Elske Hildebrandt
Ja, also beim politischen Handeln gibt es Aushandlungsprozesse, aber die Entwicklung der Sprache ist ein Prozess, der sich im Laufe der Zeit vollzieht. Ich werde auch noch einmal darauf eingehen, wie sich Sprache entwickelt. (Beifall SPD sowie vereinzelt BSW) Ich sprach gerade davon, dass es Frauen gibt, die sagen, sie seien Ingenieur, und junge Männer, die beim Sprechen die Lücke lassen. Ich mache beides nicht, und anders, als der Antrag suggeriert, wurde ich hierfür noch von keiner Seite angefeindet oder – so heißt es im Antrag – diskriminiert. (Andreas Galau [AfD]: Irgendwann ist immer das erste Mal!) Einerseits – hören Sie jetzt gut zu – entwickelt und verändert sich unsere Sprache bedingt durch gesellschaftliche Veränderungen, und bestimmte Sprechweisen werden sich durchsetzen – andere nicht. (Beifall SPD sowie vereinzelt BSW) Auch AfD-Abgeordnete, Herr Kaufner, werden in Ausschüssen inzwischen beim versehentlichen Gendern erwischt. (Heiterkeit bei SPD, BSW und CDU sowie Zurufe: Was?!) – Ja! Da hat er sich gleich entschuldigt. (Heiterkeit SPD, BSW und CDU) Andererseits prägt Sprache natürlich auch unsere Gesellschaft und unser Bewusstsein. Das ist hinlänglich bekannt; dafür muss im Antrag auch nicht die Sapir-Whorf-Hypothese bemüht werden. Bei „Chirurg“, „Arzt“ oder „Forscher“ denkt man inzwischen nur an Männer. Dass Berufsbezeichnungen lange nur in der männlichen Form genutzt wurden, ist Abbild unserer Gesellschaft. Aber es prägt natürlich auch unser Denken und unsere Vorstellung. Und es gibt schon lange Studien – das wissen wahrscheinlich alle hier –, die deutlich aufzeigen: Wenn Berufe in geschlechtergerechter Sprache dargestellt werden, also auch von der Chirurgin, der Ärztin und der Forscherin die Rede ist, dann schätzen Mädchen diese Berufe als erreichbar ein. Auch Langzeitstudien bestätigen einen nachhaltigen Effekt. (Zwiegespräche zwischen Abgeordneten von CDU und AfD) Gesellschaftlicher Diskurs – hören Sie gut zu! – zur Gleichstellung von Frauen hat hier eine Veränderung in der Sprache bewirkt, und diese wirkt ihrerseits auf die Gesellschaft. (Beifall SPD sowie vereinzelt BSW) Weil Ihnen diese sprachliche Sichtbarmachung von 51 % unserer Bevölkerung aber offensichtlich nicht passt, (Björn Lüttmann [SPD]: Die haben ja keine Frauen!) bezeichnen Sie sie als Manipulation radikaler Genderideologen und als Genderexperiment. Das verrät sehr viel über die antragstellende Partei und auch über ihren Umgang mit Sprache. Zum Bereich Schriftsprache: Der Rat für deutsche Rechtschreibung hat deutlich gemacht, das Wortbinnenzeichen nicht in das Amtliche Regelwerk der deutschen Rechtschreibung aufgenommen werden können, weil sie derzeit nicht wissenschaftlich eindeutig zu begründen seien. (Dr. Hans-Christoph Berndt [AfD]: Das hat Herr Kaufner doch erklärt!) Was Sie nicht erwähnt haben: Der Rat hat betont, dass man nicht darüber hinwegsehen könne, dass es die Nutzung dieser Sonderzeichen gibt, und man die Entwicklung weiter beobachten werde. Konkret zu den Schulen: Es gibt nur drei Bundesländer, die es verbieten und die Verwendung als Fehler bewerten. Die Mehrheit der Bundesländer erlaubt es oder lässt es einfach zu. Und es gibt Bundesländer wie Brandenburg, die es in Arbeiten erlauben, es als Normabweichung markieren, aber nicht als Fehler anrechnen. Für die Kommunikation an Schulen gibt es einen Leitfaden des MBJS. An den Unis ist es ähnlich: Es gibt die deutsche Rechtschreibung, und es gibt die Hochschulautonomie. Aushandlung und Diskurs – was ist warum oder warum nicht erlaubt, erwünscht, geduldet? – gehören zur Auseinandersetzung mit der eigenen Sprache, gerade an Universitäten. Für die Einheitlichkeit von Gesetzen und Rechtsverordnungen gibt es die Gemeinsame Geschäftsordnung für die Ministerien des Landes Brandenburg. Darin sind Verbindlichkeiten formuliert – Anlage 10 zu § 21, Punkt 5b, Randnummern 34 bis 46. Und übrigens: Die Brandenburgerinnen und Brandenburger haben ganz andere Anliegen. Es geht um gleiche Löhne und Arbeitszeiten in Ost und West, es geht um Fachkräfte, um Arbeitsplätze, um unsere Kitas, Schulen, Kulturangebote, Krankenhäuser, Busse und Bahnen. Wer wie spricht oder schreibt, wird nur von Kräften zum Problem aufgeblasen, die Interesse an ständiger Empörung und Aufregung haben. (Beifall SPD, BSW und CDU) Deshalb bringt die AfD in den Landesparlamenten und im Bundestag ständig solche überflüssigen Anträge ein. Wer hier im „Genderwahn“ ist, ist also ganz deutlich. (Heiterkeit und Beifall SPD, BSW und CDU) Lassen Sie es mich abschließend formulieren: Wir möchten …
