jetzt wollen wir die Schulen, die so arbeiten möchten, dabei unterstützen und auf ihrem Weg begleiten. Meine Damen und Herren, damit Lehrkräfte diesen Wandel gestalten können, brauchen sie Unterstützung und Teamwork. Die Herausforderungen sind zweifelsohne groß, und niemand sollte sie allein meistern müssen. Zu welchen Entlastungen die pädagogische und multiprofessionelle Zusammenarbeit führen kann und wie groß ihre Wirkung auf die Schülerinnen und Schüler ist, haben wir kürzlich in Sachsendorf erlebt und gesehen. Deshalb wollen wir mit dem vorliegenden Antrag auch einen Fokus darauf richten, wie die Zusammenarbeit in Zukunft weiter gestärkt und etabliert werden kann. Meine Damen und Herren, beenden möchte ich meine Rede heute mit einem Programmhinweis: Am 19.05. wird Stefan Ruppaner, ehemaliger Schulleiter der Alemannenschule in Wutöschingen und Autor des Buches „Das kann Schule machen“ für eine Podiumsdiskussion hier bei uns in Potsdam sein. Ich verfolge seine Arbeit seit vielen Jahren, und gerade heute muss ich an seine Worte denken: „Wenn es gelingt, dass ein Kind jeden Tag gerne in die Schule geht, können wir nicht verhindern, dass es etwas lernt.“ (Vereinzelt Beifall SPD und CDU) Sorgen wir also dafür, dass unsere Kinder gerne zur Schule gehen. (Zuruf des Abgeordneten Dennis Hohloch [AfD]) Unser Antrag ist ein weiterer Schritt auf diesem Weg. Gehen wir ihn bitte gemeinsam! – Herzlichen Dank. (Beifall SPD und CDU) 2026 93
