Dominik Kaufner
Sehr geehrte Frau Vorsitzende! Liebe Abgeordnete! Liebe Zuhörer und Zuschauer! Als das „am besten gehütete Geheimnis des Zweiten Weltkriegs“ bezeichnet der irische Historiker Ray Douglas die Vertreibung der Deutschen aus Schlesien, Pommern und dem Sudetenland. In seinem 2012 erschienenen Buch spricht er angesichts der Vertreibung der Ostdeutschen nach dem Zweiten Weltkrieg von einem historisch beispiellosen Ausmaß. Er schreibt im einleitenden Satz, dass es sich um die größte Vertreibung in der Geschichte der Menschheit, womöglich um die größte Völkerbewegung überhaupt gehandelt habe. Ich habe zuletzt in meinem Redebeitrag zum 8. Mai bereits unter Berufung auf die wissenschaftliche Forschung darauf hingewiesen, dass wir hier mindestens von der größten ethnischen Säuberung in der Geschichte Europas sprechen. Doch gemessen an dieser Bedeutung findet ein Gedenken quasi nicht statt. Bis 1990 war es in Brandenburg ohnehin ein Tabu, über das man nicht sprechen durfte, das im öffentlichen Erinnern keine Rolle spielte, verdrängt wurde. Auf sowjetischen Befehl hin wurde nur noch beschönigend von „Umsiedlern“ gesprochen. Es waren Verbrechen, die sich zudem noch lange nach dem Ende der Kriegshandlungen, also nach dem „Tag der Befreiung“, wie Sie ihn nennen, ereigneten, und die, wie Ray Douglas betont, in erster Linie Frauen und Kinder trafen, die in Konzentrationslagern, in Eisenbahnwaggons, auf Todesmärschen an Erschöpfung und Unterernährung und bei sogenannten wilden Vertreibungen starben bzw. ermordet wurden. Es war ein Leid, das die Regierungen in Prag, London und Warschau systematisch in Kauf nahmen und das auch in Moskau fest einkalkuliert war. „Orderly and Humane“, wie das Buch im englischen Original heißt, bezieht sich auf diese organisierte Vertreibung nach dem Krieg, die die Regierungen der Briten, Sowjets und US-Amerikaner beschlossen hatten und die eben nicht ordnungsgemäß und human ablaufen sollte. Daher der Buchtitel: Er soll ausdrücken, dass das nicht passierte. Man muss sich ohnehin die Frage stellen, was an einer Vertreibung aus der Heimat human sein kann, in der die Vorfahren, die das Land urbar gemacht hatten, seit vielen Jahrhunderten lebten – an einer Vertreibung aus der angestammten Heimat, in der man geboren worden war, in der man Laufen gelernt hatte, zur Schule gegangen war, eine Familie gegründet hatte und seinen Lebensabend verbringen wollte. An einem solchen Schicksal kann man als Mensch zugrunde gehen. Die 14 Millionen deutschen Vertriebenen – eine ganze Generation, die alles verloren hat – sind daran nicht zugrunde gegangen. Sie haben nicht aufgegeben. Für uns ist heute gar nicht mehr annähernd zu ermessen, welche Kraftanstrengung dafür nötig gewesen sein muss: Sie haben sich allen Schwierigkeiten zum Trotz ein neues Leben aufgebaut und mit ihrer Arbeitskraft unser von den Amerikanern, Briten und Sowjets in Schutt und Asche gelegtes Land wieder aufgebaut – die Türken waren es übrigens nicht, wie häufig dreist behauptet wird. (Beifall AfD) Wir schlagen vor, diese Leistung, die Geschichte und das Schicksal der deutschen Vertriebenen mit einer Dauerausstellung zu würdigen, die erst als Wanderausstellung durch die brandenburgischen Gemeinden gehen soll und dann in Potsdam anzusiedeln wäre. Dieses starke Symbol ist längst überfällig. Ein Drittel der Brandenburger sind Vertriebene oder stammen von Vertriebenen ab. Von 1945 bis Anfang der 50er-Jahre sind über 700 000 Menschen aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten sowie weiteren Siedlungsgebieten in Ostmittel- und Osteuropa in die Restprovinz bzw. ab 1947 in das Land Brandenburg gelangt. Es gibt Städte wie Frankfurt (Oder), Müncheberg oder Guben, deren Bevölkerung im Zuge dieser Wirrnisse 1945 sogar zu großen Teilen ausgetauscht wurde und heute mehrheitlich aus Vertriebenen und deren Nachfahren besteht. Ein ganzer Eisenbahntransport von Flüchtlingsfamilien aus der Kleinstadt Woldenberg in der Neumark hat sich im havelländischen Premnitz niedergelassen, wo es genau deshalb auch einen Woldenberger Platz gibt. Vertriebene kamen vor allem aus Ostpreußen, Pommern, Schlesien und der Neumark sowie in Brandenburg sehr oft auch aus dem Reichsgau Wartheland, also aus dem Gebiet um Posen, Kalisch und Lodz. Auch weniger beachtete Vertriebene sind darunter, so hat es 1946 einige Karpatendeutsche aus der zur Slowakei gehörenden Landschaft Oberzips nach Brück im Landkreis Potsdam-Mittelmark verschlagen, wo es deswegen seit 2016 eine Oberzipser Straße gibt und einen Landesverband Brandenburg der Karpatendeutschen Landsmannschaft Slowakei e. V. Und bevor Sie sich empören: Ja, es gibt einige lokale Denkmäler und kleinere Sammlungen. (Lena Kotré [AfD]: Wow!) Und: Ja, in Potsdam existiert ein Stein, an dem die AfD auch regelmäßig einen Kranz niederlegt. Aber das ist viel zu wenig. Auch der Historiker Peter Bahl von der Uni Potsdam stellt in seiner 2022 erschienen Publikation „Belastung und Bereicherung“ fest, dass es den wenigsten Kommunen gelungen ist, „dem Thema einen angemessenen Platz in der Erinnerungsarbeit einzuräumen.“ Doch das ist nicht nur ein landesspezifisches Problem. Ich demonstriere in diesem Zusammenhang, warum wir eine Dauerausstellung und ein zentrales Denkmal in Potsdam brauchen: Die Dauerausstellung des Bundes „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ in Berlin ist eine Frechheit. Die Einzigartigkeit der Ereignisse und die Monstrosität der Verbrechen an Deutschen werden mit Schuldverrenkungen relativiert und durch Beliebigkeit verwässert. (Beifall AfD) Neben den Toten der Gustloff findet man Boatpeople aus Vietnam, (Zuruf des Abgeordneten Ludwig Scheetz [SPD]) neben deportierten Wolgadeutschen Menschen, die von Drogenkartellen für den Kokaanbau in Kolumbien vertrieben wurden. Asylforderer, die von Schlepper-NGOs übers Mittelmeer gefahren werden, werden neben deutschen Vertriebenen gezeigt, die bei ihrer Flucht über das Frische Haff mit ihrem Wagen im Eis einbrachen, und ein deutscher Wolfsjunge, der jahrelang allein in den Wäldern des Baltikums leben musste, erscheint neben einem sogenannten Flüchtling aus Syrien, der ein Selfie mit Angela Merkel macht. Die Geschändeten und Ermordeten von Nemmersdorf zeigt man neben einer Tanzgruppe gegen sexuelle Gewalt in Uganda. Offenbar konnte diese Ausstellung nur möglich werden, indem man ihren eigentlichen Zweck aufgab. Man scheint sich das angesichts des demografischen Rückgangs der Erleidensgeneration trauen zu dürfen. Früher hatte man die Vertriebenenverbände in der BRD ja noch als wichtige Wählergruppe gebraucht, unter anderem auch bei der CDU. Das ist heute nicht mehr der Fall. Die CDU feiert in ihrem Entschließungsantrag dieses Konzept auch noch. In Ihrem Schuldstolz wollen Sie sich offensichtlich von dem linken Narrensaum dieser Republik nicht übertreffen lassen. Wir jedenfalls sollten landesseitig in die Bresche springen und eine Ausstellung und einen Ort des öffentlichen Erinnerns schaffen, die bzw. der diesen Menschheitsverbrechen, der Vertreibung von Deutschen, gerecht wird. (Zuruf des Abgeordneten Steeven Bretz [CDU]) 2025 65 80 Jahre Vertreibung sind der richtige Anlass, um die erinnerungspolitische Lücke Brandenburgs endlich zu füllen, den Vertriebenen und ihren Nachkommen Respekt zu zollen und ihnen für ihren Beitrag zu danken. Ich bitte Sie daher um Zustimmung zu unserem Antrag. – Danke schön. (Beifall AfD)
