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Jouleen Gruhn

25.09.2025 Sitzungen 8/20

Vielen Dank, Herr Abgeordneter. – Es folgt Frau Abgeordnete Wolff für die SPD-Fraktion. (Beifall SPD) Bitte schön. Annemarie Wolff (SPD):* Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Ein Griff, der dich festhält, bist du kaum noch atmen kannst; ein Spiel, das nie deines war, eines, das jemand anderes mit dir spielt. – So fühlt es sich an, wenn Erwachsene im Netz das Vertrauen von Kindern missbrauchen und sie gezielt in eine Falle locken. Das passiert jeden Tag. Cybergrooming: Erwachsene tarnen sich als Gleichaltrige. Sie bauen Vertrauen auf. Stück für Stück wollen sie mehr: ein Chat hier, ein Bild dort – Druck, der wächst, bis Kinder überzeugt sind. Sie haben keine Wahl mehr. Damit hört es nicht auf: Cybermobbing – das systematische Fertigmachen, Beleidigen oder Bloßstellen im Netz. Sextortion – Kinder unter Druck setzen, um Nacktbilder zu bekommen. Cyberflashing – Kinder bekommen ungefragt Dickpics. Das ist nur die Spitze des Eisbergs. Darunter steckt eine ganze Welt digitaler Gewalt, die Kinder und Jugendliche jeden Tag trifft. Die Zahlen sind brutal. Rechnet man die Auswertung der Studie zu Cybergrooming der Landesanstalt für Medien NRW in absolute Zahlen um, so wurden ca. 888 000 unsere Jugendlichen im Alter zwischen 16 und 18 Jahren schon einmal zu einem Treffen aufgefordert. 625 000 der 13- bis 15-Jährigen sind von Cybergrooming betroffen. Und: 1,8 Millionen Kinder in einem Alter von unter 14 Jahren werden online von Erwachsenen mit sexueller Absicht angesprochen. Wir reden hier also über mehr als 3 Millionen junge Menschen in Deutschland, die direkt betroffen sind. Das sind keine Einzelfälle. Wir hören es doch auch direkt von Jugendlichen. Im Film „Gestern, Heute, Wir“ vom Kreisjugendring Oberhavel erzählt ein Junge darüber, wie er durch Social Media Opfer von Cybermobbing wurde und wie heftig ihn das getroffen hat. Dass ich mich klein fühle und dass du dadurch größer bist – genau das ist das Gefühl von Ohnmacht, mit der Grenzen zerstört werden, Grenzen zwischen Spiel und Missbrauch, Grenzen zwischen Vertrauen und Verrat. Wenn Kinder und Jugendliche so offen über ihre Angst und ihre Überforderung sprechen, dürfen wir das nicht überhören. (Beifall SPD, BSW und CDU) Meine Damen und Herren! Das ist kein Wunsch nach einem Projekttag, das ist ein klarer Auftrag an uns, zu handeln. Darum müssen wir zusammenarbeiten: Eltern und Schule, Polizei und Sozialarbeit und ganz besonders wir in der Politik. Deswegen hier unser Antrag. Die Schule ist eben auch ein zentraler Ort für Prävention. Dort sind unsere Kinder und dort können wir systematisch ansetzen. Dabei ist uns die Feststellung wichtig: Lehrkräfte stehen mit dieser Aufgabe nicht allein. Wir stellen sicher, dass sie die Unterstützung bekommen, die sie brauchen. Lassen Sie es mich ganz klar sagen: Wir legen keine neue Todo-Liste für Lehrkräfte auf, sondern geben den Lehrkräften Werkzeuge in und an die Hand, damit sie Kinder sicher und proaktiv begleiten können. (Beifall SPD, BSW und CDU) Was heißt das konkret? Das Basiscurriculum wird bis 2026 weiterentwickelt, mit fächerübergreifenden und praxisnahen Modulen. Weil Tipps und Hilfe von Gleichaltrigen oft mehr bringen als Belehrungen von Erwachsenen, gibt es Peer-to-Peer-Programme, damit unsere Schülerinnen und Schüler andere stärken können, online sicher unterwegs zu sein. Lehrkräfte erhalten über das LIBRA praxisnahe Fortbildungen, um Täterinnen- und Täterstrategien früh erkennen zu können. Wir stellen zentrale Materialien auf Landesplattformen bereit – für Schule, für Hort, für Jugendarbeit, Freizeit und Eltern –, und wir intensivieren die Zusammenarbeit von Schule, Polizei und Landespräventionsrat. Was schlägt die AfD mit ihrem Änderungsantrag vor? Medienbildung soll es erst ab Klasse 7 geben – als ob Kinder unter 13 Jahren nicht schon längst online wären! Ich sage Ihnen vielleicht etwas ganz Neues, aber schon Grundschülerinnen und Grundschüler bewegen sich heute ganz selbstverständlich im Netz. Das ist die Realität, die wir nicht wegdiskutieren können, sondern anerkennen und pädagogisch begleiten müssen. Die AfD beruft sich in ihrem Antrag auf höchst fragwürdige Experten: Prof. Lembke und Herr Leipner. Ihrer Meinung nach sollten Kinder bis zum Alter von 12 oder 14 Jahren am besten gar keine digitalen Medien nutzen. Aber wir können ja einmal genauer hinschauen: Die beiden Herren sind von Haus aus Betriebswirte, also gar keine Erziehungswissenschaftler – keine Ahnung von Pädagogik, null Forschung im Rücken. – An die Abgeordneten der AfD: Sie schaffen es noch immer nicht, Polemik von Fakten zu unterscheiden. (Beifall SPD sowie vereinzelt BSW) Bei der AfD wissen Sie sehr genau, dass Kinder und Jugendliche längst online sind. Immerhin bespielen Sie Ihre Kanäle genau dort, wo junge Menschen unterwegs sind, und Sie überziehen sie mit Fake News, Desinformation und Hass. (Beifall SPD sowie vereinzelt BSW) Wer anderen den Erwerb von Medienkompetenz verwehren will, während er selbst die digitale Bühne für Hetze nutzt, entlarvt damit vor allem eines: die eigene Strategie. Die vermeintlichen Wahrheiten der AfD zerplatzen aber auch bei einem Blick in die Forschung: Zahlreiche deutsche und internationale Studien – die KIM-Studie, die ICILS – belegen, dass digital gestütztes Lernen, wenn es altersgerecht und sinnvoll eingesetzt wird, Kinder in ihrer gesamten Entwicklung stärkt. Es fördert Motivation, Kompetenzerwerb, und es befähigt sie dazu, Gefahren frühzeitig zu erkennen und sich im digitalen Raum selbstbewusst zu bewegen. Was will die AfD noch? Sie will ganz nebenbei die Selbstverständlichkeit von Vielfalt und Sexualerziehung beseitigen. Dabei sind genau das die Grundlagen, die unsere Kinder stark machen: (Lars Hünich [AfD]: Na klar!) zu wissen, dass Nein nun einmal Nein heißt, zu wissen, dass Vielfalt völlig normal ist, und zu wissen, dass Respekt kein niedliches Extra, sondern die absolute Basis ist. (Beifall SPD sowie vereinzelt BSW) Wenn die AfD Peer-to-Peer-Programme wie die Medienscouts infrage stellt, sage ich: Schauen Sie sich doch einmal in unserem Land um! Seit 2022 gibt es die Medienscouts am Emil-Fischer-Gymnasium in Schwarzheide. Schülerinnen und Schüler aus den Klassen 8 bis 10 geben ihr Wissen an Jüngere weiter – Aufklärung auf Augenhöhe. Am Barnim-Gymnasium ist das Programm fest verankert. Dort gestalten Jugendliche Workshops und zeigen, dass Medienkompetenz gemeinsam wächst. Und die Medienscouts vom Friedrich-Ludwig-Jahn-Gymnasium Rathenow (Zuruf des Abgeordneten Andreas Galau [AfD]) waren am Safer Internet Day sogar live im Radio und haben erklärt, warum es so wichtig ist, dass junge Menschen ihre Mitschülerinnen und Mitschüler stark machen. Dafür ein ganz, ganz großes Danke! (Beifall SPD sowie vereinzelt BSW)

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