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Ulrike Liedtke

27.03.2025 Sitzungen 8/11

Einen Redebeitrag angemeldet hat der Antisemitismusbeauftragte, Herr Andreas Büttner. Bitte sehr. Andreas Büttner (Beauftragter zur Bekämpfung des Antisemitismus im Land Brandenburg):* Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete! Meine Damen und Herren auf den Besucherrängen und am Bildschirm! 80 Jahre – eine Zahl, die so groß klingt und doch so klein ist: 80 Jahre nach der Befreiung vom Nationalsozialismus, 80 Jahre nach dem Ende eines von Deutschland begonnenen Krieges, der die Welt in Asche legte, 80 Jahre nach dem Tag, an dem sich die Tore von Auschwitz öffneten und das Grauen, das die Menschheit geschaffen hatte, ans Licht trat. Die Schoah liegt 80 Jahre zurück – ein Menschenleben, eine Spanne, die für manche eine Ewigkeit ist und für andere der Atemzug eines Überlebenden, der noch einmal versucht, seine Geschichte zu erzählen, bevor die Stille ihn holt. Die letzten Zeugen der Schoah – sie werden weniger. Ihre Stimmen schwinden, ihre Geschichten verblassen in unserer Gegenwart. Bald wird niemand mehr übrig sein, der uns seine eintätowierte Häftlingsnummer zeigen kann. Bald wird niemand mehr erzählen können, was es bedeutet, mit fünf Jahren in einem Viehwaggon zu stehen, eingepfercht, ohne Licht, ohne Wasser, und nicht zu wissen, dass am Ende der Schienen der Tod wartet. 2025 13 Wer wird dann für sie sprechen? Wer wird dann die Erinnerung tragen? Wir sagen oft, dass wir aus der Geschichte gelernt haben. Aber haben wir das wirklich? Lassen Sie uns von Menschen sprechen, von einem Kind, das im Ghetto hungerte, die Hände um einen harten Brotkanten gelegt, so fest, als könnte es den Tod selbst bewältigen; von einer Mutter, die ihr Kind im Arm hielt, während SS-Männer auf dem Bahnsteig entschieden: links oder rechts – Leben oder Tod; von einer jungen Frau, die in Auschwitz zwischen Bergen von Schuhen stand und den Geruch von verbranntem Fleisch einatmete, wissend, dass darunter ihre Eltern waren; von all jenen, die dachten, sie hätten noch ein Morgen, und in den Waggons starben, bevor sie das Lager erreichten; von denen, die ihre letzten Worte nie aussprechen konnten. Die Schoah ist nicht abstrakt. Sie war Leben – gestohlen, vernichtet, in Rauch aufgelöst. Was bedeutet es dann, dass wir heute 80 Jahre befreit sind? Ist die Befreiung beendet, wenn Synagogen unter Polizeischutz stehen müssen? Ist die Befreiung beendet, wenn jüdische Schüler ihre Identität verbergen, um nicht bedroht zu werden, wie vor wenigen Tagen ein zwölfjähriger Junge in Berlin, der eine Kippa trug? Ist die Befreiung beendet, wenn auf deutschen Straßen wieder skandiert wird: „Tod Israel!“, „Tod den Juden!“? Wir stehen hier, 80 Jahre später, und sehen, dass die alten Gesichter nicht verschwunden sind. Sie haben ihre Gesichter verändert, aber ihr Hass bleibt derselbe. (Dennis Hohloch [AfD]: Sie haben die Hautfarbe verändert! – Gegenruf von der SPD: Das ist unfassbar!) Die Welt hat sich verändert, aber der Antisemitismus hat überlebt. Er überlebte den Krieg. Er überlebte die Prozesse von Nürnberg. Er überlebte die Schwüre von „Nie wieder!“. Ist das genug? Ist das genug? Ist das beendete Befreiung? Wahre Befreiung ist nicht der Tag, an dem Auschwitz geöffnet wurde. Wahre Befreiung ist der Tag, an dem kein Mensch mehr Angst haben muss, weil er Jude ist. – Dieser Tag ist nicht gekommen. Werden wir unseren Kindern eine Welt hinterlassen, in der sie sich nicht mehr verteidigen müssen, oder werden wir sie in eine Zukunft schicken, in der sich die Geschichte wiederholt? „Nie wieder!“, das bedeutet nicht Erinnerung allein. „Nie wieder!“ bedeutet handeln. „Nie wieder!“ bedeutet, nicht zu schweigen, wenn sich Hass erhebt. „Nie wieder!“ bedeutet, nicht erst zu reagieren, wenn es zu spät ist. „Nie wieder!“ bedeutet, dass wir nicht darauf warten, dass der letzte Zeitzeuge geht, bevor wir den Kampf gegen Antisemitismus ernst nehmen. Wir schulden es den Millionen Menschen, die keine Stimme mehr haben. Wir schulden es den Überlebenden, die ihre Albträume mit ins Grab nehmen. Wir schulden es den kommenden Generationen, dass wir ihnen eine Welt hinterlassen, in der sie keine Angst haben müssen, sie selbst zu sein. 80 Jahre nach der Schoah dürfen wir nicht nur erinnern, wir müssen verhindern. Denn Befreiung ist nicht nur ein Ereignis der Vergangenheit, Befreiung ist eine Aufgabe der Gegenwart. Und solange jüdisches Leben in Deutschland bedroht ist, solange Hass wieder auf unseren Straßen marschiert, (Dennis Hohloch [AfD]: Importierter Hass! – Gegenruf von der Regierungsbank) solange „Nie wieder!“ ein Versprechen bleibt, das gebrochen werden kann, so lange sind wir nicht endgültig befreit. Am Israel Chai! – Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. (Anhaltender Beifall SPD, BSW und CDU)

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