Rainer Genilke
Ich begrüße die Abgeordneten nach der Mittagspause. Ich hoffe, wir alle sind wohlgestärkt – wenn die Reihen auch noch nicht gut besetzt sind. Nichtsdestoweniger wollen wir mit der Tagesordnung fortfahren. Ich rufe Tagesordnungspunkt 3 auf. TOP 3: Sprache ist der Zugang zu guter Bildung – frühkindliche Sprachförderung und schulische Sprachbildung stärken Antrag der SPD-Fraktion und der BSW-Fraktion Drucksache 8/2018 Entschließungsantrag der AfD-Fraktion Drucksache 8/2053 Die SPD-Fraktion hat diesen Antrag als ihre Priorität angemeldet. Ich eröffne die Aussprache. Zu uns spricht Frau Abgeordnete Poschmann für die SPD-Fraktion. (Beifall SPD sowie vereinzelt BSW) Katja Poschmann (SPD):* Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! Wir alle wissen: Sprache ist nicht einfach nur ein Mittel der Kommunikation. Sprache ist Teilhabe. Sprache ist Freiheit. Sprache ist Weltzugang. Sprache ist Grundlage von Verständnis und Verständigung. Sie ist das, was aus einem Kind mit großen Augen einen Jugendlichen mit klaren Träumen macht – und aus Träumen echte Lebenswege. Dies ist keine Floskel. Jedes fünfte Kind in Brandenburg wird mit sprachlichen Defiziten eingeschult. Jedes fünfte Kind hat damit schon am ersten Schultag nicht die gleichen Chancen wie andere Kinder. Das, meine Damen und Herren, darf uns nicht gleichgültig sein. Die Philosophin Hannah Arendt hat einmal gesagt – ich zitiere –: Sprechen ist das Mittel, durch das wir uns anderen zeigen und durch das wir uns selber erkennen. – Zitat Ende. Sprache ist also nicht nur Ausdruck, sie ist auch Identität. Wer einem Kind die Sprache verweigert, verweigert ihm zugleich die Teilhabe. (Beifall SPD, vereinzelt CDU sowie des Abgeordneten Falk Peschel [BSW]) Wenn wir das zulassen, werden wir unserem Bildungsauftrag nicht gerecht. Deshalb ist unser Antrag ein Bekenntnis dazu, dass wir früher ansetzen müssen – nämlich dort, wo das Herz der Sprachentwicklung schlägt: in der Kita, im gemeinsamen Alltag, im Spielen, im Erzählen. Wir wollen die Sprachstandserhebung vorziehen. Das heißt: Wir hören früher hin. Wir schauen früher hin. Und wir unterstützen früher. Und ja, wir gehen noch einen Schritt weiter. Wenn nötig, wollen wir die Sprachkompetenz vor der Einschulung ein zweites Mal überprüfen – nicht als Kontrolle, sondern als eine echte Chance: eine Chance auf eine gezielte Förderung und die bestmögliche Unterstützung, damit wir sicherstellen, dass kein Kind zurückgelassen wird. Früher handeln heißt verhindern, dass sich Sprachlücken verfestigen. Genau das machen wir, jetzt und heute. Meine sehr geehrten Damen und Herren, Sprachförderung endet nicht am Kitator. Deswegen liegt ein besonderer Fokus auf dem Übergang von der Kita in die Schule. Dort, wo alle Pädagogen zusammenarbeiten und Bildungsbiografien gemeinsam begleiten, genau dort profitieren Kinder am meisten. Denn Kinder verdienen Kontinuität und keine Schnittstellenprobleme. Ich sage Ihnen auch ganz klar: Unabhängig davon, woher ein Kind kommt oder welche Sprache zuhause gesprochen wird – Vielfalt ist kein Hindernis, Vielfalt ist Reichtum. (Beifall SPD sowie vereinzelt BSW und CDU) Unsere Aufgabe ist es also, diesen Reichtum zu fördern und gleichzeitig uneingeschränkte Teilhabe am deutschsprachigen Unterricht zu ermöglichen. Das geht nicht ohne die Expertise unserer Fachkräfte. Das Land bietet diesbezüglich gezielte Fortbildungen zu den Grundkompetenzen Deutsch an – nicht nur für diejenigen, die Deutsch unterrichten, sondern für alle Lehrkräfte. Doch das allein reicht nicht aus. Deswegen setzen wir in den Schulen auf mehr Freiraum und Flexibilität. Grundschulen sollen die Möglichkeit bekommen, klassen- und altersgemischte Lerngruppen zu bilden, um so kompetenzbasiert zu fördern. Das bedeutet, dass Kinder entsprechend ihren Fähigkeiten, und nicht entsprechend ihrem Alter lernen. Solche flexiblen Lerngruppen sind bereits in vielen erfolgreichen Schulen etabliert. Unser Modell sortiert Kinder also nicht aus, sondern ein. Unser Modell lässt die Lehrkräfte mit den Herausforderungen in den Klassen nicht allein, sondern bietet ihnen die notwendige Flexibilität, sich gegenseitig zu unterstützen und ihren Unterricht so zu gestalten, wie sie es an ihrer Schule brauchen. Meine sehr geehrten Damen und Herren, deshalb wollen wir unseren Schulen mehr Freiräume geben. Alters- und klassenübergreifende Lerngruppen? – Wo es sinnvoll ist, ja bitte! Warum auch nicht? Denn Sprachkompetenz ist nicht an das Alter gebunden, sondern an die individuelle Lernentwicklung. (Dennis Hohloch [AfD]: In Brandenburg stimmt das!) Wer weiß, vielleicht hat das auch eine Vorbildwirkung für andere Fächer. Ich komme zum Ende: Alles, was wir hier beschließen, ist nichts wert, wenn es nicht bei den Kindern ankommt, wenn es nicht genau die Kinder stärkt, die heute noch still sind, weil sie nach Worten suchen, die Kinder, die etwas zu sagen, aber noch nicht die Sprache dafür haben. Für sie mache ich Politik. Für sie ist dieser Antrag. Unser Ziel ist klar: In Brandenburg soll kein Kind aufgrund sprachlicher Hürden scheitern – nicht heute, nicht morgen, grundsätzlich nicht. Denn für sie ist Sprache der Schlüssel zu ihrer Zukunft. Geben wir ihnen diesen Schlüssel! Ich gehe von Ihrer Zustimmung aus. – Danke schön. (Beifall SPD und CDU sowie vereinzelt BSW)
