Jouleen Gruhn
Vielen Dank, Herr Abgeordneter. – Bevor der Minister das Wort ergreift, spricht für den Rat für Angelegenheiten der Sorben/Wenden die stellvertretende Vorsitzende Frau Münch. Bitte schön. (Beifall SPD sowie vereinzelt AfD und BSW) Delia Münch (Stellvertretende Vorsitzende des Rates für Angelegenheiten der Sorben/Wenden):* Cesćona kněni wiceprezidentka, sehr geehrte Frau Vizepräsidentin! Cesćone wótpósłańce, sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete! Wassertourismus in Brandenburg war und ist im angestammten Siedlungsgebiet der Sorben/Wenden eng mit Kultur und Geschichte der sorbischen/wendischen Bevölkerung verbunden und verflochten. Seinen historischen Ursprung hat dies in der Spreewaldregion, in der touristische Kahnfahrten zuerst am Leben in dieser einzigartigen Natur teilhaben ließen. Traditionelle Bauten und Kleidung sind dabei nur das Äußere einer im Einklang mit den natürlichen Gegebenheiten stehenden Lebensweise. Dies ist oberflächlich betrachtet eine romantisch-verklärte Sicht. Genauer hinterfragt ist sie jedoch aufgeladen mit der Forderung nach nachhaltiger Bewirtschaftung, sanftem Tourismus und dem Potenzial für anspruchsvollen Kulturtourismus. (Beifall SPD sowie vereinzelt BSW) Eine sorbische/wendische Sicht auf den Wassertourismus in Brandenburg erschöpft sich darin aber nicht. Auch das Lausitzer Seenland, dem sich der Antrag widmet, liegt teilweise im angestammten Siedlungsgebiet der Sorben/Wenden. Dort sind die Wasserflächen größtenteils aus den ehemaligen Tagebauen hervorgegangen. Bei deren Entstehung wurden zahlreiche sorbische/wendische Dörfer und damit verbunden langjährig gewachsene Sozialstrukturen zum Teil und auch komplett zerstört. Sprache und Kultur sind dadurch dauerhaft beeinträchtigt worden – Auswirkungen, die bis heute spürbar sind. Wenn auch weniger romantisch verklärt, hat auch diese Region kulturelle Brisanz, die nicht ohne sorbische/wendische Prägung gedacht werden kann. Ein Tourismus, der die sorbische/wendische Perspektive nicht berücksichtigt, birgt die Gefahr, dass nach dem Kohlebergbau die nächste Wirtschaftsform die Entwicklung der sorbischen/wendischen Sprache und Kultur übersieht und sie auf eine Weise vereinnahmt, die dem Erhalt und der Förderung der Minderheit entgegenwirkt. (Beifall SPD sowie vereinzelt BSW) Deshalb möchten wir betonen, wie wichtig es ist, sorbische/wendische Belange und Inhalte sowie die niedersorbische Sprache in die weitere Gestaltung der Infrastruktur, des Marketings und der touristischen Angebote einzubeziehen – dies schon allein wegen des hervorzuhebenden Alleinstellungsmerkmals. Der Rat für Angelegenheit der Sorben/Wenden begrüßt einen regional und umweltverträglich ausgerichteten Ausbau des Wassertourismus. Ein solcher kann auch in der Lausitz zur regionalen Wertschöpfung beitragen und den Menschen Bleibe- und Rückkehrperspektiven schaffen. Beim länderübergreifenden Blick auf das große Ganze dürfen dabei jedoch regionale Besonderheiten und Auswirkungen auf die unmittelbare Nachbarschaft nicht übersehen werden. Dies gilt für alle brandenburgischen Regionen gleichermaßen, wenn Tourismus nicht nur für Besucher, sondern auch für die Gastgeber attraktiv sein soll. (Beifall SPD sowie vereinzelt BSW) Nur so können Menschen für den Ausbau des Wirtschaftszweiges in der Region gewonnen und gehalten werden. Sorbische/wendische Wurzeln und Identität sind dabei erwiesenermaßen von Bedeutung. Wir regen daher an – und ich danke Herrn Fischer für die Reflexion unserer Äußerungen schon in der letzten Sitzung –, dass alle Anträge, Gesetzesvorhaben und Strukturentwicklungen, die das angestammte Siedlungsgebiet der Sorben/Wenden betreffen, auch explizite Aussagen zu den sorbischen/wendischen Bezügen enthalten und diese Aspekte bei der Umsetzung selbstverständlich Berücksichtigung finden. Das Bewusstsein dafür zu entwickeln und zu bewahren, ist ein andauernder Prozess, der die Niederlausitzer und Brandenburger Identität bereichert. Dies auch länderübergreifend einbringen zu können, ist ein Alleinstellungsmerkmal Brandenburgs. (Beifall SPD und BSW)
